Fußball

Bayerns Trainersuche beginnt, Flick übernimmt vorerst

Bis ein neuer Coach kommt, soll der bisherige Co-Trainer dem Team neue Spielfreude vermitteln. Der erste Kandidat hat schon abgesagt.

Bayern verlässt sich jetzt auf Hansi Flick (l.), der zuvor Niko Kovac assistierte.

Bayern verlässt sich jetzt auf Hansi Flick (l.), der zuvor Niko Kovac assistierte.

Foto: Hasan Bratic / dpa

München. Um 8.21 Uhr, mit der Einfahrt in die Tiefgarage an der Säbener Straße, begann der erste Arbeitstag von Hans-Dieter Flick als Chefcoach beim FC Bayern München. So schnell dreht sich die Welt. Dass es eines Tages zur Notfall-Lösung kommen könnte, darauf hatten die Bosse den 54-Jährigen bei seiner Vertragsunterschrift als Assistent von Niko Kovac vorbereitet. Dass Flick nur vier Monate nach Amtsantritt zum Interims-Trainer befördert wird, hätte er sich nicht träumen lassen.

Tag eins nach der Trennung von Kovac am Sonntagabend, der nach einem intensiven Austausch mit den Bossen seinen Rücktritt angeboten hatte: Zur Mannschaft, die wie besprochen am Montag frei hatte, sagte Kovac nach der sehr ausführlichen Videositzung noch: „Bis Dienstag“.

Denkste. 33 Tage nach dem 7:2 in der Champions League bei Tottenham Hotspur, ein in der Folge trügerisches Resultat, das viel zu hoch ausfiel, war Kovac nach 65 Pflichtspielen und drei Titeln Geschichte – vor allem auf Initiative von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

Bayerns neuer Trainer war zuletzt 2005 der Chef

Nun soll Flick, mit Hermann Gerland als Co-Trainer, die Mannschaft auf die Partien gegen Olympiakos Piräus (Mittwoch) und Borussia Dortmund (Sonnabend) vorbereiten. Eine Drei-Punkte-Pflichterfüllung, danach geht’s ans Eingemachte. Im ewigen Bundesliga-Klassiker gegen einen der plötzlich so vielen Titelkonkurrenten. Ein Spiel, „das es zu gewinnen gilt“, so Rummenigges unmissverständliche Forderung.

„Hansi Flick genießt unser Vertrauen“, sagte Rummenigge am Montag, „und ich denke, dass er im Moment genau der richtige Mann ist“. Flick genießt als ruhiger, kompetenter Ansprechpartner hohes Ansehen in der Mannschaft, vor allem auch, weil er taktisch mehr draufhat als Kovac. Unter Bundestrainer Joachim Löw agierte er als Assistent beim WM-Titel 2014 in Brasilien.

Doch Flick steht gern in der zweiten Reihe, als Cheftrainer arbeitete er zuletzt in Hoffenheim. Dort wurde er im November 2005 entlassen. Den Aufstieg aus der Regionalliga Süd hatte er zuvor vier Mal verpasst. Anschließend sammelte Flick Erfahrungen unter Chef Giovanni Trapattoni im Trainerstab des FC Red Bull Salzburg. Wenig später holte ihn Löw zur Nationalelf, von September 2014 bis Januar 2017 arbeitete er als DFB-Sportdirektor.

Im Bayern-Kandidatencheck spricht einiges für Rangnick

Wie lange bleibt Flick nun? Nur zwei Spiele oder gar bis Saisonende? Die Bayern-Bosse arbeiten längst an der Verpflichtung eines neuen Cheftrainers. Der Kandidaten-Check:

José Mourinho (56, aktuell ohne Verein): Der Portugiese lernt schon seit längerer Zeit Deutsch, könnte sich ein Bundesliga-Engagement vorstellen. Doch der zweimalige Champions-League-Sieger steht für eine zu defensive Ausrichtung. Er kann kurzfristig motivieren, hinterließ nach zwei, drei Jahren aber überall (Real Madrid, Chelsea, ManUnited) verbrannte Erde. Präsident Uli Hoeneß kann ihn als Typen nicht leiden. Ergo: keine Chance.

Massimiliano Allegri (52, ohne Verein): Ein Gentleman, zuletzt mit Juventus Turin sehr erfolgreich, derzeit im Sabbat-Jahr. Soll laut „Corriere dello Sport“ einer der Favoriten von Rummenigge sein. Auch weil er von Giovanni Branchini, einem Vertrauten der Bayern, beraten wird. Doch wie im Fall Carlo Ancelotti, (kam 2016, musste nach 15 Monaten 2017 gehen) befürchtet man die Sprachbarriere.

Arsène Wenger (70, ohne Verein): Nach 22 Jahren beim FC Arsenal momentan ohne Job. Der Elsässer spricht Deutsch, steht für Offensiv-Fußball, kann Talente entwickeln, keiner hat mehr Erfahrung. Doch ein Engagement in München wäre für beide Seiten ein Abenteuer.

Ralf Rangnick (61, bei Red Bull „Head of Sport and Development Soccer“): Über ihn wurde bei Bayern bereits gegen Ende der letzten Saison diskutiert. Genießt hohes Ansehen als Taktik-Kenner, hat Erfahrung, kennt die Bundesliga – und würde einen Job in München ähnlich wie das Amt des Bundestrainers als Krönung seiner Karriere ansehen. Vorteil: Wenn RB einwilligt, wäre er ab der Länderspielpause verfügbar.

Erik ten Hag (49, Ajax Amsterdam): Im Grunde der Favorit und größter gemeinsamer Nenner der Bosse. Erste Kontakte soll es schon gegeben haben. Führte das junge Ajax-Team ins Champions-League-Halbfinale, ihn zeichnet ein angenehmer Umgangston aus, er lässt offensiv und mutig spielen. Hat im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten Säbener-Stallgeruch, trainierte von 2013 an zwei Jahre Bayerns zweite Mannschaft in der Regionalliga Süd – ohne jedoch aufzusteigen. Aber: Er besitzt einen Vertrag bei Ajax bis 2022 und – hat am Montagabend einen kurzfristigen Wechsel abgelehnt: „Ich kann bestätigen, dass ich diese Saison bei Ajax bleibe“, sagte der 49-Jährige.

Schafft Flick nun mit der Mannschaft einen kurzfristigen atmosphärischen Turnaround und spielerische Fortschritte, könnte er bis Saisonende bleiben. Was für die Lösung ten Hag spräche. Muss der neue Chef jedoch schon im November übernehmen, hieße der Favorit aktuell: Ralf Rangnick.