Götterdämmerung

Ronaldo und Messi – darum sind sie nicht mehr unverzichtbar

Wie die Superstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi mit ihrer Rückkehr einer Entwicklung ihrer Nationalmannschaften im Wege stehen.

Portugals Kapitän Cristiano Ronaldo schreit seinen Frust heraus

Portugals Kapitän Cristiano Ronaldo schreit seinen Frust heraus

Foto: Armando Franca / dpa

Berlin. Die Zukunft, so hatte der französische Schriftsteller Victor Hugo bereits im 19. Jahrhundert festgestellt, hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.

Schaut man auf Fernando Santos, Trainer von Europameister Portugal, und Lionel Scaloni, Coach der Fußball-Nationalmannschaft Argentiniens, kommt man zu dem Schluss, dass Mut derzeit nicht wirklich zu ihren Repertoires gehört.

Mut hätte bedeutet, auf die Superstars der globalen Fußball-Gemeinde in den ersten Länderspielen dieses Jahres zu verzichten. Viel Mut, denn einen Cristiano Ronaldo oder einen Lionel Messi lässt man nicht einfach so außen vor.

Messi huldigen sogar gegnerische Fans

Doch Portugals mageres 0:0 gegen die Ukraine zum Auftakt der EM-Qualifikation und die 1:3-Blamage der Südamerikaner in Madrid gegen Venezuela belegen auch: Nach einer Dekade, in der Ronaldo und Messi den Takt im Fußball-Universum bestimmten, Titel in Spanien und in der Champions League unter sich aufteilten, scheint zumindest in den Auswahlteams so etwas wie eine Götterdämmerung eingesetzt zu haben.

Es ist eine Erkenntnis, die jenen wie Ketzerei vorkommen muss, die an die Magie Messis und die Rasanz Ronaldos zutiefst glauben. In ihren Vereinen genießen sie entweder sogar die Huldigungen der gegnerischen Fans (Messi beim FC Barcelona) oder sie sind die Lebensversicherung in der Champions League (Ronaldo bei Juventus Turin).

In ihren Nationalmannschaften scheinen sie einer Entwicklung im Wege zu stehen, die ohne sie eingesetzt hat.

Ronaldo bremst mit seiner Allgegenwart

„Die Wahrheit ist, dass Portugal nicht mehr an die Allgegenwart von ihm gewöhnt ist“, schrieb das Online-Portal „Expresso“ über Ronaldo. Weil sie gelernt hat, sich ohne den 34-Jährigen als Mannschaft weiterzuentwickeln. Als Mannschaft, nicht als Staffage für die Überfigur.

Ronaldos Rückkehr nach der Pause, die er sich nach dem Achtelfinal-Aus gegen Uruguay (1:2) bei der WM 2018 genommen hat, hatte durchaus ehrenhafte Motive. „Ich möchte meinen Beitrag zur Seleccao leisten, die mir gefehlt hat. Sie ist mein Zuhause.“

Doch gegen die Ukraine fühlten sich die Mitspieler sofort wieder aufgefordert, Ball und Spiel auf ihn zu lenken. Ohne dazugehörige Strategie, um taktisch klug verteidigende Ukrainer auszuhebeln, verpufft anno 2019 selbst die beste Ein-Mann-Show. „Haben sie ohne ihn angefangen, besser zu spielen“, fragte „Expresso“, und gab auch gleich die Antwort: „Ja, wahrscheinlich.“

Messi will endlich einen Titel

Messi ist bei seinem Comeback von einem ganz anderen Gedanken getrieben. Wie Ronaldo hatte sich auch der 31-Jährige nach dem WM-Aus im Achtelfinale gegen den späteren Weltmeister Frankreich (3:4) aus dem Nationalteam verabschiedet.

Doch anders als Ronaldo, der sich vor drei Jahren seinen Traum erfüllte und Portugal bei der Europameisterschaft zum ersten großen Titel führte, fehlt Messi ein solcher mit Argentinien noch.

Es ist der Makel des Unvollendeten, den er endlich ablegen will. Bei der Copa America, dem Südamerika-Pokal, soll diese Schmach im Sommer endlich getilgt werden. Das Turnier findet beim Erzrivalen Brasilien statt, und wann, wenn nicht mit einem Triumph in Maracana, gebe es einen besseren Moment, um sich unsterblich zu machen?

Schambeinentzündung bremst Messi

Was am Freitagabend in Madrid gegen Venezuela geschah, war jedoch die Auferstehung der guten alten Zeit. Wobei „gut“ nicht mehr ist als eine Verklärung spielerisch oft dürftiger argentinischer Auftritte in den vergangenen Jahren.

„Mit der Rückkehr der Nr. 10 kehrte Argentinien in die Vergangenheit zurück“, schrieb die Zeitung „La Nacion“. Auch hier wurde – statt eine aufkeimende Spielidee zu verstärken – die selbst verschuldete Abhängigkeit von einem einzigen Spieler den „Gauchos“ wieder zum Verhängnis.

Zu allem Überfluss muss Messi nun auch noch wegen einer Schambeinentzündung pausieren.

„Wir finden nicht einmal einen Notausgang“

Für Trainer Scaloni kein Grund zur Besorgnis. Statt sich der Thematik Messi zu stellen, nimmt er dessen Teamkollegen in die Pflicht, für ein besseres Zusammenspiel mit dem Superstar zu sorgen. „Die Situationen, die wir erzeugt haben, sind fast alle durch die Qualitäten von Messi entstanden“, sagte Scaloni.

Doch in den 90 Minuten von Madrid wurde laut der Sportzeitung „Olé“ auch deutlich: „Wir finden keinen Ausgang, nicht einmal einen Notausgang.“ Oder wie es „La Nacion“ zusammenfasste: „Venezuela weiß, was es spielt, Argentinien nicht.“

So ist die Zukunft – nach der Hugo’schen Definition – für die Nationalteams aus Portugal und Argentinien wohl eher in der Furcht vor dem Unbekannten zu suchen, vor einer Zeit nach Messi und Ronaldo. Legt man die Spiele vom Freitagabend zugrunde, ist diese Zeit näher, als viele glauben mögen.