Fußball

Klopp ist jetzt der König von Anfield

Nach 30 Jahren führt Jürgen Klopp den FC Liverpool wieder zum Titel in England und erreicht einen Höhepunkt seiner Trainerkarriere.

König von Anfield: Jürgen Klopp.

König von Anfield: Jürgen Klopp.

Foto: Shaun BotterillNmc Pool / dpa

Liverpool. Wenn Dinge lange gären, dann lassen sich die Emotionen irgendwann nur noch schwer kontrollieren. Um etwa zu illustrieren, wie viel Zeit vergangen ist, seit der FC Liverpool letztmalig die Fußball-Meisterschaft in England gewonnen hat, kramte das britische Boulevardblatt „Sun“ ein paar schöne Eckpunkte hervor. Beim 18. Titelgewinn am 28. April 1990 war Margaret Thatcher britische Premierministerin, „Kuck mal, wer da spricht!“ mit John Travolta und Kirstie Alley der erfolgreichste Kinofilm auf der Insel, kostete ein Pint Bier (0,57 l) lächerliche 1,09 Pfund. Und ein gewisser Jürgen Klopp spielte bei Rot-Weiss Frankfurt in der 3. Liga.

Eben jener Herr Klopp beendete nun die 30-jährige Durststrecke des FC Liverpool und ließ damit alle Dämme der Vernunft brechen. Die Fans des Klubs schlugen des Trainers mahnende Worte aus und pfiffen auf die Abstandsregeln. In der Nacht auf Freitag feierten Tausende Anhänger der „Reds“ den sehnlichst erwarteten Titel und ihren „Jurgen“. Zuvor hatte der FC Chelsea mit dem 2:1 gegen Manchester City Klopps Mannschaft zu Champions gemacht.

Die Fans, viele von ihnen immerhin mit Masken, versammelten sich an der legendären Liverpool-Heimstätte Anfield Road. Sie sangen, hielten nachgemachte Meistertrophäen in die Luft, zündeten Leuchtfeuer und färbten so den Himmel rot. Damit ignorierten sie Klopp, der gesagt hatte: „Ich hoffe, dass ihr zu Hause bleibt. Geht vor euer Haus und feiert, wenn ihr wollt, aber mehr nicht.“

Der Trainer steigt auf zu den Legenden der Stadt

Klopp selbst schossen die Tränen in die Augen, dann brach er sein erstes Meister-Interview überwältigt ab. „Sorry, Gentlemen – ich bin durch“, sagte er mit brüchiger Stimme, rückte seine Liverpool-Mütze mit aufgestickter Deutschland-Fahne zurecht und ging zurück zu seinen wild tanzenden Spielern. Klopp hatte seine gesamte Mannschaft in einem Hotel gemeinsam die entscheidende Niederlage des Rivalen Manchester City verfolgen lassen. „Ich habe gesagt: Jeder muss dabei sein. Wer das Spiel alleine geschaut hätte, hätte es für den Rest seines Lebens bereut“, so der 53-Jährige. Exakt um 22.09 Uhr Ortszeit war es dann soweit. „Wir haben die letzten fünf Sekunden heruntergezählt. Und dann war es eine pure Explosion“, berichtete Klopp aufgewühlt.

Das galt auch für die Fans, die sich bei dem Deutschen bedankten. „Jürgen Meister“ stand in der „Jägermeister“-Schrift auf einer Fahne, die im Stadion an der Anfield Road hing. „Ich denke, ich muss meinen Spitznamen ‘Gott’ an Jürgen abgeben“, sagte etwa Robbie Fowler. Und Bruce Grobbelaar, noch so eine Klublegende, meinte gar: „Für mich ist er die Wiedergeburt von Shankly in einem deutschen Körper. Er ist ein charismatischer Kerl, einfach brillant.“

Bill Shankly, dieser Name fiel häufiger in dieser so kurzen Party-Nacht. 1964, 1966 und 1973 hatte der 1981 verstorbene Coach Liverpool zur Meisterschaft geführt und die Grundlage für den Mythos geschaffen, der den Klub bis heute umweht. Nun trat Klopp in seine Fußstapfen, zumindest ein bisschen. „Dieser Erfolg ist auch für Shankly und Paisley, für Fagan und Dalglish, für Souness und Gerrard“, sagte Klopp über all die Ikonen. Kenny Dalglish und Graeme Souness hörten im TV-Studio live zu und gaben die Lobeshymnen wortreich zurück.

Entthronter Guardiola gratuliert und ist beeindruckt von Liverpool

Nicht ohne Grund, versteht sich: Als Klopp vor viereinhalb Jahren an der Anfield Road ankam, versprach er einen Titel – und hielt schon 2019 mit dem Champions-League-Triumph Wort. „Jürgen Klopp und Liverpool sind wie für einander bestimmt. Niemand hat die Stadt seit Beginn der Premier-League-Ära wie er für sich eingenommen. Er hat den Trübsinn über Anfield vertrieben“, schrieb die „Daily Mail“. Die italienische „Gazzetta dello Sport“ urteilte gar: „Klopp rückt zu Liverpools fünftem Beatle auf.“ Klopp selbst sagte am nächsten Tag schon etwas aufgeräumter: „Es bedeutet mir alles. Es ist irre, es ist riesig. Seit letztem Jahr habe ich gewartet, dass wir diesen Titel gewinnen. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so groß anfühlt.“

Auch Pep Guardiola, schon in der Bundesliga als Trainer des FC Bayern der große Kontrahent von Klopp und Dortmund und zuletzt zwei Jahre in Folge in der Premier League mit Manchester City vorn, gratulierte dem neuen Titelträger. „Glückwunsch an Liverpool, ihre Fans, den Trainer, die Spieler. Wohlverdient. Sie sind gute Champions“, sagte der Spanier. Das Team habe mit „unglaublichem Fokus“ gespielt, „so, als ob es ihre letzte Chance sei“, zeigte sich Guardiola beeindruckt. „Dass Liverpool diese Mannschaft von Man City mit so einem Vorsprung geschlagen hat, ist einer der größten Erfolge aller Zeiten“, schrieb der „Daily Telegraph“.

Dass Klopp mit Liverpool einen Höhepunkt seiner Arbeit erreicht hat, zeigen auch ein paar Zahlen. Aus den ersten 21 Saisonspielen holte der FC Liverpool 61 Punkte. Das ist – bei Anwendung der Drei-Punkte-Regel – der beste Wert, den in den fünf europäischen Topligen jemals eine Mannschaft nach 21 Spieltagen erreicht hat. Liverpool sicherte sich den Meistertitel sieben Spieltage vor dem Ende der Premier-League-Saison. So früh gelang das keinem Team zuvor. Und ein paar Rekorde sind immer noch zu erreichen.

Klopp sieht noch viele gute Jahre seines Teams vor sich

Klopp feierte zwar ebenfalls ausgelassen, offenbarte aber auch einen ungewöhnlichen Blick in sein Seelenleben. Nach dem ersten Jubel habe er sich „innerlich leer gefühlt“, verriet er und fügte an: „Ich bin selbst nicht zufrieden, dass ich so gefühlt habe. Aber in dem Moment war es einfach zu viel für mich.“ Die historische Dimension habe ihn umgeworfen. „30 Jahre! Vor 30 Jahren, da war ich 23. Und ich habe sicher nicht daran gedacht, mit Liverpool Meister zu werden. Ich hatte gar nicht die Fähigkeiten dazu.“

Doch jetzt, im Jahr 2020, ist das Realität. „Jürgen Klopp hat fantastische Arbeit geleistet“, sagte Dalglish. Der Coach sei „fantastisch“, schwärmte Sir Kenny: „Er verkörpert alles, wofür der FC Liverpool steht.“ Und Klopp hat noch lange nicht genug: „Unsere unglaubliche Reise ist noch nicht vorbei. Meine Jungs haben noch ein paar gute Jahre in den Beinen.“.

Dann aber galt auch für ihn nur das Hier und Jetzt. Noch in der Nacht veröffentlichte Liverpool in den Sozialen Medien ein Video, in dem Klopp mit Stolz in der Stimme verkündet: „Erzählt es der Welt: Wir sind der FC Liverpool, die Champions von England!“