Vorbereitungstraining

Podolski will lieber Köln statt Mailand oder Madrid

Mit ungewöhnlichen Methoden wie Yoga und Kinesiologie arbeitet die deutsche Nationalelf an der Fitness für die Europameisterschaft.

Der Himmel ist strahlend blau, als sich die deutschen Nationalspieler auf dem Trainingsplatz in Tourrettes/Südfrankreich gegenüberstehen, jeweils zu zweit und rund fünf Meter voneinander entfernt. In jeder Hand halten sie einen Tennisball. Auf Kommando müssen sie die Arme kreuzen und nun mit den gelben Bällen jonglieren. Parallel dazu gilt es, sich mit dem Gegenüber noch einen Fußball hin und her zu spielen. Es dauert nur wenige Sekunden, da liegen die ersten Tennisbälle auf dem Rasen. Marco Reus, der mit Lars Bender ein Duo bildet, lacht laut und hebt sie wieder auf. Schräg gegenüber passiert Lukas Podolski das gleiche Missgeschick. Doch kein Spieler lässt sich entmutigen. Immer wieder probieren sie es aufs Neue.

Überwacht wird das Ganze von Efthimios Kompodietas, der von allen nur „Effi“ genannt wird. Der gebürtige Grieche und frühere Bundesligaprofi von Arminia Bielefeld ist Experte der Kinesiologie, einer Bewegungslehre, bei der das Gehirn durch ungewohnte Bewegungen aktiviert wird. „Die Übungen sollen die Handlungsschnelligkeit, Orientierungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Spieler fördern“, sagt Kompodietas. 20 Minuten übt er täglich mit den Spielern, denen er verwirrende Kommandos wie „Rot“, „Blau“, „Madrid“ oder „Mailand“ gibt.

Spaß am Ungewohnten

Lukas Podolski findet das lustig. „Köln“ ruft er zwischendurch hinein – und alle lachen mit dem Mittelfeldspieler, der den FC im Sommer verlässt und zu Arsenal London wechselt. „Diese Übungen sind neu für mich, aber interessant. Du lernst deinen Körper besser kennen“, sagt der 26-Jährige. Es sei zwar alles anstrengend für den Kopf. „Aber vielleicht können wir so die letzten Prozent für den EM-Titel rausholen“, erzählt Podolski. Er und seine Kollegen haben jedenfalls Gefallen an der Arbeit mit Kompodietas. Wenn sie fertig sind, brüllen sie immer lauthals im Chor: „Danke, Effi!“

Die Übungen mit Kompodietas sind Teil eines detailliert ausgearbeiteten Trainingsprogramms, mit dem Bundestrainer Joachim Löw und seine Spezialisten die Mannschaft fit für die Europameisterschaft (8. Juni bis 1. Juli) in Polen und der Ukraine machen wollen. „Eine überlegene Fitness ist die Basis für den Erfolg unsers Teams“, sagt Löw, der unter anderem auch wieder einen Yoga-Trainer engagiert hat. Jede Trainingseinheit in der Vorbereitung ist mit dem Ziel angelegt, nicht nur das Zusammenspiel zu verbessern, sondern die Grundlage dafür zu schaffen, dass die deutsche Elf auch am Ende einer Partie noch Kraft für schnelle Angriffe hat. Mit dieser Fähigkeit hat das Nationalteam die Konkurrenz gerade bei den drei vergangenen Turnieren immer schwer beeindruckt: Bei der WM 2006 war das so, bei der EM 2008 auch und der WM 2010 ebenfalls.

Am Donnerstagmorgen trainierten Löws Spieler unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem eigens für das Trainingscamp errichteten Fitnesszelt. Das Zelt liegt direkt am Trainingsplatz, zu dem die Nationalspieler von ihrem Hotel aus jedes Mal in schwarzen Großraumwagen chauffiert werden. Doch bevor sie auf die Laufbänder, Fahrräder oder Crosstrainer gingen, hatte ihnen „Effi“ wieder die Tennisbälle gereicht. Diesmal mussten sie sich die Filzkugel – parallel neben dem Fußball – mit einem Badmintonschläger zuspielen.

Koordiniert wird das ganze Fitnessprogramm bei der deutschen Nationalmannschaft jedoch von Mark Verstegen. Der US-Amerikaner besitzt in Kalifornien das Athlete Performance Institute, das mit dem Slogan wirbt: „Dir zu helfen, deine Ziele zu erreichen, ist unsere Leidenschaft“. Bereits seit 2006 arbeitet Verstegen für die deutsche Nationalelf und wird seither vor jedem Turnier aus den USA eingeflogen. Die Spieler haben großen Respekt vor dem 42-Jährigen, den der Bundestrainer als „König der Motivation“ bezeichnet.

Hohn und Sport vor sechs Jahren

Als Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann seinen Freund vor sechs Jahren engagierte, wurde das noch kritisch beäugt. Denn einige Übungen sahen ungewohnt aus. Es gab Hohn und Spott für Bilder von deutschen Nationalspielern, die im Entengang mit Deuserband über das Spielfeld watschelten. Experten kritisierten, dass das doch nicht innovativ und auch früher schon mit dem Deuserband gearbeitet worden sei. Dass es Verstegens Idee war, die Muskeln der Beinaußenseite zu stärken, um Lauf und Schussbewegungen zu optimieren, interessierte keinen.

Mittlerweile sind die Diskussionen über Sinn und Zweck der Fitnessübungen jedoch verstummt. Fast jeder Bundesligaverein beschäftigt neben seinem Cheftrainer mehrere Spezialisten, um gezielt mit den Spielern arbeiten zu können. Bei der Nationalmannschaft gibt es für jeden eine Datei, in der alle Werte gespeichert sind, etwa von Schnellkrafttests. Die Ergebnisse ermöglichen es dem Trainerteam, die Spieler zielgerichtet in die beste Verfassung zu bringen. Bundestrainer Löw schätzt die Arbeit seiner Spezialisten. Vor allem die von Verstegen, der bei seinen Übungen von zwei Assistenten unterstützt wird. „Es ist gut für die Spieler, dass Mark und all die anderen immer wieder neue Reize setzen“, sagt Löw.

Neue Worte zur Motivation

Verstegen hofft, dass die Spieler mit seiner Arbeit „eine Qualität erreichen, ein ganzes Spiel auf hohem Niveau bestreiten zu können“. Der US-Amerikaner war es, der vor Jahren auch den berühmten Kreis beim Nationalteam erfunden hat. Um sich gegenseitig zu motivieren, bittet er die Spieler am Ende seiner Übungen, ein Rund zu bilden und sich zu umarmen. Vor der WM 2010 in Südafrika rief er „Power“ und die Spieler antworteten „with in“. Derzeit schreien die Nationalspieler zwei Worte über den Platz: „Speed“ und „Beschleunigung“.

Auf welchem Stand das Team in der Vorbereitung allerdings ist, wird sich erstmals am Samstag zeigen. Da spielt die deutsche Nationalmannschaft in Basel gegen die Schweiz (18 Uhr, ZDF).