Champions League

Stürmischer Herbst für Niko Kovac

Vor dem Spiel in Piräus erhält der Bayern-Trainer demonstrativ Rückendeckung von Vereinsboss Hoeneß – doch gerade das macht stutzig.

Da geht’s lang: Trainer Niko Kovac tritt mit den Bayern am Dienstagabend in der Champions League bei Olympiakos Piräus an.

Da geht’s lang: Trainer Niko Kovac tritt mit den Bayern am Dienstagabend in der Champions League bei Olympiakos Piräus an.

Foto: Eddie Keogh / Reuters

Athen. Wenn einer für Niko Kovac in der aktuellen Situation in die Bresche springt, dann Uli Hoeneß – das war klar.

Vor dem Abflug des FC Bayern München nach Athen zum Champions-League-Spiel an diesem Dienstag bei Olympiakos Piräus (21 Uhr, Sky) holte der Vereinspräsident zu einer Verteidigungsrede für seinen Trainer aus, indem er die Offensive des Meisters kritisierte.

Es ginge um „die Einstellung“, sagte Hoeneß am Montagmorgen am Münchner Flughafen und forderte: „Man muss geil sein auf die Tore.“ Beim 2:2 in Augsburg hatten die Bayern vor dem Ausgleich in der Nachspielzeit etliche hochkarätige Chancen auf ein 3:1 oder 4:1 vergeben.

Schlechtester Saisonstart seit neun Jahren

Und so muss man den schlechtesten Saisonstart seit neun Jahren verkraften und moderieren. Kaum ist der Herbst da, kriselt es wieder beim Meister. Alle Jahre wieder. Das Wort Krise löste bei Hoeneß eine heftige Reaktion aus.

„Auf so einen Käse gibt’s keine Antwort“, sagte der 67-Jährige zunächst, um dann doch loszupoltern: „Wir sind einen Punkt hinter dem Ersten. Wollen Sie uns eine Krise einreden? Bis auf die Torausbeute bin ich mit allem zufrieden. Ich würde mir Sorgen machen, wenn wir keine Chancen hätten. Wenn wir wie in Augsburg Tontauben schießen, dann mach ich mir normalerweise keine Sorgen.“

Womit nach diesem energischen Auftritt klar ist: Hoeneß macht sich a) Sorgen und liefert b) eine öffentliche Rückendeckung für Kovac.

Ein Punkt Rückstand auf Tabellenführer Gladbach

Nur einen Punkt beträgt der Rückstand der Bayern als Dritter auf Tabellenführer Mönchengladbach, andererseits liegt man mit lediglich 15 Punkten nur einen Zähler vor dem Neunten Leverkusen. „Ich sehe auch dieses Theater in der Bundesliga nicht, was da schon wieder gemacht wird. Wir spielen nicht schlecht, aber wir spielen auch nicht konsequent genug.“ Man achte auf die Formulierung: nicht schlecht.

Dennoch bleibt Hoeneß, der bei der Entscheidungsfindung im Frühjahr 2018 kontra Thomas Tuchel und pro Niko Kovac war, bei seinem Rückhalt für den Trainer. Immer an Hoeneß’ Seite: Hasan Salihamidzic, der Sportdirektor, dem eine baldige Vertragsverlängerung sowie eine Beförderung zum Sportvorstand winkt, ist seit eh und je ein Verbündeter von Kovac.

Doch dank seiner guten persönlichen Jobaussichten muss er sein Wohl und Wehe im Verein künftig nicht mehr an des Trainers Schicksal knüpfen. Am Montag pflichtete er Hoeneß bei: „Von einer Krise kann ja keine Rede sein!“

Zugänge froh über Startelf-Garantie

Doch wie viel Unterstützung hat Kovac aus der Mannschaft? Natürlich sind die Zugänge Benjamin Pavard, Lucas Hernández und vor allem Philippe Coutinho froh über die Startelf-Garantie, die ihnen der Trainer gibt.

Nach dem wackligen 3:2 bei Bisher-ein-Pünktchen-Aufsteiger Paderborn hatte Joshua Kimmich gesagt: „Wir laufen unserem Anspruch hinterher.“ Mit der Art und Weise, selbst bei Erfolgen, sei „kein Spieler zufrieden“.

Als Kimmich nach dem Saisonauftakt gegen Hertha (2:2) die für ihn zu späten Auswechslungen in der Kabine kritisierte, gab es eine Aussprache samt Entschuldigung – ohne Geldstrafe. In seinem zweiten Jahr in München agiert Kovac konsequenter, rigoroser. Nach einem schwachen Auftritt setzte er seinen Spielmacher Thiago bei Tottenham (7:2) zunächst auf die Bank – ein Denkzettel, eine Machtdemonstration.

Klares Bekenntnis zu Thomas Müller

Wie im Fall Thomas Müller, dessen Abwanderungsgedanken nach mittlerweile sechs Partien hintereinander auf der Bank verständlich sind. Auch wenn Müller zu den Kovac-Kritikern gehört, macht er seinem Frust öffentlich nur dezent Luft.

„Es war doch klar, dass es, wenn Coutinho kommt, für den Thomas schwieriger wird“, sagte Hoeneß, der die Medien attackierte, man zwinge den Trainer, Müller aufzustellen. „Das ist einfach eine Schweinerei.“

Hoeneß weiter: „Es gibt keinen im Verein, der Thomas beschädigen will, keiner will ihn loshaben.“ Innenverteidiger Jerome Boateng, wie Müller im Grunde ebenfalls nur Notnagel, das jedoch unausgesprochen, schweigt. Doch zwei gescheiterte Wechsel sprechen Bände.

Hoeneß: „Süle kann EM ad acta legen“

Einer hält sich momentan mit Aussagen zurück: Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, letzte Saison Kovacs größter Kritiker, weil er ihm trotz des Doubles eine Jobgarantie verwehrte. Er habe sich selbst „ein Schweigegelübde“ auferlegt, so Rummenigge am Montag. Eine gefährliche Stille – für Kovac.

Die weiteren Entwicklungen bei Bayern wird Niklas Süle, wegen seines am Sonnabend in Augsburg erlittenen Kreuzbandrisses in den nächsten Monaten Reha-Patient, von außen verfolgen. „So wie es ausschaut, ist die Saison für ihn beendet, auch die EM kann er ad acta legen“, sagte Hoeneß und forderte: „Er muss zur neuen Saison wieder fit sein.“

Für Abwehrchef Süle wolle man, so der Präsident, „niemanden holen“. Die Chance für den gebürtigen Berliner Boateng. Und mit Blick auf das Nationalteam auch für Herthas Abwehrchef Niklas Stark (24), der von Bundestrainer Joachim Löw seit Jahren beobachtet wird und sein Länderspieldebüt zuletzt äußerst unglücklich verpasste. Wie das Leben so spielt.