EM-Qualifikation

Warum die Zweifel beim DFB-Team bleiben

Auch wenn das EM-Ticket fast sicher ist: Die DFB-Elf gibt eher Anlass zur Sorge als zur Euphorie. Das liegt auch an Bundestrainer Löw.

Bundestrainer Joachim Löw (59) hat derzeit alle Hände voll zu tun.

Bundestrainer Joachim Löw (59) hat derzeit alle Hände voll zu tun.

Foto: Christian Charisius / picture alliance/dpa

Belfast.  Am internationalen Flughafen von Belfast war schon am frühen Dienstagmorgen jede Menge los. Weil die englische Fluggesellschaft British Airways den ansonsten gut frequentierten City-Flughafen George Best durch einen Streik fast lahmlegte, ging ein Großteil der Flüge am Dienstag über den eher abgelegenen BFS-Airport. Alleine fünf Maschinen in das nur gut eine Flugstunde entfernte London konnten die zahlreichen Deutschland-Fans am Vormittag nach dem 2:0 ihrer Mannschaft gegen Nordirland nehmen, um von Englands Hauptstadt aus den finalen Flug nach Hause anzutreten.

Die Mehrheit der Schlachtenbummler hätte sicher nichts dagegen, wenn sie auch im kommenden Sommer noch einmal nach London reisen müsste – dann gern für sehr viel länger als nur für ein paar Stunden. Bei der Euro 2020, die in elf europäischen Städten (und mit Baku in einer asiatischen Stadt) ausgetragen wird, ist das Londoner Wembley-Stadion Austragungsort der Halbfinalpartien und des Endspiels. „Von Hamburg über München nach London“, stand deswegen auch auf einem Banner, das Fans vor dem ersten DFB-Spiel dieser Länderspielwoche gegen die Niederlande quer über die Nordtribüne im Hamburger Volksparkstadion gespannt hatten.

Löw: „Nicht so einfach, wie viele denken“

Die gute Nachricht: 180 Minuten und zwei Qualifikationsspiele später ist Deutschland als Tabellenführer der Qualifikationsgruppe C dem Jubiläumsturnier zum 60. Geburtstag des Wettbewerbs näher denn je. Die schlechte Nachricht: Durch das (ziemlich) schwache 2:4 gegen die Niederlande und das (mehr oder weniger) schwache 2:0 in Nordirland scheint London trotz der räumlichen Nähe am Dienstag weiter denn je entfernt. Deutschland, und das ist das ernüchternde Fazit dieser Länderspielwoche, ist weiter weg von Europas Top-Nationen als man es noch vor ein paar Monaten gehofft (und wohl auch gedacht) hatte.

„Der Weg in die Weltspitze wird kein leichtes Unterfangen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw am Vorabend im Bauch des Windsor Parks, und erhob sogar Löw-untypisch seine Stimme: „Ganz so einfach, wie viele denken, ist es eben doch nicht.“

Man könnte Löws eindringliche Worte durch ein „ganz und gar nicht“ ergänzen. Zwar hatte die deutsche Mannschaft gerade 2:0 beim bisherigen Tabellenführer gewonnen. Doch auf dem Weg zu diesem Pflichtsieg ist das DFB-Team (besonders in der ersten Halbzeit) sehr viel mehr schuldig geblieben, als man es nach dem 2:4 bei der geplanten Operation Wiedergutmachung vorhatte. Der „Belfast Telegraph“ schrieb am Tag danach von „schamlosen Deutschen“, die gegen Nordirland nicht unbedingt die bessere Mannschaft stellten. Aber die erfolgreichere.

Schlechte Raumaufteilung in Hälfte eins

Besonders in der ersten Halbzeit sah man kaum einen Unterschied zwischen dem Weltranglisten-15., der eigentlich liebend gern wieder zurück in die Top Drei vorstoßen würde, und dem Weltranglisten-29., der schon mehr als happy ist, zwei Plätze vor dem großen Bruder Irland zu stehen. „Unsere Raumaufteilung stimmte im ersten Durchgang nicht“, gab Löw unumwunden zu. Er habe in der Pause seine Offensivspieler anmahnen müssen, „die offensiven Positionen“ nicht zu verlassen und „zwischen den Linien“ zu bleiben.

Die Leipziger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg gehören zwar nicht wirklich zu den Offensivmannen, die Löw meinte. Aber die beiden Außenverteidiger schienen besonders gut zugehört zu haben. So vollendete (Linksverteidiger) Halstenberg eine eher misslungene Flanke von (Rechtsverteidiger) Klostermann derart spektakulär per Volley, dass man für den Moment die sehr ausbaufähigen 48 Minuten zuvor getrost vergessen konnte.

Weil aber Löws Mannschaft nach 15 sehr starken Minuten auch Mitte der zweiten Halbzeit wieder in den Erste-Halbzeit-Trott verfiel, blieb nach dem Schlusspfiff (und dem kurz zuvor erlösenden Gnabry-Treffer zum 2:0) nur die Löw‘sche Erkenntnis, dass „wir in einer Phase des Lernens“ sind.

Im Oktober gegen Argentinien

Das gilt natürlich für das Orchester auf dem Platz. Das gilt aber mindestens genauso für den Maestro am Spielfeldrand. Ein Dreivierteljahr vor der Europameisterschaft muss Bundestrainer Löw nicht nur die passenden Spieler suchen und finden. Er muss sich auch für eine Spielidee entscheiden. Kurzum: Er muss ein nach vielen Jahren, in denen es reichte, die Besten der Besten bei Laune zu halten, wieder ein echter Fußballlehrer sein.

Das Schöne am Fußball: Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Bereits in vier Wochen stehen Löw und seiner Rasselbande die nächsten Bewährungsproben bevor. Zunächst dürfen sich Dortmunds Fußballfans auf die Neuauflage vom WM-Finale 2014 gegen Argentinien am 9. Oktober freuen. Dann müssen die Pflichtaufgaben in Estland (13. Oktober), gegen Weißrussland (16. November) und erneut gegen Nordirland (19. November) bewältigt werden.

Erst danach, so sagte es Löw auch am späten Montagabend in Belfast, könne man abschätzen, wie weit man wirklich sei. Oder in anderen Worten: wie weit London wirklich entfernt ist.