EM-Qualifikation

Löws steiniger Weg zurück in die Zukunft

Das deutsche Team tut sich schwer bei der Umstellung zum Umschaltspiel. Dabei sollte Bundestrainer Löw eigentlich wissen, wie es geht.

Bundestrainer Joachim Löw gibt Nationalstürmer Timo Werner im Spiel gegen die Niederlande Anweisungen.

Bundestrainer Joachim Löw gibt Nationalstürmer Timo Werner im Spiel gegen die Niederlande Anweisungen.

Foto: MSSP - Michael Schwartz / MSSP

Hamburg. Am Tag nach dem verkorksten Abend in Hamburg versuchte Joachim Löw vor allem eines: Die Wogen zu glätten, die das ernüchternde 2:4 gegen die Niederlande hat entstehen lassen – oder die noch entstehen könnten.

Also hielt der Bundestrainer zuallererst fest: „Qualitätsmängel haben wir keine. Das beweisen die Spieler Woche für Woche.“ Doch Löw ist lange genug im Amt, um zu wissen, welche Gefahren der Rückschlag in der EM-Qualifikation haben kann für seine junge Mannschaft und deren Entwicklung.

„Man muss den Spielern jetzt wieder das Gefühl geben, dass sie es können“, sagte der 59-Jährige. Erfahrene Spieler wie Toni Kroos, Manuel Neuer oder Ilkay Gündogan „haben das schon mal erlebt, dass man so ein Spiel verliert. Die jungen Spieler muss man ein bisschen aufrichten.“ So weit die psychologische Komponente, die Löw bis zum nächsten Qualifikationsspiel am Montag in Belfast gegen Nordirland (20.45 Uhr, RTL) vor sich hat.

Niederländer im Mittelfeld in Überzahl

Eine andere Frage, die der Bundestrainer vor allem für seine Spieler beantworten muss: Welchen Fußball soll die deutsche Nationalmannschaft spielen, um wieder in die Weltspitze zurückzufinden? Die Partie gegen die Niederländer hat gezeigt, wie schwer eine Antwort darauf zu finden ist.

Die Spieler schienen offensichtlich zu fremdeln mit jenem Fußball, der ihnen die erste Niederlage in der Qualifikation eingebrockt hat. Jenem Außenseiterfußball aus tiefstehender Defensive und schnellen Kontern, den Löw mit seiner Aufstellung vorgegeben hatte.

In der Defensive formierte er eine Dreierkette, die sich bei niederländischem Ballbesitz zur Fünferreihe verdichtete – dadurch fehlte im Mittelfeld ein Spieler, der Gegner hatte zu oft Überzahl und mit 57 Prozent auch mehr Ballbesitz als die deutsche Elf.

DFB-Elf läuft zu oft hinterher

„Es kann nicht unser Anspruch sein, bei einem Heimspiel so wenig Ballbesitz zu haben“, schimpfte Abwehrchef Niklas Süle. „Wir müssen natürlich nach vorn als ganze Mannschaft mehr Druck erzeugen, nicht nur die Offensivspieler“, forderte Marco Reus. Und Joshua Kimmich monierte: „Wir hatten zu wenig Zugriff auf den Gegner. Das wird dann zum Problem, je länger das Spiel dauert. Wenn du zu passiv bist, nur hinterherläufst, ist das sehr ermüdend, auch für den Kopf.“

Defensiv spielen ja, aber bitte nicht ganz so tief. Umschaltfußball ja, aber bitte mit mehr Ballbesitz – so recht wurde nicht klar, wie der neue Fußball dieser Mannschaft aussehen soll und ob Trainer und Spieler wirklich die gleichen Vorstellungen haben. Sicher ist nur: Es soll in jedem Fall anders sein als in den Jahren bis zur verkorksten WM 2018.

Damals war noch Spanien mit seinem Ballbesitzfußball das große Vorbild, dem Löw mit seiner Mannschaft nacheiferte, dass er irgendwann sogar überholte. Doch nach dem Vorrundenaus von Russland galt dieser Ansatz als gescheitert, Löw musste seinen Fußball neu erfinden – sonst hätten die Verantwortlichen beim DFB wohl einen neuen Bundestrainer erfunden.

Umschaltfußball ist für Löw nicht neu

Und weil in Frankreich und Kroatien zwei Umschalt-Mannschaften das Finale erreicht hatten, war die Idee vom schnellen Gegenangriff nun das Maß der Dinge. Nichts, was Löw nicht schon hinter sich hätte, wie ein Blick auf die ersten Jahre seiner Bundestrainer-Ära beweist.

Sowohl bei der Europameisterschaft 2008 als auch bei der Weltmeisterschaft 2010 hatte die deutsche Mannschaft ihre stärksten Momente, wenn sie die Fehler des Gegners nutzen und dann blitzschnell den Raum bespielen konnte. So wurden bei jener EM im Viertelfinale Portugal (3:2) und bei der WM darauf England (4:1 im Achtelfinale) und Argentinien (4:0 im Viertelfinale) besiegt.

Bei beiden Turnieren war es Spanien, das Ballbesitzmonster, das die DFB-Auswahl im EM-Finale und im WM-Halbfinale jeweils mit 0:1 in die Schranken wies. Die Logik war klar. Wer die Spanier schlagen will, muss besser spielen als sie. Es war der Grundstein zum WM-Titel 2014.

Löw nimmt seinem Team die Waffen

Die gleiche Logik soll auch heute mit Blick auf Weltmeister Frankreich greifen. Löw muss also zurück in die Zukunft. Dass diese durchaus wieder erfolgreich sein kann, zeigte sein Team beim 3:2 im Hinspiel in den Niederlanden. Gegen Frankreich, zuvor in der Nations League, spielte das erneuerte DFB-Team gut, verlor aber 1:2.

Ein wenig unverständlich war daher Löws Entscheidung, sein Team nun gegen die Niederlande jener Waffe zu berauben, die er für die Partie vorgesehen hatte. Als sich mit zunehmender Spieldauer abzeichnete, dass die deutsche Führung immer bedenklicher wackelte, entschloss sich Löw doch für mehr Ballbesitz.

Die eher glücklosen Timo Werner und Marco Reus auszuwechseln, war nachvollziehbar. Doch die Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan und Kai Havertz nahmen der Offensive noch mehr Kraft. Zumal Löw die Wechsel vollzog, kurz nachdem bereits das 1:1 gefallen war.

Dortmunds Schulz fehlt gegen Nordirland

Der Bundestrainer hielt an seiner Idee fest. Nur in seiner Mannschaft schien niemand mehr so recht zu wissen, was denn nun zu tun sei. Gegen Holland in Not. Löw sah die Schwachstellen nicht aufgrund „von unserer taktischen Ausrichtung, sondern aufgrund von individuellen Fehlern“.

Gegen Nordirland wird er dennoch einiges ändern müssen. Personell, weil Dortmunds Linksverteidiger Nico Schulz mit einem Bänder-Teilriss im linken Fuß ohnehin ausfallen wird.

Und auch taktisch: „Die Nordiren spielen viele lange Bälle, hohe Bälle, sind körperlich sehr robust“, erklärte der Bundestrainer. „Sie spielen einen ganz anderen Fußball als die Niederlande.“ Den muss auch seine Mannschaft spielen, soll die EM-Qualifikation nicht noch ernsthaft in Gefahr geraten.