Fussball

Warum Vielfalt Belgiens Trumpf ist

Belgien profitiert auf dem Weg zum EM-Titel von den unterschiedlichen Kulturen im Land. Herthas Lukebakio wartet noch auf sein Debüt.

Belgiens Spieler um Superstar Eden Hazard (r.) haben viel Spaß im Training.

Belgiens Spieler um Superstar Eden Hazard (r.) haben viel Spaß im Training.

Foto: FRANCOIS LENOIR / Reuters

Berlin. Dodi Lukebakio war Hertha BSC diesen Sommer 20 Millionen Euro Ablöse wert, aber für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes Belgien reicht es bislang nicht. Wie passt das zusammen? Der Berliner Rekordstürmer muss lachen, als er die Frage hört, führt zum wiederholten Mal aus, dass ihm nach seinem späten Wechsel noch die Kondition fehle und er langsam aufgebaut werde. Und außerdem, fügt der 22-Jährige hinzu, „ist Belgien jetzt das größte Land der Welt“.

Nun, das stimmt nicht so ganz, rein flächenmäßig liegt das schwarz-gelb-rote Königreich im weltweiten Vergleich auf Rang 136, zwischen der Republik Moldau und Lesotho in Afrika. Und trotzdem ist Belgien das größte Land im Weltfußball.

Belgien ist die Nummer eins der Fifa-Weltrangliste

Seit über einem Jahr steht die „Rote Teufel“ genannte Auswahl an der Spitze der Fifa-Weltrangliste, vor Weltmeister Frankreich und Brasilien (und vor Deutschland auf Platz 16), was nicht nur an der eigenwilligen Berechnungsgrundlage des Weltverbandes liegt. Die Belgier haben in den vergangen drei Jahren 31 von 39 Länderspielen gewonnen und nur zweimal verloren; darunter war aus belgischer Sicht leider das WM-Halbfinale im vergangenen Jahr gegen Frankreich (0:1).

In der aktuellen EM-Qualifikation hat die Mannschaft von Roberto Martinez sieben von sieben Gruppenspielen gewonnen, sich damit als erste Nation für die Europameisterschaft im kommenden Sommer angemeldet. Zuletzt gab es am Donnerstag einen 9:0-Sieg gegen San Marino, bei dem Hertha-Verteidiger Dedryck Boyata noch nicht sein Nationalelf-Comeback gab.

Topstars wie Hazard, Lukaku und de Bruyne im Team

Und so fragt sich die Fußballwelt vor dem mutmaßlich nächsten Sieg der Belgier an diesem Sonntag in Kasachstan (15 Uhr/DAZN): Warum zur Hölle sind die „Roten Teufel“ so gut? Wie kann ein Land mit nur elf Millionen Einwohnern Weltklassespieler in solcher Dichte hervorbringen wie Spielmacher Eden Hazard (Real Madrid), Superdribbler Kevin de Bruyne (Manchester City), Stürmerstar Romelu Lukaku (Inter Mailand), Torwart Thibaut Courtois (Real Madrid) oder Mittelfeldrenner Axel Witsel (Borussia Dortmund)?

„Was soll ich sagen, ich weiß es selbst nicht“, sagt Herthas Lukebakio, der gern einmal mit diesen Ausnahmekönnern kicken würde, aber es noch nicht darf. Vergangene Woche wurde der frühere U21-Nationalspieler, der auch schon ein Freundschaftsspiel für den Kongo absolvierte, aus Belgiens vorläufigem Aufgebot gestrichen. Lukebakio nennt die aktuelle Generation nicht „gold“, golden, sondern „old“, alt. „Weil sie sie sich schon lange kennen und gut verstehen, das Resultat zeigt sich auf dem Platz.“ Eintracht macht stark, ist schließlich auch das Nationalmotto des Landes.

Wallonen, Flamen und viele Einwanderer im Land

Andererseits profitiert Belgien offenbar auch von der Vielfalt im Land zwischen französischsprachigen Wallonen, niederländisch sprechenden Flamen und vielen Einwanderern. „Wir lernen gegenseitig von jeder Kultur, das macht uns stärker“, glaubt Lukebakio. In der Vergangenheit sorgte das aber auch öfter für Streit, gerade im Nationalteam, das sich zwischen 2002 und 2014 für kein großes Turnier qualifizieren konnte. Für die Antwort auf die Qualitätsfrage muss man also noch weitersuchen.

Genauer gesagt im ostbelgischen Eupen, nahe Aachen gelegen. Dort sitzt das „Grenz-Echo“, die einzige deutschsprachige Zeitung für die knapp 80.000 Muttersprachler im Land. Jürgen Heck beobachtet für die Sportredaktion seit 30 Jahren den belgischen Fußball und glaubt, die Ursprünge für das aktuelle Fußball-Wunder wurden bereits in den Achtzigerjahren gelegt, nachdem Belgien 1986 mit Spielern wie Jean-Marie Pfaff und Enzo Scifo das WM-Halbfinale erreichte. „Danach“, berichtet Heck, „konnten die Vereine wirtschaftlich nicht mehr mit der Konkurrenz aus Frankreich und Holland mithalten und verlegten sich eher auf die Jugendarbeit.“

Früchte der Nachwuchsakademien werden heute geerntet

Die Früchte der damals gegründeten Nachwuchsakademien in den Hochburgen Anderlecht (Brüssel), Gent, Brügge und Lüttich würden heute geerntet. Die Konkurrenten schaukelten sich dabei gegenseitig hoch, wissen aber auch zu kooperieren, wo es Sinn macht. Nicht nur einheimische Talente, auch zahlreiche Spieler aus Afrika nutzen belgische Vereine als Sprungbrett. Fertig ausgebildete Profis werden gern für zweistellige Millionenbeträge nach England weitergereicht. Viele Talente wechseln bereits im Jugendbereich.

Im Gegenzug kommen einige Nationalspieler und Ex-Nationalspieler wie Vincent Kompany zurück in die Liga, die, trotz einiger Skandale, finanziell immer interessanter wird. So hat Belgien erstmals seit Längerem wieder jeweils zwei Starter in der Gruppenphase der Champions und Europa League. Bei so viel Auswahl an Talent ist ein Lukebakio bei Hertha „noch nicht richtig im Visier“, glaubt Sportressortleiter Heck. Auch Boyata, der von Celtic Glasgow nach Berlin kam und seit März verletzt gefehlt hatte, sei nur „Edelreservist“; ähnlich wie Eden Hazards Bruder Thorgan (Borussia Dortmund). Andere Bundesliga-Profis wie Koen Casteels (VfL Wolfsburg) oder Benito Raman (Schalke 04) müssen auf Einladungen warten.

Letzter internationaler Titel ist der Olympiasieg 1920

Ist bei so viel Qualität der erste Fußball-Titel für Belgien seit hundert Jahren, nach dem Olympiasieg 1920, kommenden Sommer Pflicht? „Das ist das, was alle hoffen“, sagt Heck, der berichtet, dass selbst die deutschsprachige Minderheit im Land mitfiebere. Freunde von ihm seien Anfang September mit zum 4:0-Auswärtssieg nach Schottland gereist. Ihr Hoffnungsträger ist auch Trainer Martinez: Der Spanier ist über den Verdacht erhaben, Sprach- oder Klubfamilien zu bevorzugen. Zudem spiele Belgien unter Martinez deutlich stabiler und flexibler als unter Vorgänger Marc Wilmots, findet Jürgen Heck.

Allerdings glaubt der Sportjournalist, dass Belgien nur über 15 Topleute auf höchstem Niveau verfüge. Spieler wie Hazard oder de Bruyne könne man nicht kompensieren. Und der nachfolgende Jahrgang „soll angeblich schon schwächer sein, was man so hört“.

Die neue Größe Belgiens scheint also vergänglich. So lange sie andauert, besteht kommenden Sommer die große Chance, die aktuelle Generation zu vergolden. Da übt sich selbst Dodi Lukebakio vorerst in Geduld.