EM-Qualifikation

Ginter, Kroos und Neuer – WM-Helden als Wegbereiter

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Sebastian Weßling
Per Hacke erzielt Matthias Ginter (Mitte) die Führung für die deutsche Mannschaft gegen Weißrussland.

Per Hacke erzielt Matthias Ginter (Mitte) die Führung für die deutsche Mannschaft gegen Weißrussland.

Foto: Marius Becker / dpa

Das DFB-Team macht vor allem dank der Weltmeister von 2014 den entscheidenden Schritt zur EM. Doch in der Defensive bleibt viel Arbeit.

Mönchengladbach. Spät am Sonnabend kam Joshua Kimmich dann doch ins Straucheln. 90 Minuten lang hatte er zuvor im defensiven Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft gerackert, hatte beim 4:0 (1:0)-Sieg gegen Weißrussland mit robuster Zweikampfführung gefallen – und damit ein gutes Stück dazu beigetragen, dass die Qualifikation für die EM 2020 schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Nordirland am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) perfekt ist.

Als es aber in den Katakomben des Borussia-Parks um den Gruppensieg ging, der nun mit einem Sieg gegen Nordirland zu schaffen ist, musste Kimmich passen: „Um ganz ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht genau, was das für Folgen hat“, sagte er.

Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass sich die Uefa für das kommende Turnier einen Modus ausgedacht hat, zu dessen Verständnis einige Semester Raketenwissenschaft sicherlich hilfreich wären. Sicher ist allerdings, dass der Gruppensieg enorm hilfreich wäre: Dann nämlich landet die deutsche Mannschaft bei der Auslosung der EM-Gruppen in Topf eins – und darf so auf leichtere Gegner zum Beispiel aus Topf 3 hoffen.

Kroos, Neuer und Ginter als Anführer

Dieses Wissen allerdings fehlte den deutschen Nationalspielern nach dem Sieg gegen Weißrussland. Sie führten andere Motive dafür ins Feld, gegen Nordirland zu gewinnen: Prestige sammeln, Selbstbewusstsein tanken. Und: „Wir haben nicht mehr viele Spiele bis zum EM-Start, deswegen gilt es, jede Minute zu nutzen, um den nächsten Entwicklungsschritt zu machen“, forderte Leon Goretzka.

Der Mittelfeldspieler hatte ein Tor zum souveränen Sieg gegen Weißrussland beigetragen. Geprägt hatten diese Partie allerdings andere: Matthias Ginter, Toni Kroos und Manuel Neuer. In einer Mannschaft mitten im Umbruch, in der zuletzt viele neue Gesichter auf sich aufmerksam gemacht hatten, waren es ausgerechnet die drei verbliebenen Weltmeister von 2014, die die Akzente setzten.

Ginter traf selbst mit der Hacke zum erlösenden 1:0 (42.), er ließ vor dem 2:0 den Ball zum besser postierten Goretzka durch (49.), und er bereitete das 3:0 von Kroos vor (55.). „Das gab es noch nie in meiner Profilaufbahn“, freute sich der 25-Jährige über seine zahlreichen Torbeteiligungen.

Bundestrainer Löw lobt Ginter

Der Abwehrspieler vom Tabellenführer Borussia Mönchengladbach steht in der öffentlichen Wahrnehmung selten ganz vorn, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Doch weil Niklas Süle (Kreuzbandriss) und Antonio Rüdiger (Leistenverletzung) fehlen, hat sich Ginter zum Abwehrchef gemausert. „Er hat eine gewisse Ruhe, das macht ihn so solide, seriös und zuverlässig“, lobte Löw.

Solide, zuverlässig: Worte, die ein Autoverkäufer wählen würde, um einen schnöden Mittelklassewagen an den Mann zu bringen – sein Spitzenmodell, seinen rasanten Sportwagen, preist man anders an. Und damit ist der Fußballer Ginter ja auch treffend charakterisiert: Er kann den Innenverteidiger-Posten seriös ausfüllen, das schon – dass es aber zur absoluten Spitze reicht, hat er bislang noch nicht nachgewiesen.

Anders Toni Kroos, der umsichtig Regie führte im deutschen Spiel – und die zarten Fragen verstummen ließ, ob die deutsche Mannschaft ihn denn überhaupt noch brauche angesichts der hohen Qualität im Mittelfeld und des neuen, direkteren Stils. „Er hat einfach eine überragende Orientierungsfähigkeit auf dem Platz. Er führt die Mannschaft an. Er macht das auch neben dem Spielfeld wirklich sehr gut. Er ist ein Vorbild in seiner ganzen Art und Weise, wie er diesen Beruf sieht“, schwärmte Löw.

Ter Stegen steht gegen Nordirland im Tor

Werbung konnte auch Manuel Neuer für sich machen, der einen gefährlichen Schlenzer (40.) und einen Elfmeter abwehrte. Dass der Kapitän gegen eigentlich biedere Weißrussen immer wieder gefordert war, „hat mir persönlich überhaupt nicht gefallen“, schimpfte Leon Goretzka. „Da haben wir als Kollektiv ein Stück weit nachgelassen.“

Gegen Nordirland allerdings wird Neuer sich erholen können, dann kommt absprachegemäß Ersatzmann Marc-André ter Stegen zum Einsatz. Auch Luca Waldschmidt wird in Frankfurt fehlen, er erlitt bei einem Zusammenprall mit dem weißrussischen Torhüter Aleksandr Gutor eine Mittelgesichtsfraktur samt Gehirnerschütterung sowie eine Verletzung am rechten Knie und Sprunggelenk.

Verletzungen sind ja ohnehin ein leidiges Thema beim DFB: Immer wieder fehlten im vergangenen Jahr wichtige Spieler, selten konnte sich die Mannschaft einspielen. Auch deswegen fehlte meist die Konstanz, waren die Leistungen auch innerhalb der Spiele äußerst schwankend. Wie er denn das Länderspieljahr insgesamt benoten würde, wurde Kimmich zum Abschluss noch gefragt. Dieses Mal wusste er die Antwort: „Eine solide 3+“, urteilte er. Bis zum EM-Start im Juni bleibt einiges zu tun.