FC Bayern

Die alten Bayern sind einfach Spitze

Zum besten Zeitpunkt der Saison kommen die Münchener in Topform – auch die von Bundestrainer Löw aussortierten Ex-Nationalspieler

Thomas Müller (M.) mit Serge Gnabry und Joshua Kimmich (l.)

Thomas Müller (M.) mit Serge Gnabry und Joshua Kimmich (l.)

Foto: Michael Dalder / Reuters

München. Sie gingen wort- und grußlos. Sie ließen Taten sprechen, das war ihre Antwort. Thomas Müller (29) überzeugte beim furiosen 6:0 des FC Bayern gegen Wolfsburg mit einem Tor und einer Vorlage. Jerome Boateng (30) und Mats Hummels (30) hielten die Münchner Abwehr derart souverän und gegentorfrei zusammen wie in besten Zeiten der Fußball-Nationalelf – wie 2014 etwa, dem Weltmeisterjahr. Am Faschingsdienstag war das Trio von Bundestrainer Joachim Löw humorlos abserviert und aus dem DFB-Team verabschiedet worden. Ab mit dem vermeintlich alten Eisen aufs Abstellgleis.

Das Trio gibt mit starken Leistungen die Antwort

Die drei – ja, so muss man sie plötzlich nennen – ehemaligen Nationalspieler reagierten mit Unverständnis und Enttäuschung, Frust und Wut über die Ausbootung sowie die Art und Weise, wie es ihnen mitgeteilt wurde. Gegen Wolfsburg war es ihnen gelungen, ihren Frust in Energie zu verwandeln und das Geschehene zu verdrängen. Hier trifft zu: Glücklich ist, wer vergisst. Verdrängt wurde am Sonnabend auch Borussia Dortmund. Denn durch den 6:0-Kantersieg erklomm Bayern erstmals seit dem fünften Spieltag wieder die Spitze, dem BVB reichte der späte 3:1-Erfolg gegen den VfB Stuttgart nicht, die Position zu behaupten. Die Tordifferenz spricht um zwei Treffer nun für den Abo-Meister. Nach 161 Tagen sind die Bayern zurück auf dem Gipfel, und auch das Trio der Abservierten ist – ja, so muss man sie plötzlich nennen – Tabellenführer.

„Wir sind jetzt da, wo wir hinwollten“, sagte Trainer Niko Kovac nach dem geglückten Überholmanöver, bei dem man den Dortmundern seit Dezember neun Punkte abknabbern konnte, und fügte kämpferisch hinzu: „Da wollen wir weiterhin bleiben.“ Und den Schwung mitnehmen für Mittwoch, wenn das Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Liverpool ansteht, schlicht und einfach das bis dato wichtigste Spiel dieser Saison. Das Hinspiel endete 0:0. Die jüngst verletzten David Alaba und Kingsley Coman konnten am Sonntag Teile des Mannschaftstrainings mitmachen – weitere gute Nachrichten für die Bayern am Ende einer sehr turbulenten Woche.

Rückspiel gegen Liverpool am Mittwoch

In der neuen Woche zählt nur Liverpool, das zweite Duell mit Jürgen Klopp. Die Engländer gewannen vor dem Aufeinandertreffen in München gerade in der heimischen Liga 4:2 gegen den FC Burnley. Pflichtaufgabe erledigt, mehr nicht. Laut Hasan Salihamidzic „geht es am Mittwoch um alles“. Der Sportdirektor weiter: „Es ist ein Gegner, der auch erst im Halbfinale kommen hätte können, wir haben Respekt, aber keine Angst.“ Weil man um die eigene Form weiß. Zwölf ihrer letzten 13 Liga-Partien gewannen die Bayern, in der Champions League ist man diese Saison ungeschlagen. „Wir haben jetzt ein Momentum, der Zeitpunkt der Saison ist der Beste, den wir bisher hatten“, sagte Salihamidzic. Das Trio der Aussortierten wollte sich am Sonnabend nach Spielende nicht äußern. Für sie sprachen andere, sie schwärmten.

„Man hat gesehen, welche Leistung die drei abgeliefert haben. Das war sehr gut“, sagte Trainer Niko Kovac, der – obwohl er das nicht zugeben wollte – das Trio ganz bewusst, ohne Rücksicht auf die Aufstellung für das Spiel gegen Liverpool, nominiert hatte. Kovac weiter: „Es ist überhaupt keine Wut-Aufstellung. Die Art und Weise, wie sie es umgesetzt haben in positive Energie, das spricht für sie als Spieler, als Menschen und Charaktere. Kompliment!“

Klubchef Hoeneß hält sich noch zurück

Bayern-Präsident Uli Hoeneß verpasste sich einen Maulkorb („Ich werde mich nach dem Liverpool-Spiel mal äußern. Ich möchte die Ruhe, die wir uns erarbeitet haben, bis nach dem Spiel erhalten. Und dann sehen wir weiter“). Das ist sie, die Ruhe vor dem Sturm. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer sagte in „Bild am Sonntag“: „Ich hätte es wohl anders gemacht, menschlicher.“ Den Spielern „einfach zu sagen, sie kommen nicht mehr dran, das ist ein bisschen fragwürdig“, da hätte man, ergänzte er, „einen anderen Weg finden können“. Für den 73-Jährigen wäre „ein Abschiedsspiel der richtige Rahmen“ gewesen. Denn, so der ehemalige Nationalelf-Teamchef: „Diese Endgültigkeit ist es, warum die Spieler wahrscheinlich enttäuscht sind.“

Torwart Neuer äußert sich nur verhalten

Die Mitspieler reagierten sehr unterschiedlich. Während sich Nationalelf-Kapitän Manuel Neuer („Das muss man so hinnehmen. Der Trainer ist dafür verantwortlich, welche Spieler zur Nationalmannschaft berufen werden“) diplomatisch, aber viel zu vorsichtig und zurückhaltend äußerte, meinte Joshua Kimmich klar und deutlich: „Aus Spielersicht muss ich sagen: Die Art und Weise war nicht okay.“ Auch Leon Goretzka, neben Kimmich beim DFB-Umbruch einer der neuen Anführer, meinte: „Man kann mit Sicherheit über die Art und Weise streiten.“ Eine Menge Gegenwind für Löw, der seine Mannschaft in diesem Jahr erstmals am Montag in einer Woche in Wolfsburg um sich versammeln wird. Es dürfte viel Gesprächsstoff geben.