Fußball-EM

Bad Boy Mario Balotelli ist Italiens Hoffnungsträger

Mit guten Leistungen wollen die Fußballer die gebeutelte Nation in Zeiten von Wettskandal, Erdbeben und Wirtschaftskrise aufmuntern.

Foto: REUTERS

Ein paar Schritte können seinen Ruf ruiniert. Jahrelang hat Mario Balotelli dafür gearbeitet, als Enfant terrible des europäischen Fußballs zu gelten. Der italienische Nationalstürmer hat mit Dartpfeilen auf Talente seines Klubs Manchester City geworfen, er hat in seinem Badezimmer Böller gezündet, bis die Feuerwehr kam, er hat Trainer mit Roten Karten und überheblichen Hakentricks zur Weißglut gebracht und die Worte Arroganz und Ignoranz neu definiert. Mehr Bad Boy geht nicht.

Jetzt steht der 21-Jährige ganz ruhig auf dem Trainingsplatz in Krakau und überlegt. Mit seinen Kollegen spielt er gerade drei gegen eins. Wer im Kreis steht, muss den Ball kriegen. Balotelli spielt einen Fehlpass, eigentlich müsste er jetzt den Ball holen und anschließend in die Mitte. Vier, fünf Sekunden steht er da und scheint zu grübeln, ob er das wirklich machen soll. Er zuckt kurz die Schultern und tut einfach wie eingefroren. Ein Mitspieler hat keine Lust länger zu warten, joggt los und holt das Spielgerät. Balotelli tut nichts, was zu brav wirkt.

Hoffen auf die Sensation

Am Sonntag (18 Uhr, ZDF) startet er mit Italien in die EM, gleich zum Auftakt geht es in Danzig gegen Titelverteidiger Spanien. Hoffentlich fällt Balotelli da nicht wieder negativ auf, dürfte Nationaltrainer Cesare Prandelli denken. Hoffentlich sorgt er für eine Sensation, hofft ganz Italien.

Der Stürmer ist einer der wenigen Hoffnungsträger in Zeiten des Wettskandals um die Nationalspieler Gianluigi Buffon und Domenico Criscito. Kurz vor dem Abflug nach Polen hatten Polizisten Criscitos Zimmer im Trainingslager in Florenz durchsucht. Trainer Cesare Prandelli strich den Verteidiger von Zenit St. Petersburg aus dem EM-Kader, der ebenfalls verdächtigte Verteidiger Leonardo Bonucci von Juventus Turin durfte mit nach Polen, obwohl die Staatsanwaltschaft weiter wegen Sportbetrugs und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung gegen ihn ermittelt. Cristico findet das ungerecht und sorgt mit Interviews für Wirbel. Welche Nationalspieler die Ermittler noch alles verdächtigen, ist unklar. Im EM-Quartier der Italiener ist die Angst jedenfalls zu spüren.

Wettskandal, Erdbeben, Wirtschaftskrise – Italien ist gebeutelt. Die Fußballer sollen die Nation aufmuntern, mit guten Leistungen. Die trauen ihnen aber nicht viele zu. Die Unruhe um die Mannschaft und das ernüchternde 0:3 im letzten EM-Test gegen Russland hat die Erwartungen sinken lassen. Italien ist mal kein Favorit. Nicht auf den Titelgewinn, für viele nicht mal auf den Einzug ins Viertelfinale.

Vom Prunkstück zum Sorgenkind

Vor allem die Abwehr macht Sorgen, Verteidiger Andrea Barzagli vom VfL Wolfsburg fällt in den ersten Spielen gegen Spanien und Kroatien aus. Ausgerechnet die Defensive, traditionell das Prunkstück Italiens, ist zum Sorgenkind geworden. Gegen Spanien werden sie wohl nur mit drei Verteidigern spielen. Vorsorglich hat der viermalige Weltmeister Davide Astori nachnominiert, Trainer Prandelli muss die Defensive umbauen: Gegen die Iberer wird er voraussichtlich den Mittelfeldspieler Daniele De Rossi als Innenverteidiger einsetzen. Abwehrspieler Giorgio Chiellini klingt fast verzweifelt, als er sagt: „Die Spanier sollen gefälligst Angst vor uns haben.“ Es bleibt wohl nur, auf die Offensive um den launischen und in seiner Form schwankenden Balotelli zu hoffen.

Damit der Auftakt in die Gruppenphase nicht misslingt, bettelt Torwart Buffon nun um die Unterstützung der Fans. Via Internetportal Facebook rief er sie auf: „Eure Unterstützung und Zuneigung wird entscheidend sein.“ Zusammenhalt sei das stärkste Signal für alle, die einen Keil zwischen Mannschaft und Anhängern treiben wollen. Der als Zocker geltende Buffon meint wohl die Medien, er sieht sich wegen der Verdächtigungen im Wettskandal als Opfer. Mit der EM beginne für Italien eine Zeit der Prüfung. „Ich würde zwei oder drei Jahre meines Lebens geben, um wieder dorthin zu gelangen, wo wir alle hinwollen. Mein Traum ist, Italien wieder feiern zu sehen. Ich will, dass die Menschen auf unsere Mannschaft stolz sind“, so Buffon.

Viel zu sehen kriegen die Fans in Polen nicht von den Italienern: Sie trainieren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, selbst Journalisten dürfen nur die ersten 15 Minuten zu sehen. Sie haben sich in ihr schönes Hotel in Krakau zurückgezogen, nur zu wenigen Pressekonferenzen kommen die Spieler in das „Casa Azzurri“, einem extra eingerichteten italienischen Haus im Zentrum. Trainer Prandelli meint, dass es zuletzt genug Ablenkung gab. Jetzt gilt nur noch Konzentration. Und Siege.

Sagt, was er denkt

Er hält Balotelli für einen wichtigen Faktor bei dieser Mission. Und der exzentrische Stürmer hat angekündigt, bei dem Turnier den Durchbruch schaffen zu wollen. Seine Qualitäten sind im Kader unbestritten, doch viel getan hat er für den italienischen Fußball noch nicht. Spaniens Abwehrchef Gerard Pique lästert beim Vergleich zwischen Italiens Spielgestalter Andrea Pirlo – mit 33 Jahren in der Form seines Lebens – und Balotelli: „Balotelli gewinnt Spiele, Pirlo holt Titel.“

Balotelli wurde als Sohn ghanaischer Eltern auf Sizilien geboren. Mit 16 schaffte er es zum Profi, 2008 erhielt er die italienische Staatsbürgerschaft. „Die EM ist die Chance meines Lebens“, sagt Balotelli. Er hat beim europäischen Fußballverband extra beantragt, bei dem Turnier auf dem Trikot einen Doppelnamen tragen zu dürfen: „Baruwah Balotelli.“ Zu Ehren seiner Vorfahren. Und den Ukrainern und Polen gedroht, sollten sie ihn rassistisch beleidigen: „Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde.“

Balotelli überlegt nicht lang, er sagt einfach das, was er denkt. Dumm sei er keinesfalls. Im Gegenteil: Er sei einfach intelligenter als der Durchschnittstyp, sagt er. Sein ehemaliger Mitspieler Marco Materazzi bezeichnet ihn als „großes“ Kind, das sich bei diesem Turnier in den Dienste der Mannschaft stellen müsse. Selbstvertrauen hat er genug. „Das Talent, das mir Gott gegeben hat, ist schön und wunderbar. Wenn ihr einen wie mich findet, lade ich euch zum Abendessen ein“, so Balotelli. Italien ist ganz froh, dass der noch nicht gefunden ist. Ein Balotelli reicht.