Euro 2012

Kanzlerin Merkel wird zum obersten deutschen Fan

Ballverliebt wie eh und je - die Bundeskanzlerin wird bei der EM zum Oberfan des deutschen Teams. Selbst Platini geht mit.

Foto: DPA

Freiwillig möchten wir nicht Angela Merkel sein. Selbst wenn sie als bibbernder Fußballfan zum Knuddeln ist wie zuletzt, spucken ihre Feinde Gift und Galle – wie jene Griechen, die auf der Tribüne in Danzig eine Kanzlerinnenpuppe fürchterlich quälten und ihr die Arme und Beine einzeln herausrissen wie einer Stubenfliege. Aber damit der Schmerz schnell wieder nachließ, kritzelte vis a vis ein deutscher Fan auf seinen Pappendeckel: „Hallo, Mama!“

Mama ist wieder da, so lebensbejahend wie der Fußball, den ihre Jungs da unten spielen. Ballverliebt wie eh und je ist sie, der Ekstase nahe, Schreie des Glücks stößt sie aus, ballt die Hände zu Fäusten und breitet die Arme aus, dass ihr grüner Glücksblazer in den Achseln knirscht.

Was soll da schiefgehen. Neulich war Stefan Kretzschmar in „Waldis Club“, als Beweis dieses blinden Vertrauens, und der Handballspieler sagte: „Wir kommen kampflos weiter, unsere Kanzlerin sorgt vor dem Viertelfinale noch dafür, dass die Griechen aus dem Euro fliegen und aus der EM.“

Aber das wäre zu billig gewesen, so war es jetzt eleganter – angeblich hat sie sich bei „Jogi“ Löw sogar dafür stark gemacht, dass wir zwei reinlassen.

Die Erste in der Kabine

Die Zwei verstehen sich. Es ist bereits das vierte Halbfinale, das sie zusammen erreicht haben. 2006 ging es los, als die Kanzlerin beim Sommermärchen mit „Kaiser Franz“ Boogie-Woogie tanzte.

Bei der EM 2008 hat sie dann den auf die Wiener Tribüne verbannten Löw zum ersten staatstragenden Gespräch empfangen, aber am tollsten waren ihre Gefühlsaubrüche anno 2010 gegen die Argentinier, als sie nach jedem Tor als Running Gag fassungslos, mitgerissen, überwältigt und ziellos über die Tribüne irrte, um irgendeinen zu finden, den sie noch nicht umarmt hatte. Ein paar Meter weiter saß Mick Jagger, und am liebsten hätte er ihr sein „Angie“ ins Ohr gesungen.

Eine Kanzlerin auf Ballhöhe. Ohne ihre Ekstase auf der Tribüne, ihre Abendessen im Mannschaftsquartier und ihre Kabinenpredigten würde gar nicht mehr angepfiffen. Und Löw kann seinen blauen Pullover inzwischen weglassen, Mama kommt ja im grünen Blazer.

Das nennen wir Talisfrau. „Gebibbert“ hat sie, um sich gefuchtelt, ihrem Nebensitzer Wolfgang Niersbach schier das präsidiale Schlüsselbein entzweit, und hinterher war sie die Erste in der Kabine.

„Toll gemacht“, sagte Mama, und Mesut Özil lachte – früher ist er noch vor ihr erschrocken, wenn er wie Gott ihn schuf aus der Dusche kam. „Sie ist unser Edelfan“, sagen die Spieler.

Selbst Platini schäkert mit ihr

Sogar Michel Platini ist diesem fußballverrückten Charme erlegen. Dabei wirkt Monsieur grundsätzlich eher mürrisch, wenn neben ihm deutsch gejubelt wird, denn als traumhaft kickender Franzose hat der Uefa-Boss früher gegen die Deutschen alles verloren, was ging – und noch bei der EM 2008 hat er lieber mit der leeren Sitzschale neben sich gesprochen als mit Merkel. Jetzt schäkert er mit ihr.

Und doch, wie eingangs erwähnt: Es wird auch gemeckert. Alles Kalkül, schimpfen die Merkel-Feinde von der anderen Feldpostnummer und glauben, dass die Kanzlerin das Regieren auf die Tribüne verlagert hat, um von ihrer Politik abzulenken. Macht sie im Rahmen der inszenierten Volksnähe sozusagen die Schwalbe auf der Tribüne, sonnt sie sich als Glamourgirl im Glanz des „Jogi“-Fußballs? Der Zeitgeist ist skeptisch, wenn es um Politiker geht, und Bastian Schweinsteiger hat den Bundespräsidenten neulich nicht einmal mit der Kneifzange angefasst. Aber bei der Kanzlerin war er jetzt traurig, dass er bei ihrem Kabinenbesuch „gerade unter der Dusche stand“.

Die Anwesenheit als Glücksbringerin wird von den Spielern goutiert, denn nicht jeder Kanzler war so. Der alte Adenauer ließ die 54er-Helden in Bern schamlos allein, weil er eine gesicherte Mehrheit hatte und dachte, Herbergers ausgemergelte Kriegsheimkehrer seien chancenlos.

So flach kann ein Kanzler den Ball heute ungestraft nicht mehr halten, und am wenigsten hat es Gerhard Schröder getan, der unvergessene „Fußballkanzler“. Auf den schönsten Fotos, die ihn beim Regieren zeigten, jonglierte er mit Pele auf der Terrasse des Kanzleramts, und griffbereit hatte er Ball und eine aufblasbare Torwand im Kofferraum, um auf dem nächsten Markt seine schärfsten Argumente abzuschießen, drei unten, drei oben.

Helmut Kohl hatte mehr Glück

Aber die Chance, bei den finalen Höhepunkten eines großen Turniers mit dem Fallschirm ins Stadion abzuspringen, mit dem Ball unter dem Arm, punktgenau auf den Anstoßkreis, bekam Schröder nie: Er hat sich zum Regieren die falsche Zeit ausgesucht – die der Ramelows.

Helmut Kohl hatte da, dank der Gnade der frühen Geburt, mehr Glück. 1990 füllte er in Rom als Weltmeister die Kabine und 1996 in London als Europameister – und anderntags hat er vier Tornados losgeschickt, als Geleitschutz und Empfangskomitee für die heimkehrenden Wembley-Helden. „Immer wenn ich Sorgen habe, rufe ich den Kanzler an“, sagte damals der Bundestrainer Vogts.

So eng ist das Verhältnis jetzt wieder, und Löw hofft, dass Merkel ihre Amtsgeschäfte am Donnerstag bei der Sitzung des Europarats in Brüssel ruhen lässt und wieder in den Hubschrauber steigt – auf jeden Fall zum Finale am Sonntag in Kiew.

Schwarz-rotgoldene Lachgrübchen

Wenn wir dem gewöhnlich gut unterrichten Maulwurf im deutschen Quartier glauben dürfen, spielen dann erneut Reus und Schürrle, und in puncto Kanzlerin ist folgendes Protokoll vorgesehen: Sie kommt erstmals auch mit schwarz-rotgold tätowierten Lachgrübchen – und beim entscheidenden Kopfball von Klose springt sie hoch, sprengt mit angewinkelten Armen ihrem ukrainischen Nebensitzer Janukowitsch das Schultereckgelenk und tauscht am Ende mit dem traurigen spanischen König Juan Carlos die Bluse, um der Welt zu zeigen, dass wir Deutschen gute Gewinner sind.

Freund und Feind dürfen also beruhigt sein: Bis in den Ellbogen hat Angela Merkel das nötige Fingerspitzengefühl, um Politik und Fußball gut zu dosieren.