Fußball-EM

Spanien will mit Bescheidenheit den Titel verteidigen

An Überheblichkeit sind in der Fußballgeschichte schon viele Favoriten gescheitert – die spanische Nationalmannschaft möchte das vermeiden.

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Die zentrale Botschaft erschließt sich buchstäblich auf den ersten Blick. Der wandert wie überall bei großen Sportveranstaltungen auch im EM-Quartier der Spanier notgedrungen über Zäune, und an diese hat der Verband ein paar bunte Plakate hängen lassen. „Geschichte gewinnt keinen Titel, Bescheidenheit schon“, steht darauf. Oder: „Geschichte bremst keinen Rivalen, Konzentration schon.“ Erstmals geht Spanien als Welt- und Europameister in ein Turnier, auch abgesehen von den Aushängen lässt sich dabei festhalten: Wenn irgendeiner aufgrund der vergangenen Erfolge abzuheben drohte, dürfte er inzwischen gelandet sein.

Spanien und sein bodenständiger Nationaltrainer Vicente del Bosque, so scheint es, haben klar analysiert, woran Favoriten in der Fußballgeschichte gescheitert sind: Überheblichkeit, Siegesgewissheit, Hybris. Die Franzosen von 2002 kommen einem in den Sinn, die ebenfalls als Welt- und Europameister anreisten, sich dann in den Kasinos vergnügten und nach der Vorrunde ohne eigenes Tor nach Hause geschickt wurden. Oder zuletzt die Brasilianer 2006. Mehr Favorit geht nicht, hieß es damals über Ronaldinho, Kaka, Ronaldo und Co. Auf ernsthaftes Training wurde verzichtet. Im Viertelfinale war dann Schluss.

"Die besten Spieler der Welt"

Den Status als Nummer eins des Weltfußballs, der damals noch Brasilien zugeschrieben wurde, hat inzwischen Spanien übernommen – und dabei geht es gar nicht mal in erster Linie um die harten Faktoren. Es geht um die Art, Fußball zu spielen, diesen Sport mehr erscheinen zu lassen als ein Gesamtprodukt von Technik, Athletik und Organisation. „Jogo Bonito“, schönes Spiel, oder „Futebol-Arte“, Kunstfußball, hieß das bei den Brasilianern. „Tiki-taka“ heißt es jetzt bei ihren Nachfolgern.

Den Ausdruck kennt das spanische Fußballvokabular seit den 1950er-Jahren, als ein baskischer Trainer seine Spieler lautmalerisch aufforderte, den Ball schnell und mit der ersten Berührung durch die eigenen Reihen wandern zu lassen. Zur dominanten Spielweise der zuvor wenig stilsicheren „Seleccion“ wurde dieses Kurzpassspiel jedoch erst in der Amtszeit von Luis Aragones (2004 bis 2008). Inzwischen haben es die Spieler komplett verinnerlicht. Alle Gegner bei großen Turnieren haben sich zuletzt in diesem Netz von Pässen verfangen – und immer mehr orientieren sich nun selbst daran. Spielgestalter Xavi sagte, er halte diesen Umstand für bedeutsamer als die errungenen Titel. „Wir haben die anderen mit der Idee infiziert, Fußball spielen zu wollen und nicht bloß zu spekulieren.“

Sportlich halten sich die Spanier für relativ unangreifbar. „Wir haben die besten Spieler der Welt“, betonte Flügelmann Pedro, und für die richtige Einstellung gibt es notfalls die Plakate – aber deshalb ist noch nicht alles eitel Sonnenschein in Gniewino. Die Nachricht vom tödlichen Herzinfarkt des in Spanien hoch geschätzten Trainers Manolo Preciado (54) überschattet das Idyll, der einen Tag später als neuer Trainer in Villarreal vorgestellt werden sollte. Jenseits der Trauer gibt es außerdem noch ein paar sportliche Ungewissheiten, die mit den verletzungsbedingten Ausfällen von David Villa und Carles Puyol zu tun haben. Sie allein verhindern, dass der auf Stetigkeit bedachte del Bosque überhaupt etwas an der Architektur der WM-Elf ändern muss.