EM-Qualifikation

Angriff ist für das DFB-Team die beste Verteidigung

Das deutsche Nationalteam muss sich im Qualifikationsspiel in Nordirland offensiver präsentieren, um das EM-Ticket nicht zu gefährden.

Gegen Nordirland sollen Serge Gnabry (r.) und Marco Reus wieder wirbeln.

Gegen Nordirland sollen Serge Gnabry (r.) und Marco Reus wieder wirbeln.

Foto: Eberhard Thonfeld / camera 4

Belfast. Wer einen kleinen Vorgeschmack haben wollte auf das, was der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Montagabend (20.45 Uhr/RTL) im natürlich ausverkauften Windsor Park gegen Nordirland droht, der musste am späten Sonnabend einen Abstecher ins Pub-Viertel Cathedral Quarter von Belfast wagen. „Don’t take me home“ wurde hier lautstark zum Besten gegeben, Neil Diamonds Evergreen „Sweet Caroline“ und natürlich auch der Fan-Gassenhauer „Will Grigg’s on fire“ zur Melodie von „Freed from Desire“.

„Im Stadion herrscht eine unglaubliche Stimmung. Hier wird es brennen. Es ist eine einmalige Atmosphäre“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, als er am Sonntagnachmittag im Presseraum des Windsor Park einen Ausblick auf das Spiel gegen die „Green & White Army“ geben sollte. Musikalisch, da waren sich alle im DFB-Team einig, dürfte der Montagabend ein voller Erfolg werden. Bleibt die Frage nach dem Sportlichen.

„Wir werden, da bin ich mir sicher, eine Reaktion zeigen“, sagte Löw. 2:4 hatte seine Mannschaft am Freitag gegen die Niederlande verloren, was gleich zwei unschöne Folgen hatte. Erstens: Nach dem 3:2 im Hinspiel ist der direkte Vergleich gegen die „Elftal“ verloren. Ein erster Platz in der EM-Qualifikation aus eigener Kraft ist somit nicht mehr möglich. Und zweitens: Weil sich die Nordiren bislang hartnäckig weigerten, aus ihren vier Spielen auch nur einen einzigen Punkt abzugeben, sollte das Löw-Team tunlichst am Montag gewinnen, um nicht in Gefahr zu geraten, sogar um den zweiten Platz zu zittern.

Gündogan wird in Belfast fehlen

Grund zu einer nationalen Hysterie sah der chronisch gelassene Löw allerdings nicht. „Wir kennen Nordirland aus den letzten Jahren“, sagte der Bundestrainer. Anders als gegen die Niederlande, als sein Versuch, auf Umschaltfußball zu setzen, grandios scheiterte, will Löw gegen Nordirland wieder Ballbesitzfußball zelebrieren lassen.

„Nordirland wird tiefer stehen, taktisch müssen wir uns deswegen anders ausrichten“, sagte Löw. Anders als gegen die Niederlande, als sich Deutschland aufs Kontern konzentrierte und am Ende dann selbst ausgekontert wurde, will Löw gegen Nordirland sein Heil in der Offensive suchen: Angriff ist die beste Verteidigung.

Die offensive Debatte um die schwache DFB-Defensive hatte der Bundestrainer natürlich mitbekommen – und sich sogar zu Herzen genommen. Deutschlands Fehlerkette, die je nach Ballbesitz gegen die „Elftal“ zwischen Dreierkette (selten) und Fünferkette (oft) wechselte, soll nun wieder der guten, alten Viererkette weichen. Damit wäre im Mittelfeld Platz für einen weiteren Ballverteiler, der aber nicht Ilkay Gündogan heißen wird.

Löw macht Havertz Hoffnungen auf die Startelf

Der Manchester-City-Star reiste am Sonntagnachmittag ohne Glücksgefühle und mit einem grippalen Infekt direkt nach der Ankunft aus dem Teamhotel wieder ab. Mit Gündogan, Nico Schulz, Leon Goretzka, Julian Draxler, Antonio Rüdiger, Leroy Sané und Thilo Kehrer kann Löws Lazarett durchaus beeindrucken.

So dürfte Toni Kroos wieder neben Joshua Kimmich ins defensive Mittelfeld rutschen, davor könnte Kai Havertz eine Chance von Anfang an bekommen. „Sicher ist Havertz ein Kandidat für die Startelf“, sagte Löw über den 20 Jahre alten Mittelfeldspieler, der gegen die Niederlande in der 61. Minute für Timo Werner eingewechselt worden war.

Der Bundestrainer gibt sich wie immer pragmatisch. Das macht auch ein Rückblick auf das letzte Treffen mit Nordirland deutlich. Zwei Jahre ist es gerade einmal her, als die deutsche Mannschaft 3:1 in Belfast gewann. Aus der damaligen Startelf dürften nun aber nur noch zwei Protagonisten (Kroos und Kimmich) auf dem Platz stehen.

Löw sieht Entwicklung bei den Nordiren

„Nordirland versucht jetzt auch, spielerische Lösungen zu finden“, sieht Löw einen Entwicklung beim Gegner weg vom eher traditionellen Spiel, den Ball lang nach vorn zu schlagen. Auf diese Veränderung muss sich seine Defensive einstellen.

Grundsätzliche Qualitätsmängel in Deutschlands Abwehr sieht der Bundestrainer trotz elf Gegentoren in vier Spielen gegen die Niederlande innerhalb eines Jahres nicht. „Wir haben junge Spieler wie Jonathan Tah oder Niklas Süle“, sagte Löw. „Die müssen natürlich noch dazulernen.“

Am Montag werden Tah, Süle und Co. aber zunächst einmal den lautesten Männerchor der Insel kennenlernen. „Your defence is terrified, Will Grigg’s on fire“, werden die 18.000 Zuschauer vermutlich schon vor dem Anpfiff intonieren. Dass Sunderlands William Donald „Will“ Grigg gar nicht auf dem Platz stehen wird, spielt da keine Rolle.