Gegen Ukraine

Regengott Ribéry führt Frankreich im Gewitter zum Sieg

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Der Geheimfavorit Frankreich hat sich gegen den EM-Gastgeber 2:0 (0:0) durchgesetzt und nimmt Kurs aufs Viertelfinale.

Nach dem Donnerwetter von Donezk lachte Andrej Schewtschenko im Arm von Laurent Blanc. Dennoch: Vielleicht, mag der Star der ukrainischen Nationalmannschaft gedacht haben, wäre ein Spielabbruch wegen des Gewitters doch besser gewesen. Das Wasser strömte unaufhörlich von oben herunter, die Blitze zuckten gleißend hell über den nachtschwarzen Himmel, als Schiedsrichter Björn Kuipers (Niederlande) für die erste Spielunterbrechung in der EM-Historie wegen höherer Gewalt sorgte. Nach 4:17 Minuten schickte er die Ukrainer und die Franzosen in die Kabine.

Als nach 57 Minuten wieder gespielt wurde, setzte sich Geheimfavorit Frankreich gegen den EM-Gastgeber 2:0 (0:0) durch und nahm Kurs aufs Viertelfinale. Angetrieben von einem engagierten Franck Ribéry ließ sich Frankreich vor 49.000 Zuschauern von den Umständen nicht beirren und kam durch Jérémy Menez (63.) und Yohan Cabaye (56.) zu einem verdienten Erfolg. Die Ukraine verpasste damit den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale und muss nun in seiner letzten Vorrundenpartie der Gruppe D am Dienstag gegen England sogar den K.o. befürchten. „Am Wetter lag es nicht, das hat beide Teams gleich gestört. Ziel war nicht ein Unentschieden, sondern ein Sieg – wir waren dann ein bisschen zu offensiv. Das hat den Franzosen das zweite Tor ermöglicht. Aber es ist noch alles möglich, jetzt wollen wir gegen England gewinnen“, sagte Verteidiger Taras Michalik.

Erster Turniererfolg seit 2006

Frankreich durfte also nach langer Zeit wieder richtig feiern, seit 2172 Tagen genau. Zwar ist das Team von Trainer Blanc inzwischen seit 23 Partien ohne Niederlage und damit im Favoritenkreis der EM anzusiedeln. Bei großen Turnieren scheiterten die Franzosen zuletzt allerdings zwei Mal in der Gruppenphase, der letzte Sieg datierte von der WM 2006 in Deutschland. „Ich bin sehr zufrieden, ich habe meinen Spielern gratuliert. Das war ein Klassespiel meiner Mannschaft, es hat Spaß gemacht, zuzuschauen“, sagte Blanc.

Obwohl die Begleiterscheinungen schwierig waren. Bereits nach 4:17 Minuten wurden die Spieler vom Feld geschickt, weil es in Donezk sintflutartig zu regnen begonnen hatte. Auch der ukrainische Staatspräsident Wiktor Janukowitsch und Uefa-Boss Michel Platini zogen sich sofort in ihre trockenen Logen zurück. Innerhalb von Minuten war der Rasen von tiefen Pfützen durchzogen.

Die Szenen erinnerten an die Wasserschlacht in Frankfurt bei der WM 1974, als Gastgeber Deutschland bei irregulären Bedingungen 1:0 gegen Polen gewonnen hatte. Damals war es auch mit Hilfe zahlreicher Walzen nicht gelungen, den Platz einigermaßen bespielbar zu machen. Das Spiel wurde schließlich mit halbstündiger Verspätung angepfiffen. In der hochmodernen Donbass-Arena, 2009 fertiggestellt und mit einem ausgezeichneten Drainage-System ausgestattet, war der Platz trotz des Sturms anschließend einigermaßen ordentlich bespielbar.

Während einige Fans in der Wartezeit mit freiem Oberkörper vor den Fotografen tanzten, warteten die Akteure geduldig in den Katakomben auf die Fortsetzung und versuchten, sich mit Dehnübungen warm zu halten. Bayern-Star Ribéry zog sofort sein Trikot aus und unterhielt sich mit einem blauen Handtuch über den Schultern mit seinem ukrainischen Vereinskollegen Anatoli Timoschtschuk. Frankreichs Coach Laurent Blanc fachsimpelte mit Schewtschenko. Derweil versuchten emsige Ordner, mit Harken Löcher in den Rasen zu stechen, damit das Wasser besser versickern kann. Zudem wurde ein „Wassersauger“ eingesetzt, der aussah wie ein Riesen-Räsenmäher.

Nach der Wiederaufnahme der Partie entwickelte sich ein Spiel mit intensiven Momenten, aber kein Gourmetfußball. Ohnehin zum Siegen verdammt angesichts des müden 1:1 zum Auftakt gegen England waren die Franzosen präsenter und fanden schneller ihren Rhythmus. Die versprochene Renaissance der Spielfreude blieb aber zunächst aus.

Angeführt vom engagierten Ribéry vergaben die Franzosen durch Ménez und Philippe Mexès bis zur Pause gleich zwei Chancen (29./39.). Die beste Gelegenheit der abwartenden Ukrainer hatte Superstar Schewtschenko. Bei einem Konter zog der 35-Jährige von Halblinks ab, doch Frankreichs Schlussmann Hugo Lloris rettete. „Wir hatten unsere Momente, aber als Frankreich zwei Tore gemacht hat, wurde es schwer für uns“, sagte der ukrainische Trainer Oleg Blochin.

Immer wieder durchzuckten Blitze den Abendhimmel und sorgten teilweise für eine surreale Stimmung im Stadion. Auch das Spiel wurde nach dem Wechsel farbiger. In der 48. Minute verlor Ménez auch das zweite Eins-gegen-Eins-Duell gegen Torhüter Pjatow, im Gegenzug rauschte Schewtschenkos Schuss nur um Zentimeter am linken Winkel vorbei. Erst im dritten Anlauf durfte Ménez endlich jubeln. Nach feiner Vorarbeit von Ribéry und Karim Benzema ließ der Angreifer von Paris St. Germain Pjatow keine Chance (53.). Nur 180 Sekunden später veredelte Cabaye den zweiten Benzema-Assist mit seinem ersten Länderspieltor zum 2:0.

Schewtschenko und Co. waren minutenlang wie gelähmt durch den Doppelschlag. Nahezu ungehindert durften die Franzosen zaubern und hätten bei Cabayes Pfostenschuss (65.) beinahe auf 3:0 erhöht. Die ukrainischen Zuschauer pfiffen die Spieler aus. Für eine effiziente Schlussoffensive fehlte auf dem tiefen Platz die Kraft. „Wir müssen jetzt über unsere Fehler sprechen“, so Blochin.

( BMO )