Gegen Deutschland

Griechenlands Fußball plagen Probleme vor Viertelfinale

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Simon Pausch

Der Fußball bleibt in Griechenland nicht verschont von der Krise. Die Probleme: Wettskandal, Steuerschulden, Hooligans, Zuschauermangel.

Drei, vier Fragen lang hat sich Michael Tsapidis das Schauspiel gefallen lassen. Dann platzte dem Pressesprecher der griechischen Nationalmannschaft der Kragen. Sie seien hier, um über Fußball zu sprechen, sagte er in einer Brandrede, die phasenweise Trapattoni-hafte Züge trug. Zum anstehenden Viertelfinale gegen Deutschland sei jede Frage erlaubt, zur politischen Situation in Griechenland keine mehr, zischte Tsapidis derart vehement in sein Mikrofon, dass sich die beiden Spieler Giorgos Samaras und Kyriakos Papadopoulos an seiner Seite verwunderte Blicke zuwarfen.

Krise verfolgt Griechen bis Warschau

Sie können die Diskussion um Finanzkrise nicht mehr hören, das war die eindeutige Botschaft im Norden Warschaus. Aber, und das wird selbst Herr Tsapidis einsehen: Die Krise trifft auch den griechischen Fußball, sogar hier in Polen.

Grigoris Makos und Nikos Liberopoulos zum Beispiel verfolgt sie bis ins knapp 2500 Kilometer von der Heimat entfernte Warschau. Das Duo steht bei AEK Athen unter Vertrag. Der Verein mit neun Meisterpokalen in der Vitrine gilt als größter Chaosklub in Griechenland.

Mehr als 100 Millionen Euro Schulden

Aller Tradition zum Trotz entzog der griechische Verband den Athenern vor Turnierbeginn die Startberechtigung für die Europa League. Die hatte AEK als Ligafünfter zwar sportlich erreicht, finanziell war der Verein jedoch alles andere als Europa-reif – und für viele steht er damit sinnbildlich für das ganze Land. „Das ist ein schwarzer Tag in der Geschichte von AEK“, klagte Präsident Andreas Dimitrelos: „Wir haben 35 Millionen Euro Schulden. Aber für 23 davon trägt der Staat die Verantwortung.“ Seit 2004 spielt AEK im riesigen Olympiastadion vor einer Mini-Kulisse. Der Klub beantragte deswegen schon vor einigen Jahren die Insolvenz, nimmt aber weiterhin am Spielbetrieb teil. Die Steuerschulden des Gesamtvereins sollen mehr als 100 Millionen Euro betragen. Doch die Finanzbehörden sind mit dem Eintreiben der landesweit ausstehenden Steuern von 30 Milliarden Euro hoffnungslos überfordert.

Verhandlungen mit ausländischen Investoren

Neben AEK wurden fünf weitere Vereine von der Uefa wegen ihrer maroden Finanzen verwarnt und mit Transfersperren belegt: Sie dürfen nur griechische Talente für die kommende Saison verpflichten. Auch Aris Saloniki, der Arbeitgeber von Nationaltorhüter Michalis Sifakis, ist davon betroffen. Die Klubs, die davonkamen, haben längst andere Geldquellen angezapft. Panathinaikos Athen etwa verhandelt mit arabischen Investoren, Lokalrivale AEK soll mit Geldgebern aus Italien und Russland sprechen. Weil der Staat die Zahlungen an den Verband reduzierte, kann der auch weniger Geld an die Klubs weiterleiten. Im Amateurbereich konnten deswegen viele Teams nicht mehr zu Auswärtsspielen reisen, in der Zweiten und Dritten Liga fielen ganze Spieltage aus, weil die Spieler wegen ausstehender Gehälter streikten.

Molotow-Cocktails und bengalische Feuer

Auch auf den Rängen machen sich die leeren Geldbeutel bemerkbar. Der Zuschauerschnitt stürzte in der abgelaufenen Saison in den Keller. Wer um seinen Job fürchtet, überlegt sich zweimal, seine Ersparnisse zum Lieblingsklub zu tragen. Diejenigen, die kamen, sorgten nicht selten für Krawalle. Das Prestige-Duell zwischen Olympiakos Piräus und Panathinaikos Athen wurde abgebrochen, weil Hooligans Molotow-Cocktails auf die mal vollbesetzten Haupttribünen geworfen hatten. Auch auf dem Spielfeld brannte es, nachdem Raketen und bengalische Feuer eine Werbebande entflammt hatten. Zwei Wochen später wurde auch die Partie zwischen Saloniki und Tripoli vorzeitig abgepfiffen, weil der Linienrichter eine halb volle Plastikflasche an den Kopf geworfen bekommen hatte und nicht weitermachen konnte. Durch die dünner werdenden Geldströme von Verband und Zuschauern waren die Klubs zum Sparen gezwungen – offenbar haben sie bei den Sicherheitsdiensten in ihren Stadien begonnen. „Wir spielen hier bei der EM nicht für uns, sondern für alle Griechen. Die Leute warten schon lange auf einen Grund zu lächeln“, sagte daher Nationalstürmer Samaras, „und den wollen wir ihnen geben.“

Diskussion um Olympiateam

Der 27-Jährige spielt bei Celtic Glasgow. Er ist damit einer von sieben Auslandsprofis im aktuellen Kader. Ihre Zahl wächst. Das liegt nicht nur am überraschend guten Abschneiden bei der EM, sondern auch an der Geldnot zu Hause. Bei Serienmeister Olympiakos mussten teure Altstars wie Torwartlegende Antonios Nikopolidis oder der Däne Dennis Rommedahl gehen. Ihre Gehälter waren einfach zu hoch.

Nicht nur der Fußball krankt an den Sparmaßnahmen, zu denen Griechenland verdonnert worden ist. Es brauchte ein Machtwort von Sportminister Panagiotis Bitsaxis, um die Diskussionen über das griechische Olympiateam zu beenden. Viele Sportler hatten im Frühjahr ihre Vorbereitung auf Anraten der nationalen Athletenvereinigung eingestellt. Die Leichtathleten hatten sogar gedroht, gar nicht nach London zu reisen, wenn die radikalen Einschnitte in ihrem Trainingsetat nicht zurückgenommen würden. Ende April sagte Bitsaxis: „Es werden rund 100 Sportler nach London fahren, aber die Finanzkrise kann den Sport nicht unberührt lassen. Unsere Ressourcen sind knapp.“

Asteras Tripolis ersetzt AEK Athen

In der Europa League ersetzt übrigens Asteras Tripolis die gesperrten Bankrotteure von AEK Athen. Dabei drohte dem Team lange Zeit der Lizenzentzug. Bis zur Mitte der Saison, die wegen der Nachwirkungen eines gigantischen Wettskandals kurz vor der Absage stand und dann deutlich verspätet begann, rangen die Anwälte von Asteras mit dem Vorwurf, sich den Klassenerhalt in der Vorsaison mit Schmiergeld erkauft zu haben. Nach monatelangem Hin und Her wurde die Anklage fallen gelassen. Von August an bereist das Team als Botschafter Griechenlands Fußball-Europa.