Fussball-WM 1930

Fußball-WM 1930: Revolver, Schnee und Tore für die Ewigkeit

Vor 90 Jahren krönt sich Uruguay zum ersten Fußball-Weltmeister der Geschichte – nach einem abenteuerlichen Turnier.

Argentiniens Torwart Juan Botasso (r.) kann im WM-Finale 1930 den Schuss von Uruguays Pablo Dorado nicht parieren.

Argentiniens Torwart Juan Botasso (r.) kann im WM-Finale 1930 den Schuss von Uruguays Pablo Dorado nicht parieren.

Foto: --- / dpa

Montevideo. Vor dem ersten WM-Finale in der Fußballgeschichte wurde erst einmal abgerüstet: Weil Schiedsrichter John Langenus befürchtete, dass bei der Partie zwischen den Erzrivalen Argentinien und Uruguay die Emotionen hochkochen, verlangte er strenge Waffenkontrollen. Und tatsächlich wurden vor 90 Jahren, am 30. Juli 1930, vor dem Anpfiff im Estadio Centenario in Montevideo rund 1600 Revolver von den Zuschauern eingesammelt. Trotzdem ging der Unparteiische auf Nummer sicher: Im Hafen wartete ein Boot, um ihn notfalls in Sicherheit zu bringen.

Vor den unbewaffneten Fans schlug Gastgeber Uruguay die Nationalmannschaft von Argentinien schließlich mit 4:2 und krönte sich zum ersten Fußballweltmeister. Viele argentinische Schlachtenbummler bekamen die Niederlage aber gar nicht mit: Sie saßen auf Schiffen auf dem Rio de la Plata fest, die wegen des dichten Nebels nicht anlegen konnten.

Ohnehin klappte bei der ersten Fußball-WM nicht alles auf Anhieb. Obwohl es keine Qualifikation gab – teilnehmen durfte praktisch jeder, der wollte –, fiel es dem Weltverband Fifa zunächst schwer, genug Mannschaften für die WM zu begeistern. Der Deutsche Fußball-Bund verzichtete wegen der langen Anreise über den Atlantik und weil es schwierig war, die Spieler wochenlang von ihren Arbeitgebern freistellen zu lassen. Alle Nationalkicker waren damals Amateure.

Nur vier Teams aus Europa nehmen an der Fußball-WM 1930 teil

Gerade einmal 13 Nationalteams machten schließlich mit – darunter mit Frankreich, Belgien, Rumänien und Jugoslawien nur vier aus Europa. Und während man in Deutschland vom Box-Weltmeister Max Schmeling redete und der erste Fußball-Meistertitel von Hertha BSC in aller Munde war, stellte die WM ganz Uruguay auf den Kopf.

Die Mannschaften wurden im Hafen von Montevideo begeistert empfangen, schrieb Schiedsrichter Langenus, der auch als Korrespondent für das Fachblatt „Kicker“ schrieb. Allerdings froren die Spieler erst einmal ganz ordentlich: Im Juli ist Winter auf der Südhalbkugel – die ersten Spiele wurden im Schneegestöber ausgetragen.

Und zudem nicht im Estadio Centenario. Das Wetter hatte die Fertigstellung verzögert. Deshalb spielten Mexiko und Frankreich sowie Belgien und die USA ihre Duelle in anderen Stadien in Montevideo.

Dort erzielte der Franzose Lucien Laurent dann auch das erste WM-Tor der Geschichte. „Nach meinem Tor, dem ersten des Turniers und gleichzeitig meinem ersten für die französische Nationalmannschaft, haben wir uns gegenseitig gratuliert, aber wir sind uns nicht in die Arme gesprungen, wie man es heute im Fußball oft macht“, erzählte er einmal.

Argentinien muss das WM-Finale 1930 zu acht zu Ende spielen

Den Franzosen war nicht nur der erste WM-Treffer gelungen. Sie waren auch Opfer des ersten WM-Skandals, als der brasilianische Schiedsrichter Rego die Partie gegen Uruguay bei einer 1:0-Führung der Gastgeber sechs Minuten zu früh abpfiff.

Sowieso war der Weg der Uruguayer ins Finale holprig. Im Halbfinale setzten sie sich zwar deutlich mit 6:1 gegen Jugoslawien durch, allerdings mit nicht gerade regelkonformer Schützenhilfe. So sollen Polizisten oder Fotografen den Ball von der Außenlinie zurück ins Spielfeld geflankt haben, was zum dritten Tor führte.

Im Finale schien es zunächst, als würde Erzrivale Argentinien den Pokal mit nach Hause nehmen. Zur Halbzeit führte die „Albiceleste“ vor 68.346 Zuschauern im überfüllten Estadio Centenario mit 2:1. Dann aber musste die Argentinier in deutlicher Unterzahl weiterspielen.

Final-Torschütze der Fußball-WM 1930 hat keinen Unterarm

„Wir waren nur noch zu zehnt und dann fielen noch zwei meiner Mitspieler mit Verletzungen aus. Auswechslungen gab es damals noch nicht, und zu acht waren wir chancenlos“, erzählte der Argentinier Francisco Varallo kurz vor seinem Tod 2010 in einem Interview.

Den Siegtreffer zum 4:2-Endstand in der 89. Minute erzielte schließlich Héctor Castro. Für den damals 25-Jährigen war es auch ein ganz persönlicher Triumph: 13 Jahre zuvor hatte er bei einem Unfall mit einer elektrischen Säge einen Unterarm verloren. Trotz seines Handicaps schrieb er mit seinem historischen Treffer schließlich Fußballgeschichte.