BVB vs. Tottenham

Jürgen Klinsmann: „Es ist wie ein Finale“

England-Experte Jürgen Klinsmann über Dortmunds Gegner Tottenham und die Chancen von Sohn Jonathan bei Hertha BSC

Jürgen Klinsmann posiert während seiner Zeit als Profi bei Tottenham Hotspur in der Saison 1994/95 in einer Londoner Telefonzelle. In England fühlte sich der Schwabe

Jürgen Klinsmann posiert während seiner Zeit als Profi bei Tottenham Hotspur in der Saison 1994/95 in einer Londoner Telefonzelle. In England fühlte sich der Schwabe

Foto: dpa Picture-Alliance / Herbert Rudel / picture alliance / Herbert Rudel

Berlin/London.  Jürgen Klinsmann (54) ging nur zwölf Monate lang im Trikot von Tottenham Hotspur auf Torejagd. Doch die Saison 1994/95 reichte, um beim englischen Erstligisten zur Legende zu werden. Das lag auch an seinen 22 Pflichtspiel-Treffern. Nun tritt Borussia Dortmund an diesem Mittwoch im Wembley-Stadion gegen Tottenham Hotspur (21 Uhr/DAZN) an, gespielt wird das Achtelfinale der Champions League. Ein guter Grund, mit Klinsmann über den Fußball in England und den Vergleich zur Bundesliga zu sprechen sowie über Sohn Jonathan, der bei Hertha BSC unter Vertrag steht.

Herr Klinsmann, was erwartet den BVB gegen Tottenham?

Jürgen Klinsmann: Ein spektakuläres Spiel, eine tolle Atmosphäre, ein starker Gegner. Es ist ein Achtelfinale, könnte aber durchaus auch ein Halbfinale oder gar ein Finale sein. Es ist ein Top-Spiel, auf das sich alle Fußballfans freuen können. Auch ich freue mich.

Und wer setzt sich durch?

Schwer zu sagen, das könnte ganz eng werden. Da braucht man dann am Ende zweimal eine gute Tagesform und das notwendige Quäntchen Glück. Ich finde es grundsätzlich sensationell, wie sich beide Vereine entwickelt haben. Was die Verantwortlichen in Dortmund um Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und jetzt auch Sebastian Kehl auf die Beine gestellt haben, ist herausragend. Ich sehe die Borussia gern spielen. Man kann nur den Hut ziehen vor diesem Verein, aber eben auch vor Tottenham, die eine tolle Saison spielen.

Wie sind Ihre Erinnerungen an den englischen Verein?

Ausschließlich positiv. Die Zeit in London gehört mit zu den schönsten in meiner Karriere. Heute ist es ja Normalität, wenn ein Spieler aus der Bundesliga in die Premier League wechselt – damals war das noch fast Neuland. Die Atmosphäre in den Stadien, aber auch in dem Klub – das waren alles Erfahrungen, die ich nicht missen möchte.

Sie wurden erst verhöhnt, dann gefeiert. Was braucht es, um sich in England zu behaupten?

Da gibt es kein Patentrezept. Aber Glaubwürdigkeit und Leistung sind auf alle Fälle von Vorteil und haben mir auf allen meinen Auslandsstationen geholfen. Man muss auf die Leute zugehen und deren Mentalität berücksichtigen. Das ist mir eigentlich immer ganz gut gelungen.

Auch das Wembley-Stadion müsste Ihnen noch in bester Erinnerung sein.

Schon als Kind war für mich Wembley ein riesiger Traum. Dort zu spielen, war immer etwas ganz Besonderes. Zu meiner Zeit fanden dort nur Länderspiele und das Cup-Finale statt. Aber unsere beiden Spiele (Halbfinale und Finale) bei der Europameisterschaft 1996 sind ebenso unvergesslich wie die Siegerehrung, als ich als Kapitän den Pokal für den EM-Titel von der Queen entgegennehmen durfte.

Wo steht die Bundesliga im Vergleich zur Premier League?

Sie braucht sich auf alle Fälle nicht zu verstecken. Eine Zeit lang war zu befürchten, dass die Premier League noch deutlicher davonzieht. Aber die Bundesliga ist zumindest nicht weiter abgefallen. Die Premier League hat mit Liverpool, Manchester City, Tottenham, Manchester United, Chelsea und auch Arsenal sechs Mannschaften an der Spitze, die schon richtig gut sind. Auf diesem Niveau sehe ich in der Bundesliga nur Dortmund und Bayern. Vor allem auch im Nachwuchsbereich hat sich in England einiges verbessert.

Als Sie noch Bundestrainer waren, haben Sie die deutsche Liga kritisiert. Hat Sie sich weiterentwickelt?

Als Bundestrainer will man natürlich immer die besten Spieler – und man kann ja keine dazukaufen. Deshalb habe ich mir Sorgen gemacht. Die Bundesliga hat sich weiterentwickelt – aber es besteht kein Grund, sich zurückzulehnen. Fußball ist immer ein fortwährender Prozess. Stillstand bedeutet Rückschritt.

Beim VfB Stuttgart, bei dem Sie lange gespielt haben, kriselt es. Schmerzt das?

Das schmerzt sogar ganz gewaltig. Es ist ja heutzutage kein Problem mehr, in Kalifornien die Bundesligaspiele live zu verfolgen. Ich verfolge die Bundesliga regelmäßig, und beim VfB kommt da in der Tat derzeit keine Freude auf.

Ihr Sohn ist Torwart bei Hertha BSC. Hätten Sie als Stürmer eine Chance gegen ihn gehabt?

Schwer zu sagen. Die jungen Spieler heute haben eine bessere Ausbildung, leben gesünder und sind top. Aber wenn ich gute Mitspieler gehabt hätte, hätte ich es auch mit ihm aufgenommen. Heutzutage geht das nicht mehr.

Wird er sich in der Bundesliga durchsetzen?

Er hat auf jeden Fall das Zeug dazu. Durch die Zeit in den USA hat ihm etwas an Intensität in der Ausbildung gefehlt. Die hat er jetzt aber in den beiden Jahren bei Hertha ganz sicher aufgeholt. Jetzt braucht er halt auch ein bisschen Glück. Aber die Voraussetzungen hat er.

Welchem deutschen Verein trauen Sie am ehesten das Weiterkommen in der Champions League zu?

Da halte ich mich raus. Aber ich finde, die Champions League war schon lange nicht mehr so spektakulär wie in diesem Jahr.