MLS-Champion

Julian Gressel – einer wie Beckenbauer

Julian Gressel gewinnt mit Atlanta United als erster Deutscher den Titel in der MLS. Höhepunkt einer Karriere mit Startschwierigkeiten.

Atlantas Julian Gressel (l.) im Zweikampf mit Portlands Andy Polo

Atlantas Julian Gressel (l.) im Zweikampf mit Portlands Andy Polo

Foto: Mark J. Rebilas / USA TODAY Sports

Berlin.  Man kann es mit den USA halten, wie man will – sie bleiben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das wird immer dann deutlich, wenn Menschen, deren Möglichkeiten woanders begrenzt wurden, dort etwas Außergewöhnliches erreichen. Seit dem Wochenende ist diese Geschichte um ein Kapitel reicher, selbst wenn man das, was Julian Gressel geschafft hat, zunächst in einem Atemzug mit Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer oder Karl-Heinz Granitza nennt.

Beckenbauer gewann mit Cosmos New York dreimal die US-Fußballmeisterschaft (1977, 1978, 1980), Ex-Herthaner Granitza zweimal mit Chicago Sting (1981, 1984). Auch die ehemaligen Tennis Borussen Wolfgang Sühnholz (1976 mit Toronto Metros-Croatia) und Hubert Birkenmeier (1980 und 1982 mit Cosmos New York) sind in den Siegerlisten verweigt – denen der als Operettenliga verschrieenen North American Soccer League (NASL).

Julian Gressel gelang mit Atlanta United etwas Einzigartiges. Der 24-Jährige ist der erste Deutsche, der den Titel in der Major League Soccer (MLS) gewann.

Schon im ersten Jahr bester Liga-Neuling

So war für den in Neustadt an der Aisch geborenen Profi das Finden der Worte, mit denen er den Triumph beschreiben sollte, schwieriger als das 2:0 (1:0) im Finale gegen Portland Timbers. „Wir alle haben so viel investiert in den vergangenen zwei Jahren für diesen Erfolg“, sagte Gressel und rang um Fassung. Seit zwei Jahren, seit United in der MLS debütierte, ist Gressel in Atlanta. United hatte ihn 2017 vom Providence College in Rhode Island, wo er ein Management-Studium abschloss, im MLS Draft an achter Stelle gewählt.

Und schon im ersten Jahr wurde Gressel als bester Neuling des Jahres ausgezeichnet. Nun die Krönung vor 73.019 Zuschauern in Atlanta, bei der mit dem Ex-Braunschweiger Kevin Kratz ein weiterer Deutscher auf der Atlanta-Bank saß und die Gressel nicht allein für sich beanspruchen wollte. „Es ist eine Anerkennung für die Fans, die uns so großartig unterstützt haben. Die Menschen in Atlanta waren so hungrig und durstig nach diesem Titel“, erklärte Gressel.

Tatsächlich wartete die Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia seit 1995 auf einen Titel. Vor 23 Jahren versetzten die Baseballer der Atlanta Braves die Stadt mit ihrem World-Series-Sieg in Freudentaumel. Nun twitterte Gressel: „Das ist für dich, Atlanta!“

Fürth hatte Gressel als 15-Jährigen für zu leicht befunden

Wahrlich nicht schlecht für jenen Jungen, der einst für zu leicht befunden wurde, um die Fußballwelt zu erobern. Die SpVgg Greuther Fürth hatte den damals 15-Jährigen nicht übernommen. Über die Jugend von Quelle Fürth, den TSV Neustadt/Aisch und Eintracht Bamberg, damals bayerischer Regionalligist, ging es für Gressel mit 19 Jahren und bestandenem Abitur schließlich aufs College in die USA, wo der Mittelfeldspieler in vier Jahren auf sich aufmerksam machte. Und danach auch die Erwartungen in der MLS erfüllte.

Schon 2017 brachte es Gressel in 33 Einsätzen (inkl. Play-off) auf fünf Tore und neun Vorlagen. In der Meistersaison trug er in 38 Einsätzen vier Treffer und 13 Assists bei. „Wenn ich später mal zurückschaue, waren das vielleicht die beiden wichtigsten Jahre meiner Fußballkarriere“, sagte Gressel nach dem größten Triumph seiner Laufbahn.

Coach Gerardo Martino, ehemaliger Trainer des FC Barcelona, sieht er dabei als seinen großen Mentor. „Er hat mich auf jedem möglichen Weg besser gemacht. Ich bin in den letzten zwei Jahren eine bessere Person und ein viel besserer Spieler geworden“, schwärmte Gressel vom Argentinier, der United verlassen wird.