Fussball-Nationalteam

Deutsche Verteidiger auf dem Vormarsch

Jahrelang gab es kaum international hochklassige deutsche Außenverteidiger. Jetzt weiß Löw kaum, wen er zuerst einsetzen soll.

Thilo Kehrer hat in sehr kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg erlebt – auch bei den deutschen Fans.

Thilo Kehrer hat in sehr kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg erlebt – auch bei den deutschen Fans.

Foto: Christof Koepsel / Bongarts/Getty Images

Venlo. Es ist nicht genau zu hören, was Thilo Kehrer sagt, aber sein Satz scheint gut anzukommen: Die Kollegen der Nationalmannschaft grinsen, als sie gemeinsam zurückradeln vom Stadion De Koel zum Hotel De Bovenste Molen. Kehrer, das zeigt nicht nur diese Szene, ist mittendrin statt nur dabei in Venlo, wo sich das DFB-Team vorbereitet auf das EM-Qualifikationsspiel in Weißrussland am Sonnabend (20.45 Uhr/RTL). Überraschend ist das nicht mehr, bemerkenswert aber allemal.

Löw will nicht auf Kehrer verzichten

Der frühere Schalker dürfte als 1996er-Jahrgang noch für die U21 spielen, Bundestrainer Joachim Löw aber mag nicht mehr auf ihn verzichten. Denn Kehrer gehört als Abwehrspieler zu einem Mannschaftsteil, in dem vieles in Bewegung ist.

Die Platzhirsche Jerome Boateng und Mats Hummels wurden aussortiert, neue Strukturen und Hierarchien müssen sich noch finden. Kehrers Vorteil dabei: Der gelernte Innenverteidiger ist vielseitig verwendbar, kann auch die Außenpositionen seriös besetzen – nicht zuletzt deswegen war er dem französischen Meister Paris Saint-Germain vor einem Jahr 37 Millionen Euro wert.

Plötzlich gibt es viele Lahm-Nachfolger

„Es gibt viele Möglichkeiten, da wir auch verschiedene Systeme spielen können“, sagt der 22-Jährige über seine Wunschposition und Einsatzchancen. „Ich versuche, mich von der stärksten Seite zu zeigen.“ Und dadurch trägt er ganz nebenbei dazu bei, Bundestrainer Joachim Löw eine Sorge zu nehmen, die diesen jahrelang plagte.

Er hatte zwar immer Philipp Lahm. Aber nicht einmal der wohl beste Außenverteidiger seiner Zeit konnte beide Seiten gleichzeitig besetzen – und klonen ließ er sich dummerweise auch nicht.

Plattenhardt links liegen gelassen

Löw probierte vieles aus, war mit wenigem zufrieden und ließ sich das auch anmerken: Er könne sich halt keinen besseren schnitzen, deswegen müsse er eben mit diesem Marcel Schmelzer arbeiten, erklärte er öffentlich, als der Dortmunder offiziell noch Nationalspieler war.

Jetzt hat der Bundestrainer eine ganze Reihe an Spezialisten zur Verfügung: den Neu-Dortmunder Nico Schulz, Joshua Kimmich, Jonas Hector oder den Herthaner Marvin Plattenhardt, den Löw allerdings bereits seit dem Confed-Cup 2017 in Russland links liegen lässt. Dafür klopft sein Teamkollege Niklas Stark ans Tor zum Nationalteam; der Innenverteidiger zählt jetzt zu den Nominierten. Und er hat die Spieler vom Typ Kehrer, die innen und außen verwendbar sind: Matthias Ginter, Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann gehören dazu. Die einstige Problem- ist zur Komfortzone geworden.

Weltmeister mit zwei Notlösungen

Bei der Weltmeisterschaft 2014 noch griff Löw in seiner Not außen vor allem auf die gelernten Innenverteidiger Benedikt Höwedes und Boateng, auch auf Shkodran Mustafi zurück. Kernige Zweikämpfer, aber mit dem Ball recht limitiert. Der Fußball hat sich seitdem rasant weiterentwickelt, die neue Generation Abwehrspieler ist deutlich besser ausgebildet.

Kehrer kann das Spiel mit beiden Füßen sicher eröffnen und auch sonst gut mit dem Ball umgehen, dazu ist er schnell und geschmeidig – und weder kleiner noch schmächtiger als die Innenverteidiger älterer Schule. In Paris hat er in dieser Saison schon Innenverteidiger in einer Dreier- oder Viererkette, Rechtsverteidiger und sogar Rechtsaußen gespielt.

Bayern investiert 115 Millionen in zwei Verteidiger

Auch in der Bundesliga lässt sich der Trend zur Vielseitigkeit beobachten: Bei Borussia Dortmund verteidigte der gelernte Innenverteidiger Abdou Diallo meist auf der linken Seite. Dem FC Bayern München war es insgesamt 115 Millionen Euro wert, in Lucas Hernández und Benjamin Pavard zwei Spieler zu bekommen, die sich innen und außen wohlfühlen.

Nico Schulz war mit 25 Millionen Euro Ablöse billiger, selbstbewusst ist er dennoch: „Wir haben schon ein paar Spieler, die auf den Außen spielen können“, sagt er über die Konkurrenzsituation in der Nationalmannschaft. „Das sind alles gute Jungs und gute Kicker, deswegen sind wir alle hier.“

Sein Anspruch: „Ich will jedes Spiel spielen. Ich komme nicht hierher, um mich auf die Bank zu setzen.“ Sein Problem: Ein Linksverteidiger auf gehobenem Bundesliga-Niveau zu sein, garantiert inzwischen keinen Stammplatz mehr.