DFB-Pokal-Finale

Boateng steht bei den Bayern im Abseits

Jérome Boateng steht bei Rekordmeister FC Bayern im Abseits. Im Pokalfinale droht dem Berliner im Olympiastadion die Bank.

Statt mit den Kollegen den siebten Meistertitel in Folge zu feiern, kickte Bayern-Star Jérome Boateng am vergangenen Sonnabend in München lieber mit seinen Töchtern.

Statt mit den Kollegen den siebten Meistertitel in Folge zu feiern, kickte Bayern-Star Jérome Boateng am vergangenen Sonnabend in München lieber mit seinen Töchtern.

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

München. Check-In „The Ritz-Carlton“, Potsdamer Platz. Bereits am Donnerstagabend landete der FC Bayern zur Vorbereitung auf das Pokalfinale am Sonnabend gegen RB Leipzig im Olympiastadion (20 Uhr/ARD und Sky) in Tegel. Für Jérome Boateng alles Routine. Ein Trip in seine Heimatstadt, wie so oft in den letzten Jahren. Doch diese Dienstreise mit den Münchnern dürfte eine besondere, weil melancholische Reise für den 30-Jährigen sein. Es ist der Saisonabschluss, dazu Bayerns Chance, nach der Meisterschaft am vergangenen Wochenende nun mit einem Pokal-Triumph gegen die Sachsen-Bullen das Double zu feiern. Und für Boateng – ja, was eigentlich? Der leise Abschied vom FC Bayern nach acht erfolgreichen Jahren? Ein trauriges Lebewohl durch die Hintertür? Als teilnahmsloser Zuschauer auf der Ersatzbank? Ausgerechnet „daheeme“.

In Charlottenburg geboren und aufgewachsen

Gebürtig und aufgewachsen in Charlottenburg, als junger Kicker groß geworden auf einem mittlerweile legendären Bolzplatz in Wedding, einem Käfig namens „Panke“ - das verbindet Boateng bis heute mit der Hauptstadt. Als Kind spielte er bei TeBe, später in Herthas Jugend, ab der Rückrunde 2006/07 für deren Profis. Über die Stationen Hamburger SV und Manchester City fand er 2011 seine Heimat in München. Nun dürfte seine Zeit als Bayern-Profi enden. Ohne Happy End - trotz seines noch bis 2021 gültigen Vertrages.

Wechsel nach Paris scheiterte an der Ablöse von 50 Millionen Euro

Schon im vergangenen Sommer bahnte sich ein Wechsel zu Paris St. Germain an, der jedoch Ende August noch kurzfristig an der Ablöse von 50 Millionen Euro scheiterte – und obwohl „die Gespräche mit Trainer Thomas Tuchel gut waren“, so Boateng. Außerdem hatte sich Bayern-Trainer Niko Kovac festgelegt, dass er ihn behalten wolle.

Trainer Kovac setzte ab der Rückrunde auf Hummels und Süle

Jener Kovac war es dann, der spätestens ab Beginn der Rückrunde auf Boatengs Konkurrenten Mats Hummels und Niklas Süle setze. Letzteren erklärte er zu seiner neuen Nummer eins in der Innenverteidigung. In den wichtigen Spielen, ob gegen den FC Liverpool in der Champions League oder gegen Dortmund sowie Leipzig in der Bundesliga saß Boateng auf der Bank. Das droht ihm auch im Pokalfinale.

Defizite im Tempo und in der Zweikampfführung

„Es ist für beide Seiten nicht unbedingt die optimale Saison gewesen“, sagte Boateng nun. Im Rückblick meinte der Weltmeister von 2014: „Ich glaube, wenn ich gespielt habe, habe ich sehr ordentlich gespielt - ab der Rückrunde.“ Nicht in der Hinrunde, „da bin ich auch ehrlich zu mir selbst“. Vor allem Defizite im Tempo und in der Zweikampfführung – beides eigentlich Markenzeichen seines Spielstils – waren deutlich sichtbar geworden. Die Zuschauerrolle sorgte für Frust: „Als Fußballer wünschst du dir, dass du gerade in den wichtigen Spielen mehr spielst.“ Zum allem Überfluss sortierte ihn Bundestrainer Joachim Löw nebst Leidensgenosse Hummels im März aus, der Nationalspieler Boateng, 76 Länderspiele, war plötzlich Geschichte. „Was mich traurig gemacht hat, war die Art und Weise - aus dem Nichts. Ohne vorbereitet zu sein.“

Boateng nahm nicht an der Meister-Feier teil

Sichtbar wurde seine Enttäuschung vergangenen Sonnabend in der Allianz Arena. Bereits eine Stunde nach Abpfiff verließ er das Stadion, nahm nicht an den weiteren Feierlichkeiten teil. Der Grund: Sein bester Freund heiratete, diese Party zog Boateng vor. Schon die Siegerehrung auf dem Rasen hatte er, im Besitz seiner siebten Meistermedaille, eher lustlos über sich ergehen lassen. Während der Ehrenrunde der Mannschaft beschäftigte er sich lieber mit seinen Töchtern, ganz in sich gekehrt. Als gehöre er schon nicht mehr dazu.

Trotziger Kontrast zu den Abschieden von Robben und Ribéry

Und als wollte er einen trotzigen Kontrast setzen zu den überschwänglich zelebrierten Abschieden seiner Mitspieler Franck Ribéry (36) und Arjen Robben (35), die von den Verantwortlichen geehrt und von den Fans frenetisch gefeiert wurden. Mit dem Happy End, dass beide beim 5:1 gegen Frankfurt, dem verwandelten Meister-Matchball, eingewechselt wurden und als Krönung ihr Abschiedstor erzielen konnten. Klar, die Verträge der Flügel-Helden enden diesen Sommer. Dennoch: Schöner konnte man nicht servus sagen. Und ein Joker-Einsatz der Außenbahnspieler im Pokalfinale ist um einiges wahrscheinlicher als eine Einwechslung von Boateng.

Inter Mailand und Juventus Turin sollen interessiert sein

Wie geht es weiter für Jérome, den Vielseitigen? Für den Herausgeber des Lifestyle-Magazins „Boa“, den Creative-Direktor für Brillen, den USA-Fan, dessen Manager kein geringerer als Rap-Superstar Jay-Z ist? Ab in die US-Profiliga MLS? Oder doch noch ein paar Jahre in Italien, angeblich sind Inter Mailand und Juventus Turin interessiert. So oder so – wichtig ist dem Fußballer des Jahres 2016 eine Sache: „Ich war immer ein Spieler, der in den letzten Jahren in den wichtigen Spielen da war, deswegen habe ich überhaupt keine Bedenken, dass mir da etwas nachgesagt werden kann.“