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Hummels und ter Stegen: Wenn aus Frust Weltklasse wird

Barcelonas Keeper ter Stegen und Dortmunds Hummels glänzen zum Auftakt in der Königsklasse – und senden Signale an ihre Kritiker.

Barcelonas Keeper Marc-André ter Stegen (hinten) parierte Borussia Dortmunds größte Chance zur Führung: einen Elfmeter durch Marco Reus.

Barcelonas Keeper Marc-André ter Stegen (hinten) parierte Borussia Dortmunds größte Chance zur Führung: einen Elfmeter durch Marco Reus.

Foto: Jan Huebnervia www.imago-images.de / imago images / Jan Huebner

Dortmund. Es war nur ein Benzinkanister. Mats Hummels aber reckte ihn in die Luft als wäre es die Champions-League-Trophäe. Um am Tag nach Borussia Dortmunds 0:0 zum Auftakt der Königsklasse gegen den FC Barcelona von mehr zu träumen, ist es vielleicht ein bisschen früh. Hummels aber hatte bei Werbeaufnahmen am Mittwoch allen Grund, noch bester Laune zu sein.

Seine Gala-Vorstellung gegen das katalanische Schwergewicht hat Eindruck hinterlassen. Der Innenverteidiger des BVB hat gezeigt, dass er – trotz oder gerade wegen seiner 30 Jahre – immer noch mithalten kann in der europäischen Fußball-Elite. Hummels war der Mann des Abends. Zugegeben, nicht als einziger. Auf der anderen Seite stand einer im Tor, der es ebenfalls allen beweisen wollte – und das auch ebenso eindrucksvoll wie Hummels tat: Barcelonas Torhüter Marc-André ter Stegen.

Die beiden Protagonisten haben einiges gemeinsam. Hummels und ter Stegen standen schon in den vergangenen Wochen im Mittelpunkt des Interesses. Der eine, weil er der deutschen Nationalmannschaft weiterhelfen könnte, der andere, weil er der Nationalelf nicht weiterhelfen darf. Hummels wurde von Bundestrainer Joachim Löw schon im vergangenen Jahr aussortiert. Angesichts der jüngsten Leistungen der deutschen Abwehr in der EM-Qualifikation war aber über eine Rückholaktion des Routiniers diskutiert worden. Und ter Stegen? Der hatte sich jüngst über seine Reservistenrolle im DFB-Team beschwert. Und war sowohl von Löw als auch von der angestammten Nummer eins Manuel Neuer abgewatscht worden.

Die beiden Verschmähten reagierten auf ihre und die vermeintlich wirksamste Weise: mit Leistung. Und verwandelten ihren Frust in Weltklasse. Ter Stegen wollte danach gar nicht groß über sich reden: „Heute nicht“, sagte der 27-Jährige und verschwand im Teambus. Hummels ließ alle Fragen zu einem Nationalelf-Comeback mit dem Satz „Aus meinem Mund wird es nichts in die Richtung geben“ abperlen.

Selbst Trainer Favre findet lobende Worte

Dem BVB-Kicker, der in diesem Sommer aus München zu seiner alten Liebe zurückgekehrt war, ging es sowieso eher darum, Argumente zu liefern. Argumente, die seine Kritiker, die ihm zuletzt Tempo und Übersicht abgesprochen hatten, zumindest für diesen Dienstagabend verstummen ließen. Argumente, die auch BVB-Coach Lucien Favre nicht entgangen sein dürften. Der Schweizer – kein bekennender Fan von Hummels – sagte zu dessen Leistung nur: „Super, alle haben gut verteidigt.“

Hummels aber verteidigte nicht nur gut, er agierte gegen das Star-Ensemble aus Barcelona mit der Gelassenheit eines alten Haudegens, der schon alles über sich gelesen hat, die Kritik an sich wahrnimmt, aber selbstsicher genug ist, um sich davon nicht verunsichern zu lassen.

Der BVB-Innenverteidiger gewinnt alle Zweikämpfe

War man nach den 90 Spielminuten nicht schon überzeugt davon, dass dieser Hummels immer noch heißer Anwärter auf den Titel „Bester Innenverteidiger Deutschlands“ ist, sollten die Zahlen ihr Übriges getan haben. 100 Prozent gewonnene Zweikämpfe – auch wenn Hummels darauf bestand, dass er ein Duell gegen Luis Suarez verloren hatte –, kein einziges Foul, zudem kamen 27 von 31 Pässen zur Spieleröffnung an. „Er bringt große Qualität mit in Stellungs- und Aufbauspiel“, sagte Kapitän Marco Reus, „dafür haben wir ihn geholt.“ Zehn klärende Situationen bei gegnerischen Torchancen standen auch noch auf Hummels’ Haben-Seite – so viele wie in seinen 52 CL-Spielen bisher nicht. Daneben verstummten sonst so klangvolle Namen wie Antoine Griezmann oder Lionel Messi beinahe.

Nur einer fügte seiner Vita eine weitere Bestnote zu. Ter Stegen entschärfte reihenweise hochkarätige Torchancen der Dortmunder. Nicht nur in der 57. Minute, in der der ehemalige Mönchengladbacher den Elfmeter von Reus erst abwehrte und dann seelenruhig aufstand, um den abgeprallten Ball mit der Hand aufzunehmen. Mit einer Ruhe, die nicht vermuten ließ, dass gerade sechs Schwarz-Gelbe und fünf Hellblaue auf ihn zustürmten. Auch bei der BVB-Doppel-Chance (78.) durch Reus parierte Deutschlands Nummer zwei souverän, mit einem Gesichtsausdruck, der nicht viel mehr verriet als: ist eben mein Job, solche Bälle zu halten.

Spanische Presse lobt ter Stegen in den höchsten Tönen

Die spanischen Zeitungen überschlugen sich angesichts der Glanzleistung ihres katalanischen Keepers. „Die deutsche Mauer war ter Stegen. Der deutsche Torhüter hat in seinem Land gezeigt, dass es dort keinen besseren Torwart gibt“, schrieb „Sport“. Die „Marca“ ging noch weiter und sprach von einer „Botschaft an Joachim Löw“ und dass es „keinen kompletteren Torhüter“ als ter Stegen gebe. „Er ist der Torhüter, der Manuel Neuer mal war – egal wie viel Nostalgie es zugunsten des Bayern-Torhüters gibt.“ Und so hatte dieses Spiel, das eigentlich keinen Sieger hatte, doch irgendwie zwei Gewinner.