Champions League

Bayern wollen zurück in den Flick-Flow

Nach zwei Liga-Niederlagen in Folge steht der FC Bayern im Königsklassen-Duell gegen Tottenham unter Druck – und der Trainer im Fokus.

Für Bayern-Trainer Hansi Flick geht es am Mittwoch gegen José Mourinhos Tottenham.

Für Bayern-Trainer Hansi Flick geht es am Mittwoch gegen José Mourinhos Tottenham.

Foto: Alexandra Beier / Bongarts/Getty Images

München. Vor dem Hinspiel in London, also vor lediglich 71 Tagen, sagte man: Wow, was für ein Duell! Der FC Bayern ist zu Gast bei Tottenham Hotspur, beim Champions-League-Finalisten der Vorsaison. Das Endspiel der Königsklasse zu erreichen, ist den Münchnern seit ihrem Triple-Triumph 2013 nicht mehr gelungen.

Beim zweiten Duell in München an diesem Mittwoch (21 Uhr, Sky) verantworten nicht mehr Mauricio Pochettino und Niko Kovac die beiden Teams, sondern deren Nachfolger José Mário dos Santos Félix Mourinho und ein anderer, auf seine spezielle Art klangvoller Name: Hans-Dieter Flick.

Hier José, der glamouröse und prätentiöse Ego-Shooter, dort Hansi, der nahbare, höfliche Teamplayer. Mourinho hatte sich einst selbst zu „The Special One“ gekrönt, uneitel und bescheiden wie er nun mal ist, der Portugiese. Und der Heidelberger Hansi war schon immer Hansi. Weil die Bezeichnung „The Spätzle One“ bereits dem Schwaben Jürgen Klinsmann in seiner neuen Rolle als Hertha-Coach angedichtet wurde, bleibt: „The Hansi One“.

Bayern könnte als erstes deutsches Team alle Vorrundenspiele gewinnen

Der Wind hat sich gedreht: Am Mittwoch ist Bayern gegen Tottenham das Duell Siebter gegen Siebter in der jeweiligen Liga, der Herbst als turbulente Krise – auf der Insel wie an der Isar. Und trotzdem stehen beide Teams vorzeitig im Achtelfinale, Bayern unverrückbar als Tabellenerster. Fünf Siege aus fünf Spielen (drei hatte Niko, „The Unlucky One“ geholt) sicherten den Gruppensieg. Nun ist die Chance da, gegen Tottenham Historisches zu schaffen: als erstes deutsches Team alle sechs Vorrundenspiele zu gewinnen.

Mehr Chance oder Druck für Flick, der nach vier furiosen Siegen (16:0 Tore) plötzlich zwei Niederlagen am Stück zu moderieren hat? „Es ist ein wichtiger Schritt, das Ganze wieder ins Positive umzustoßen. Wir brauchen ein Erfolgserlebnis“, sagte er, „wollen vor unseren Fans ein gutes Spiel zeigen. Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie genauso weiterspielt. Sie hat absolut die Qualität.“

Bayern-Trainer Flick muss für weitere Beschäftigung liefern

Konkreter formulierte es Thomas Müller, den er kürzlich als seinen „verlängerten Arm auf dem Spielfeld“ bezeichnete: „Wir haben zwei Gründe, das Spiel zu gewinnen: Zum einen, die Souveränität zu unterstreichen, das sechste Spiel auch noch zu gewinnen. Und zum anderen, dass wir wieder ein Gefühl dafür bekommen, uns wieder belohnen. Damit wir dann das Selbstvertrauen mit in die Liga nehmen.“ Müllers Hintergedanke: „Wenn wir es schaffen, die vier Spiele bis zur Winterpause zu gewinnen, dann wissen die Gegner, dass wir kommen. Dann weiß die Bundesliga schon, dass mit uns zu rechnen ist, auch wenn wir Rückstand haben.“

Aus dem Anti-Lauf in den beiden verflixten, weil überlegen geführten Partien gegen Leverkusen und in Mönchengladbach (jeweils 1:2) soll wieder ein Flick-Flow werden. Auch wenn ein 7:2 wie im Hinspiel in London natürlich unrealistisch ist. Flick ehrlich: „Damals war die Chancenverwertung bei fast 100 Prozent, aber es ist kein Wunschkonzert.“

Egal wie hoch er ausfällt – ein Befreiungsschlag wäre speziell für den 54-Jährigen von großer Bedeutung. Denn der Aushilfsjob als Cheftrainer ist vorerst nur bis Weihnachten vereinbart, eine mittelfristige Beförderung des vorherigen Kovac-Assistenten bis Saisonende hängt nicht nur von den Eindrücken (taktisch-spielerisch überzeugt die Mannschaft), sondern auch von den Ergebnissen bis zur Winterpause ab.

Drei Bayern-Pflichtspiele verlor zuletzt Pep Guardiola

Flick ist kein Träumer, er kennt das Business aus zig Rollen – ob auf der Bank oder als Sportdirektor beim DFB. Ein bisschen Werbung in eigener Sache darf da schon sein beim bescheidenen Hansi, den der Hype um seine Person irritierte, auch wenn er stets betonte, er genieße die Arbeit mit der Mannschaft. Also sagte Flick am Dienstag: „Die Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball spielt, gefällt mir. Als wir Siege eingefahren haben, war das top.“ Der Realist in ihm weiß: „Aber es zählen im Fußball nur die Tore und die Punkte. Wir haben zu wenige geschossen, das ist klar.“ Und auch als größter Spielerversteher muss man liefern. Unterm Scheinwerferlicht kann es eben sehr heiß werden.

Ansonsten bräuchten die Bayern-Bosse doch eine schnelle Lösung im Januar und könnten nicht bis Sommer auf Erik ten Hag (noch bei Ajax Amsterdam unter Vertrag) warten. Man wäre in einer extrem kniffligen Situation, da der Trainermarkt keine Übergangslösung im Anschluss an Übergangstrainer Flick bietet. Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld, die früheren Joker, sind in Rente. Und Pochettino hatte man ebenso wie Arsène Wenger von der Kandidaten-Liste gestrichen.

Übrigens: Drei Bayern-Pflichtspiele in Serie verlor zuletzt ein Trainer, dem man das kaum zugetraut hätte. Im Mai 2015 war’s, unter Pep Guardiola.