Bundesliga

Bayerns Bestes ist gegen die Bullen nicht gut genug

Eine taktische Umstellung reichte RB Leipzig, um die Bayern im Spitzenspiel zu stoppen. Auch, weil ihr Trainer Kovac nicht darauf reagiert.

Schreck lass nach: Torschütze Robert Lewandowski und seine Bayern stießen im Spitzenspiel gegen Leipzig an taktische Grenzen.

Schreck lass nach: Torschütze Robert Lewandowski und seine Bayern stießen im Spitzenspiel gegen Leipzig an taktische Grenzen.

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

Leipzig. Man solle doch vor dem Verlassen der Arena bitteschön noch einen Blick auf die Videowall samt der aktuellen Bundesliga-Tabelle werfen, empfahl der Stadionsprecher von RB, ein Irrwisch im purpur-roten Sakko. Leipzig zehn Punkte, Dortmund neun, Bayern acht.

Ein Jubel-Sturm brandete auf, dazu „Spitzenreiter! Spitzenreiter!“-Sprechchöre. Die Bundesliga steuert nach Lage der Dinge auf einen Dreikampf zu, da die Leipziger bewiesen, dass sie mithalten können und für die Duellanten der vergangenen Saison, Herausforderer und Beinahe-Meister BVB sowie Doch-Wieder-Meister FC Bayern, zu einem echten Konkurrenten erwachsen sind.

Neuer spricht von zwei verlorenen Punkten

Das intensive und phasenweise hochklassige 1:1 durchkreuzte den schönen Plan des FC Bayern München, durch einen Statement-Sieg beim Tabellenführer RB Leipzig ein nachhaltiges Überholmanöver zu feiern. Robert Lewandowski hatte die Münchner nach einem sensationellen Pass von Thomas Müller mit 1:0 (3.) in Führung gebracht, es war bereits sein siebter Saisontreffer.

Leipzigs Emil Forsberg verwandelte nach einem Foul von Lucas Hernández an Yussuf Poulsen in der Nachspielzeit der ersten Hälfte den Elfmeter zum Ausgleich – 1:1.

„Für mich sind es zwei verlorene Punkte“, sagte Bayern-Kapitän Manuel Neuer, der „enttäuscht und sehr gefrustet“ war, „nachdem wir wirklich eine super erste Halbzeit gespielt haben“. Laut Thomas Müller hätte Bayern „bei unserer Dominanz niemals mit einem 1:1 in die Pause gehen dürfen. Wir haben den Leipzigern das 1:1 geschenkt, mit Schleife drum, und selbst kein zweites Tor erzielt.“ Daher fühle es sich „nicht so gut an“.

Nagelsmanns Rechnung geht auf

Unentschieden endete auch das Trainerduell, jedoch durfte sich der neue RB-Coach Julian Nagelsmann als heimlicher Sieger der taktischen Winkelzüge fühlen. Erst überrascht ihn sein Gegenüber Niko Kovac mit dem Seitenwechsel der Flügelspieler Kingsley Coman (diesmal rechts) und Serge Gnabry.

Nagelsmann wiederum kann Bayerns Schwachstelle, die wegen der Verletzung von David Alaba kurzfristig umgebaute Viererkette mit einem Jérome Boateng ohne Spielpraxis, nicht ausnutzen. Erst in der Halbzeit bringt Nagelsmann mit Diego Demme einen zweiten Sechser, um mehr Spieler und Anspielstationen im Zentrum zu haben. Die Rechnung geht auf, Bayern gibt das Spiel aus der Hand, verliert den Zugriff.

Wie schon so oft in der vergangenen Saison reagiert Kovac nicht, wenn der Gegner sein System umstellt. „Es ist natürlich schwierig, während des Spiels irgendwo Einfluss zu nehmen auf die Mannschaft. Klar kann man dann umstellen. Aber ich weiß nicht, ob dann jeder auch alles mitbekommt“, erklärte Kovac und hinterließ ratlose Beobachter.

Ist das sogenannte Im-Match-Coaching nicht die eigentliche Kunst im physisch rasanten Fußball heutzutage? Im Hin und Her der Taktik-Schlachten mit Ketten hinten und Dreiecken vorn, für das die Trainer ihre Teams verschiedene Systeme einstudieren lassen?

Leise Kritik von Thomas Müller

Dafür sei, so Kovac, „die Halbzeit immer ein ganz guter Zeitpunkt, wo man etwas korrigiert“. Nur dann? Seltsam. Müller meinte, ohne damit den Trainer anzugehen: „Wir haben einen Tick zu lange gebraucht, um uns auf die Systemumstellung einzustellen. Ich würde mir wünschen, dass wir dann schneller reagieren.“

Dabei hätte es ein großer Kovac-Triumph werden können. Denn: Ja, die Bayern haben, wie er selbst zu Recht sagte, „in der ersten Halbzeit sensationell gut gespielt“. Und ja, es war „mit die beste Leistung seit ich hier bin“, stellte der 47-Jährige völlig richtig fest.

Das große Aber lautet: Dann muss man die Partie auch gewinnen – erst recht in nationalen Wettbewerben. Aber gegen den neuen Widersacher Leipzig war selbst das Beste nicht gut genug.

Oder wie Neuer dieses Ja-aber-Feeling umriss: „Es war kein so guter Tag für uns, obwohl wir keine schlechte Leistung gezeigt haben.“ Vor dem Verlassen der Arena holte Müller noch zum Ritterschlag für die Gastgeber aus, indem er sagte: „Jeder, der sich aktuell in der Tabelle dort oben aufhält, ist ein Meisterkandidat.“