Fussball

Militär-Salut und Hitler-Gruß – Eine Schande für den Fußball

In der EM-Qualifikation kommt es zu kriegsbejahenden Jubel-Gesten und rassistischen Ausschreitungen. Nun ist die Uefa gefordert.

Türkische Nationalspieler salutieren nach dem 1:1 am Montagabend gegen Frankreich – trotz Beobachtung der Uefa.

Türkische Nationalspieler salutieren nach dem 1:1 am Montagabend gegen Frankreich – trotz Beobachtung der Uefa.

Foto: Benoit Tessier / Reuters

Paris/Sofia/Berlin. Hitler-Grüße in Sofia, Militär-Salut in Paris: Rassistische Gesten durch bulgarische Fans und die erneute politische Provokation türkischer Nationalspieler haben den Spieltag der EM-Qualifikation überschattet und für Fassungslosigkeit und Sorge in Fußball-Europa gesorgt. Nachdem die Partie der Bulgaren gegen England (0:6) wegen rassistischer Fan-Ausschreitungen unterbrochen und nur unter Protest der Engländer zu Ende gespielt worden war, stellten sich die Türken beim 1:1 in Frankreich an die Seitenauslinie und salutierten ihren heimischen Soldaten mit der Hand an der Stirn.

Der Sport und die Ergebnisse im Kampf um die EM-Teilnahme gerieten am Montag in den Hintergrund. Nun ist vor allem der europäische Fußball-Verband Uefa gefragt: Den wiederholt auffällig gewordenen Bulgaren droht eine heftige Strafe. Und auch den Türken mit ihrer Solidaritätsbekundung für die international scharf kritisierte Militäroffensive gegen Kurden in Nordsyrien steht ein Verfahren des Kontinentalverbandes bevor. Der skandalgeschwängerte Montagabend wird noch länger nachhallen.

Düsseldorfs Ayhan legt sich mit Teamkollegen an

Im Stade de France stand ein Bundesliga-Spieler im Mittelpunkt. Weil Kaan Ayhan (24) von Fortuna Düsseldorf in der 81. Minute der Ausgleich gelang, haben die Türken beste Chancen auf die EM-Teilnahme. Nach seinem Tor stellten sich viele Nationalspieler wie schon beim 1:0 gegen Albanien am Freitag auf und salutierten. Ayhan selbst wiederholte die Geste nicht – und geriet deshalb mit Merih Demiral von Juventus Turin in einen Disput.

Dass die Uefa wegen des politisch motivierten Jubels bereits Ermittlungen angekündigt hatte, schien die türkischen Profis nicht zu beeindrucken. Die Spieler nehmen die Konfrontation mit dem Verband offenkundig in Kauf. Die Bildregie sorgte allerdings dafür, dass die TV-Zuschauer den Militärgruß nicht sahen. Sie zeigte stattdessen die Wiederholung des Tores.

NOFV versucht Nachahmung im Amateurfußball zu unterbinden

Das Regelwerk der Uefa verbietet politische Äußerungen in Stadien. Die zuständige Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer tagt am Donnerstag. Ob dann schon Sanktionen verhängt werden, ist fraglich. Möglich sind Geldstrafen, Platzsperren oder sogar Punktabzüge.

Kritikern geht das nicht weit genug. Der italienische Sportminister Vincenzo Spadafora will die Türkei und deren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für die Militäroffensive in Nordsyrien auch sportpolitisch bestrafen und Istanbul das Champions-League-Finale im Mai 2020 entziehen. So könne man zeigen, dass der Sport auch ein Instrument des Friedens sein könnte, schrieb er in einem Brief an Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

Der Fall beschäftigt jedoch nicht nur den Kontinentalverband, sondern auch die Regionalverbände in Deutschland. Der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) stellt sich bereits auf Nachahmer des „Salut-Jubels“ ein. „Sollte es Vorfälle geben, werden wir sie prüfen“, sagte NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs. Auch der Bayerische Fußball-Verband kündigte an, Nachahmer vor das Sportgericht zu zitieren.

Wiederholungstäter Bulgarien droht heftige Strafe

Für Bulgariens Verbandschef stehen die Konsequenzen indes schon fest. Boris Michailow trat am Dienstag unter großem öffentlichen Druck zurück. Der bulgarische Premierminister Bojko Borissow hatte den sofortigen Rücktritt Michailows gefordert.

Am Abend zuvor hatte das Spiel der Bulgaren gegen England zweimal kurz vor dem Abbruch gestanden (28., 43.). Bulgarische Zuschauer waren durch rassistische Rufe aufgefallen, der Stadionsprecher musste die eigenen Anhänger mehrmals zur Mäßigung auffordern. Zudem waren auf Fernsehbildern Zuschauer zu sehen, die den Hitlergruß zeigten. Michailow und Nationaltrainer Krassimir Balakow, einst Bundesligaprofi beim VfB Stuttgart, hatten vor dem Spiel beteuert, dass es in Bulgarien kein Problem mit rassistischen Fans gebe.

Greg Clarke, der Vorsitzender des englischen Verbandes (FA), nannte das Geschehen „eine der schrecklichsten Nächte, die ich je im Fußball gesehen habe“. Die FA und der britische Premierminister Boris Johnson forderten die Uefa zu einem Verfahren auf.

Selbst der britische Premierminister Boris Johnson schaltet sich ein

Den Bulgaren drohen als Wiederholungstäter drakonische Strafen. Wegen rassistischen Ausfällen im Juni hatte die Uefa bereits verordnet, 5000 Stadionplätze leer zu lassen. Artikel 14 der Rechtspflegeordnung sieht bei einem wiederholten Fall ein „Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit und eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro“ vor. Jedes weitere Vergehen kann im schlimmsten Fall zum Ausschluss aus dem Wettbewerb führen.

Die Engländer hatten vor dem Spiel angekündigt, dass sie das Feld bei rassistischen Beleidigungen verlassen würden, entschieden sich am Abend jedoch anders und schossen sich den Frust mit sechs teils sehenswerten Toren von der Seele. Der Sport verkam jedoch zur Nebensache. „Erinnern wird man sich nur an eine Nacht, die eine Schande für den Fußball war“, schrieb der „Daily Mirror“.