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Hoeneß-Abschied in Raten bei den Bayern

Der Chef beim FC Bayern zieht sich von den Spitzenämtern zurück, doch sein Einfluss auf den Klub wird bleiben.

Abschied mit Träne: Bayern-Boss Uli Hoeneß.

Abschied mit Träne: Bayern-Boss Uli Hoeneß.

Foto: Peter Kneffel / dpa

München. Der Applaus, die Sprechchöre, überhaupt diese Zuwendung und Liebe – all das tat ihm sichtbar gut. Uli Hoeneß machte eine beschwichtigende Geste in Richtung der Fans, die ihm im Münchner Hofgarten, dieser barocken Parkanlage am Rande der Altstadt, zujubelten. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hatte Mannschaft und Verantwortliche des FC Bayern in die Staatskanzlei zu einem Empfang geladen, um sie nachträglich für die Meisterschaft zu ehren. Die Feier vor den rund 1500 geladenen Gästen geriet jedoch zur Huldigung für Hoeneß, der sich auf seinem schwierigsten Weg auf halber Wegstrecke befindet. „Du bist der beste Mann!“, feierten die Anhänger Hoeneß.

Ihr bester Mann hört auf. Es ist der Anfang vom Ende. Hoeneß nimmt peu à peu Abschied von seinem Lebenswerk, seinem Verein. Knappe drei Monate noch ist der 67-jährige Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender. Nach dem Festakt tagte am Mittwochnachmittag der Verwaltungsbeirat im Seehaus im Englischen Garten, um die letzten Details der Amtsübergabe zu besprechen. Am Donnerstag teilte Hoeneß bei einer Aufsichtsratssitzung der AG mit, dass er Schluss macht – aber nicht so ganz.

Die Bayern ganz ohne Hoeneß? Undenkbar

Um 20.25 Uhr wurde offiziell, was in München seit Wochen ein offenes Geheimnis war: Hoeneß wird als Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern abtreten, der deutsche Rekordmeister steht vor einer Zäsur. Die Posten soll der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer übernehmen. Im neunköpfigen Aufsichtsrat will Hoeneß, der sich bei der Jahreshauptversammlung am 15. November nicht erneut als Präsident zur Wahl stellt, bis 2023 bleiben.

Hoeneß’ Ära endet nun, sein Einfluss aber wird bleiben. Mögliche Profiteure der Machtverschiebung sollten sich dessen bewusst sein. Hoeneß kann nicht anders, Insider sprechen von einem Rückzug light. Man witzelt in München bereits, Hoeneß werde wie eine Drohne, die von seinem Wohnsitz am Tegernsee startet, über dem Vereinsgelände an der Säbener Straße kreisen. Keiner hat bessere Drähte in den Klub, ist besser vernetzt. Vereinzelt wird er weiter seine Fäden ziehen, seine Kontakte spielen lassen. Unwahrscheinlich, dass er sein Büro aufgibt.

Doch warum geht er? Warum freiwillig? Zum einen schmerzte ihn die Jahreshauptversammlung im Vorjahr, als er von einigen Mitgliedern, sonst seine treuesten Follower, scharf angegangen wurde. Eine knallharte Rede als Anklage, die in Applaus kontra Hoeneß und Buhrufen endete. Dieses Erlebnis sei „ein Schock“ gewesen, das bestätigte nun sein langjähriger Weggefährte Edmund Stoiber, der Chef des Verwaltungsbeirats. „Und danach kamen die Zwistigkeiten mit Kalle dazu“, verriet Stoiber. Zum einen als es um die Frage ging, entweder Thomas Tuchel, der Favorit von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (63), oder Niko Kovac als Trainer zu engagieren. Hoeneß setzte sich durch. Noch einmal im Herbst vergangenen Jahres, als Kovac auf der Kippe stand und ihm Rummenigge noch im Frühjahr – selbst nach dem 5:0 gegen Dortmund – eine Jobgarantie übers Saisonende hinaus verweigert hatte. „Ich habe mit ihm ein inniges, offenes Verhältnis“, sagt Kovac über Hoeneß, es herrsche ein „reger Austausch“ zwischen beiden. Hoeneß sei „eine Person, die jeder Klub und jeder Trainer braucht“. Laut eigenen Angaben habe Stoiber vier Mal versucht, Hoeneß umzustimmen. Erfolglos.

Eine Zäsur steht an. Aber die Bayern ganz ohne Hoeneß? Undenkbar. 1979 begann er nach dem abrupten Ende seiner erfolgreichen Spielerkarriere als Self-made-Manager. Seit 2009 führt er den Verein als Präsident – unterbrochen ab 2014 durch die Freiheitsstrafe wegen Steuerhinterziehung – und machte den FC Bayern zum FC Bayern der heutigen Dimension. Seine Visionen, sein Ehrgeiz und seine Hingabe, seinen Verein bis aufs Letzte zu verteidigen, führte von Erfolg zu Erfolg. Hoeneß wurde gefürchtet, gehasst und verehrt, war zeitweise die streitbarste und umstrittenste Person des deutschen Fußballs.

Seine Nachfolge hat Hoeneß – natürlich – längst in seinem Sinne geregelt. Herbert Hainer (65), der frühere Vorstandsvorsitzende von Adidas, übernimmt beide Ämter. Ein enger Vertrauter von Hoeneß, ein Freund. Gemeinsam trafen sie sich bereits im Januar mit Oliver Kahn (50), der nach außen das neue Gesicht des Vereins werden soll. Ab Beginn 2020 wird der ehemalige Torwart und Kapitän, einst Publikumsliebling, heute Geschäftsmann mit einer Firma mit 21 Angestellten, auf seine Rolle als Vorstandsvorsitzender eingearbeitet.

Per Schnupperkurs als „normales Vorstandsmitglied“, so Hoeneß. Denn Rummenigge, steter Antipode von Hoeneß, wird zum Jahresende 2021 in den Ruhestand gehen. Spannend wird, wie Rummenigge die kommenden zwei Jahre angeht, in denen Hoeneß’ Rückzug light vonstattengeht. Während der Haftstrafe hatte er intern viel Macht an sich gerissen. Bis zum Comeback des Mister FC Bayern, der die Verhältnisse in seinem Sinne wieder geraderückte. Nun geht er – aber eben nicht so ganz.