EM-Star

Warum Balotelli mit Hingabe sein Bad-Boy-Image pflegt

Dartpfeile, Mafiabosse und Prostituierte: Die gängigen Geschichten über Balotelli handeln selten von Toren oder Erfolgen.

Cesare Prandelli war ganz froh, dass es mal nicht nur um Mario Balotelli ging. Um irgendwelche Skandale oder Skandälchen seines Stürmers, um all die Risiken, die sein Einsatz bürgen könnte. In den Tagen zuvor hatte Italiens Trainer jede zwei Frage zu dem Mann beantworten müssen, der es in Sachen Aufmerksamkeit bei dieser Europameisterschaft ja gar mit Cristiano Ronaldo aufnehmen kann – in Sachen Exzentrik hat er ihn sowieso schon längst überholt. Aber das alles spielte am Tag nach dem Halbfinaleinzug der Italiener gar keine Rolle. Diesmal konnte sich Prandelli mit rein sportlichen Dingen befassen, selbst bei der obligatorischen Frage nach Balotelli. Mario, sagte Prandelli also, habe gegen England eine sehr gute Leistung geboten. Und für alle, die immer an ihm gezweifelt hätten: „Beim Elfmeterschießen hat er gezeigt, dass er viel Charakter hat.“

Nervenstark im Elfmeterschießen

Es war eine Szene, die fast ein wenig Western-Charakter hatte. Balotelli, der Mann von Manchester City, schritt als Erster der Italiener zum Punkt, und Joe Hart, der englische Torwart und in Klubzeiten sein Teamkollege, legte den Weg rückwärts zurück. So sahen sie sich an. Mal lächelte Balotelli, mal schaute er ernst. Hart ebenso. Am Ende gewann Balotelli das Duell, ein platzierter Schuss ins Eck, Italien führte. „Er hatte mir gesagt, dass er den ersten Elfmeter schießen will“, erzählte Prandelli. Der Druck muss immens gewesen sein, auch wenn Balotelli den Coolen mimte.

Er ist einer der begnadetsten Angreifer, schon die ganz Großen der Branche haben ihm Potenzial bescheinigt, wie es nur wenige haben. Nur ist das eben nicht alles bei einem wie Balotelli, der sein Bad-Boy-Image mit Hingabe zu pflegen versteht. Er war italienischer Meister und ist Meister in England, vor zwei Jahren wurde er gar zum besten Nachwuchsspieler Europas gekürt. Doch die gängigen Geschichten über Balotelli handeln selten von Toren oder Erfolgen, es sind kapriziöse Episoden. Jugendspieler von City, die er einst mit Dartpfeilen bewarf. Feuerwerkskörper, die er im Bad zündete. Mafiabosse, von denen er sich Neapel zeigen ließ. Sein Luxuswagen, mit dem er in einem Frauengefängnis einbrach, angeblich um eine Prostituierte zu beglücken. Beim anschließenden Verhör gab er zu Protokoll, er habe nicht gewusst, dass für den Besuch eine Erlaubnis nötig sei. All das gehört zu seiner Biografie. Er sagt, jeder, der ihn wirklich kenne, wisse, dass er kein böser Bube sei, sondern schüchtern. Balotelli hat mitunter ein sehr kindlich wirkendes Gemüt, eine Mischung aus Unreife und Trotzreaktion. Vor allem jedoch reflektiert er nur selten, was er tut.

Es gab kaum einen Trainer, den er nicht in den Wahnsinn trieb. Jose Mourinho bescheinigte ihm einst bei Inter Mailand aufreizende Trainingsfaulheit. Und selbst Roberto Mancini – er förderte ihn einst bei Inter und befehligt ihn nun bei City –, suspendierte ihn in der vergangenen Saison in schöner Regelmäßigkeit, weil er sich Rote Karten wegen unsäglicher Tätlichkeiten abgeholt hatte. Dennoch sagt Mancini: „Er ist er ein guter Mensch.“ Auch Nationaltrainer Prandelli hat ähnlichen Duktus mal bemüht. Er gilt als einer, der solche Charaktere zu zügeln weiß. Unter seinem Vorgänger Marcello Lippi jedenfalls wäre Balotelli auf Lebzeiten außen vor gewesen.

Vor dem Spiel gegen England gab Balotelli eine Pressekonferenz in Kiew, die einerseits überaus launig war, die vor allem aber viel über ihn aussagte. Der Dialog nahm mitunter gar skurrile Züge, als er, der 21-Jährige, in der dritten Person über sich sprach. „Mario muss niemandem etwas beweisen, nicht den Engländern, nicht den Italienern oder sonst wem“, sagte er etwa. Und überhaupt, „ich habe den Arsch nicht in Nutella“, sagte er noch. Prandelli, er saß daneben, schaute ein wenig verwundert ob dieser doch eigenartigen Redewendung.

Balotellata haben sie in Italien Sprüche genannt, die nicht groß Sinn ergeben. Das mag amüsant sein, andererseits wurde auch immer wieder darüber diskutiert, ob einer wie Balotelli, dieser leicht reizbare Charakter, nicht eine viel größere Gefahr für die eigene Mannschaft ist. Seine Schwester Cristina, eine italienische Fernsehjournalistin, hat sich jüngst zu Wort gemeldet. Ihre Eltern hatten Mario, der einst in Palermo als Kind ghanaischer Einwanderer geboren wurde, mit drei Jahren bei sich aufgenommen. Ihr Bruder, sagte Cristina nun, sei ein sehr spontaner Mensch. „Er ist nicht verrückt, nur ein bisschen ungezogen.“ Aber sie mache sich Sorgen, ob er all dem Druck standhalte. Über keinen werde so ausdauernd berichtet. „Er tut oft Dinge, mit denen er sich selbst schadet, weil er so naiv ist.“

Mit dem Ruhm überfordert

Dass es nur Naivität ist, mag bezweifelt werden. Balotelli wirkt wie einer, der viel zu schnell an viel zu viel Geld kam, den das Spiel aus Ruhm, Reichtum, und Aufmerksamkeit unweigerlich überfordern musste. Es ist immer auch eine Frage des Umfeldes, sagt Mancini und verweist auf Balotellis Historie in Italien. Auch das mag ein Grund für seine aberwitzigen Reaktionen sein. Damals, noch bei Inter Mailand, wurde er oft angefeindet, selbst von den eigenen Fans, wegen seiner aufreizenden Spielweise und auch wegen seiner Hautfarbe. Mit 15 schon debütierte er mit einer Ausnahmegenehmigung des Verbandes in der dritten Liga, zwei Jahre später – mittlerweile in den Diensten von Inter Mailand – in der Serie A. 2010 wechselte er für knapp 30 Millionen Euro Ablöse zu Manchester City. Sein Karrieretempo ließ nicht viel Raum für Reflexion. Mancini sagt: „Es ist besser, wenn Mario nicht spricht, sondern nur spielt.“ Nur ist das eben bei Balotelli eines jener Dinge, die noch überaus ausbaufähig sind.

Es war das entscheidende EM-Gruppenspiel gegen Irland, Prandelli hatte Balotelli erst spät eingewechselt. Er machte ein Tor, das all sein Können, seine Wucht auch seine technische Begabung zeigte, ein herrlicher Seitfallzieher. Doch statt zu jubeln lamentierte er in Richtung Trainerbank. Sein Mannschaftskollege Leonardo Bonucci jedenfalls war zur Stelle und hielt ihm die Hand vor den Mund zu. Es war ein typischer Balotelli, auch wenn Prandelli das alles nicht überbewertet wissen wollte. Prandelli sagt: „Der Weg vom Talent zum Star ist kompliziert und weit.“ Die EM mag für Balotelli lediglich ein kleiner Schritt dahin sein.

Spaßvogel und Trotzkopf Mario Balotelli hält sich selbst für schüchtern, seine Eskapaden abseits des Platzes aber brachten ihm den Ruf eines Enfant terrible ein. Bei der EM ist der Italiener einer der Stars und ist für jeden Spaß zu haben

Getty Images/Scott Heavey