Bundesliga-Finale

Für Kovac und Favre geht es um mehr als den Titel

Die Trainer Kovac und Favre stehen vor ihrem ersten Titel. Nur ob sie in München und Dortmund weitermachen dürfen, bleibt fraglich.

Für Bayern-Trainer Niko Kovac und Dortmunds Coach Lucien Favre steht der letzte Bundesliga-Spieltag ganz im Zeichen der Meisterschale.

Für Bayern-Trainer Niko Kovac und Dortmunds Coach Lucien Favre steht der letzte Bundesliga-Spieltag ganz im Zeichen der Meisterschale.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

München. Am Donnerstag blicken die Fußball-Fans gebannt nach Dortmund und München. Um 13 Uhr und eine halbe Stunde später eröffnen Lucien Favre und Niko Kovac das Fernduell um die Meisterschaft.

Pressekonferenz vor bunten Sponsorenleinwänden. Diesmal ist es mehr als das übliche Frage-Vorspiel vor der anstehenden Partie. Wie geben sich die beiden Trainer rund 50 Stunden vor dem Anpfiff des letzten Spieltags, bevor Tabellenführer und Serienmeister FC Bayern die Frankfurter Eintracht empfängt und bevor Borussia Dortmund bei der anderen Borussia in Mönchengladbach antritt (beide Spiele um 15.30 Uhr, Sky)?

Favre und Kovac stehen unter dem Brennglas: Wie viel Courage und Zuversicht, wie viel Angriffslust und Entschlossenheit verströmen sie mittels Körpersprache und Rhetorik? Beide können in ihrem Premierenjahr erstmals Meister werden. Das eint diese gänzlich unterschiedlichen Charaktere.

Bayern-Trainer Kovac unter Druck

Der gebürtige Berliner Niko Kovac hat mehr Druck. Den hat BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke schon letzten Sonnabend Richtung München geschickt, als Dortmund mit dem 3:2 gegen Düsseldorf zwei Punkte auf den Primus (0:0 in Leipzig) aufgeholt hatte: „Wir haben jetzt eine Situation, dass die Bayern alles verlieren und wir alles gewinnen können. Der Druck wandert weiter nach Süden.“

Als ob Kovac nicht schon genug davon hätte – von Experten, Fans und aus dem eigenen Hause. Der 47-Jährige hat auch mehr zu verlieren als Favre und seine Dortmunder: Zwei Punkte Vorsprung, zuvor schon vier, am Ende gar die erste Nicht-Meisterschaft der Bayern seit 2012. Abgesehen von nicht mehr und nicht weniger als: seinen Job.

Meistertrainer – und dann gefeuert?

Würde es Kovac beim FC Bayern in den nächsten Wochen so ergehen, es wäre ein absolutes Novum im deutschen Fußball. Denn Meistertrainer gehen, wenn überhaupt, nur von alleine. Bei Bayern verschlug es Franz Beckenbauer nach seinem Coup 1994 zurück auf seinen Vorstandsposten.

2013 ging Jupp Heynckes samt Schale als Triple-Bestandteil in den – vorläufigen – Ruhestand. Aber einen Meistertrainer entlassen?

Zaudern als Vorstufe des Scheiterns bei Favre

Man gehe „definitiv“ mit Favre in die neue Saison, bestätigte Sportdirektor Michael Zorc kürzlich. Aus Gründen. Der 61-Jährige hat es in seinem ersten Jahr geschafft, eine Mannschaft nach einer schwierigen Saison mit zwei Trainern (Peter Bosz und Peter Stöger) wieder in die Spur zu bringen.

In der Hinrunde stand der BVB für Dynamik, Spielwitz, für frechen, teils begeisternden Fußball. Auf solch einen mutigen Herausforderer der Dauersieger aus München hatte man landauf, landab seit Langem sehnsüchtig gewartet.

„Jeder Trainer hat seinen persönlichen Stil – und mit dem von Lucien sind wir dieses Jahr sehr gut gefahren“, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Doch niemand in Dortmund kann den Einbruch in der Rückrunde erklären. Die Spur führt zum Mann aus Saint-Barthélemy im Schweizer Kanton Waadt. Denn das Scheitern bzw. das Zaudern als Vorstufe ist in Favres Trainer-DNA bereits angelegt.

Bayern-Bosse sind sich uneinig

Scheitert sein Gegenüber Kovac auf der Zielgeraden, wird Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge den Daumen senken. Die zwischenzeitlich neun aufgeholten Punkte kann man dem Trainer ja auch so auslegen, dass es überhaupt so weit kam: neun Punkte Rückstand.

Darf der tapfere und zähe Kovac, der ins Feuer des Umbruchjahres geschickt wurde, über den Sommer hinaus bleiben? Mittlerweile scheint es egal, wie viele Titel er am Ende an sein Revers heften darf.

Aus der Uneinigkeit der Bosse über die Entscheidung, ob genau er der Richtige ist, das neue Bayern-Team zu bauen, ist ein unwürdiger Eiertanz der Formulierungen geworden. Auf dem Rücken des eigenen Trainers. Auf dem Höhepunkt der Saison, in der Hitze der Titel-Entscheidungen. Zielführend? Eher nicht.

Hoeneß bescheinigt Kovac gute Arbeit

Die bayerische Trainerdiskussion ist hausgemacht. Während für Präsident Uli Hoeneß die Titel für den Trophäenschrank zählen, hat Rummenigge die spielerische Weiterentwicklung der Mannschaft im Auge, gibt sich daher gegenüber Kovac und dessen Zukunft betont kühl und unklar.

„Ich bin kein Freund dieser Garantien und auch nicht davon, die Spieler und den Trainer nur zu loben.“ Hoeneß bescheinigte Kovac „gute Arbeit“. Trotz des Ausscheidens in der Champions League gegen Liverpool, als die Mannschaft im Rückspiel (1:3) seltsam leblos und ohne Mumm auftrat, verteilt er die Saison-Note „eins minus“. Doch so früh, im Achtelfinale, war man zuletzt 2011 gescheitert.

Favre bleibt ein Rätsel

Der BVB erlebte eine herausragende Saison – bis zum Einbruch ab Februar. Seitdem grübelt der allzu perfektionistische Trainer wieder zu viel. Für viele ist und bleibt Favre ein Rätsel. Er kann Spieler und die gesamte Mannschaft besser machen, eine gute Atmosphäre und mittels taktischer Kniffe die richtige Struktur auf dem Platz schaffen. Aber wehe, es geht schief. Dann verfällt Favre in seine eigenartige, schmallippige Rhetorik, baut eine Fassade auf.

Kurzfristigkeit ist nicht sein Ding. „Ich brauche Zeit, die Spieler kennenzulernen, nicht nur menschlich, sondern auch auf dem Platz“, betont Favre. Mit der Zeit ist es so eine Sache im Business Bundesliga. „Es ist schon viel gewesen, aber es kann ein gutes Ende nehmen“, sagt Kovac nach zehneinhalb Monaten, die aus seiner Sicht „sehr lehrreich und sehr intensiv“ waren.

Man hat den Eindruck: Wenn der nervenaufreibende Titelkampf vorbei ist, werden beide froh sein, dass es vorbei ist. So oder so.