Nationalmannschaft

Löw setzt nun mehr auf die Jugend

Bundestrainer Löw will beim Testspiel gegen Peru neue Talente einbauen. Einer der begabtesten Spieler ist der Leverkusener Kai Havertz.

Julian Brandt, Kai Havertz, Jonathan Tah, Thilo Kehrer und Timo Werner sind die Zukunft des deutschen Fußballs

Julian Brandt, Kai Havertz, Jonathan Tah, Thilo Kehrer und Timo Werner sind die Zukunft des deutschen Fußballs

Foto: Stuetzle/ Eibner-Pressefoto / imago/Eibner

Sinsheim.  Wenn Kai Havertz mal die oft enge Welt des Fußballs verlassen und seine Gedanken in andere Richtungen lenken will, setzt er sich ans Klavier. Er spielt dann Lieder aus dem Nuller-Jahre-Filmklassiker „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Und wenn es irgendwo hakt, schaut sich der 19-Jährige auf Youtube an, wie er es besser machen kann. Kai Havertz, das darf man so sagen, ist ein durchaus ungewöhnlicher, junger Fußballprofi im Social-Media-Zeitalter. Und das hat nun auch Joachim Löw bemerkt.

Es ist bekannt, dass der Bundestrainer selbst ein Mensch ist, der Sinn für Schönes besitzt. Noch mehr aber ist der 58-Jährige ein Mensch, der einen Sinn für Spieler hat, die eigene Lösungen suchen, wenn es Probleme gibt. Und da ist ihm der Leverkusener Havertz im Training der deutschen Nationalelf gerade positiv aufgefallen. Löw hat den Mittelfeldspieler erstmals für die DFB-Auswahl nominiert.

Und nachdem beim 0:0 gegen Frankreich in der neu gegründeten Nations League am Donnerstag noch die Arrivierten um Toni Kroos (28), Thomas Müller (28) und Mats Hummels (29) für einen Stimmungswandel nach der WM-Tristesse sorgen sollten, wird Löw nun beim Testspiel gegen Peru am Sonntag (20.45 Uhr, RTL) neues Personal ausprobieren.

Niemand war bei seinem 50. Bundesligaspiel jünger

„Wahrscheinlich wird der ein oder andere Junge jetzt von Anfang an eine Möglichkeit bekommen“, verriet der Bundestrainer. Der gebürtige Berliner und ehemalige Herthaner Nico Schulz ist mit 25 zwar nicht mehr ganz jung, wird in seinem aktuellen Heimstadion der TSG Hoffenheim aber die Chance erhalten, sich als Linksverteidiger zu beweisen. Ob auch der Abwehrspieler Thilo Kehrer (21) von Paris St. Germain startet, neben Havertz und Schulz der dritte Neuling im DFB-Kader, ist fraglich.

Auf jeden Fall aber wird Julian Brandt, mit 22 Jahren durchaus noch als „jung“ zu bezeichnen, auf dem Flügel beginnen. Vielleicht auch Niklas Süle (23) im Abwehrzentrum. Leroy Sané (22) hingegen, der ebenfalls gute Chancen auf einen Startelfeinsatz gehabt hätte, ist am Freitag von der Nationalmannschaft abgereist, um der Geburt seiner Tochter beizuwohnen, die auf den Namen Rio Stella hört.

„Verwende deine Jugend“, sagt sich Löw gerade. Denn es gilt ja, nicht nur kurzfristig nach dem Totalschaden von Russland wieder Erfolg zu haben, sondern für die Zukunft vorzusorgen. Das betrifft nicht nur die EM 2020, sondern auch die WM 2022. Dass Havertz bei dieser Zukunft eine Rolle spielen wird, ist ziemlich wahrscheinlich.

Bundestrainer lobt Havertz

„Kai hat mich im Training wirklich überzeugt. Er hat eine unglaubliche Spielintelligenz und Technik. Er spielt mit aller Ruhe auf engstem Raum Pässe“, sagte Löw. Im Mittelfeldgetümmel, wo Raum und Zeit begrenzte Güter sind, kann sich Havertz behaupten. Er ist passsicher, wendig, aber auch robust genug, sich durchzusetzen. Bei ihm hat Löw den Eindruck gewonnen, es hier mit einem Frühreifen zu tun zu haben: „Für sein junges Alter hat er auf dem Platz eine Präsenz, das gefällt mir gut. Er ist einer der talentiertesten Spieler, den wir überhaupt haben“, sagte der Bundestrainer.

Ein Gewinner ist Havertz am Sonntag ohnehin. Er wird vor dem Spiel gegen Peru mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille des Jahrgangs U19 geehrt, die Auszeichnung für die deutschlandweit besten Nachwuchsspieler des Jahres. Der Herthaner Arne Maier (19), mit dem Havertz in U-Nationalteam zusammenspielte und befreundet ist, erhält die Medaille in Silber. Derzeit mag zwar die Rede vom Ende des Talentestroms im deutschen Fußball sein – und das zu Recht –, aber Spieler wie Havertz, Maier und auch Kehrer sind die Ausnahme.

Besonders Havertz war seinen Altersgenossen stets voraus. Schon in früher Jugend übersprang er bei seinem Heimatklub Alemannia Mariadorf zwei Jahrgänge. Über Alemannia Aachen kam er zu Bayer Leverkusen, deren U17-Auswahl er zur deutschen Meisterschaft führte. Wieder nahm er mehrere Karrierestufen auf einmal und wurde im November 2016 der jüngste Startelfdebütant in Leverkusens Vereinsgeschichte, als er gerade erst zur A-Jugend aufgerückt war. Mit 18 Jahren und 307 Tagen ist Havertz der jüngste Spieler in der Geschichte, der 50 Bundesliga-Einsätze verbuchen konnte. Aktuell steht er bei 56. Nun soll das erste A-Länderspiel dazukommen.

Löw zieht mit Herberger gleich

Löw steht derweil vor seiner 167. Partie als Bundestrainer (108 Siege, 31 Remis, 27 Niederlagen), zieht damit mit Rekordhalter Sepp Herberger gleich. Für ihn tut sich durch Havertz ein Vorteil auf, denn mit ihm hat er eigentlich mehrere Spieler in einem. Bei Bayer spielte der Linksfuß bereits auf der Sechs, der Acht, der Zehn, Links- sowie Rechtsaußen. Auch als hängende Angriffsspitze lief er schon auf.

Mit seiner Lernfähigkeit und Flexibilität ist Havertz, dessen Marktwert auf 35 Millionen Euro taxiert wird, dem Münchner Leon Goretzka ähnlich. Auch der war ein Frühreifer und debütierte bereits mit 16 beim VfL Bochum in der Zweiten Liga. Havertz allerdings hat in jungen Jahren schon Champions-League-Erfahrung, für Löw die ultimative Reifeprüfung. Mit sieben Toren und 15 Vorlagen in der Liga ist er zudem torgefährlich.

Und darauf wird es nun ankommen. Nachdem gegen Frankreich zunächst eine kompakte Verteidigung nötig war, wird gegen Peru mehr Offensive gefragt sein. In den acht Länderspielen 2018 gelangen Löws Team lediglich sechs Treffer. Gegen tiefer stehende Gegner wie die Südamerikaner werde es auch darum gehen, vorn wieder mehr Lösungen zu finden, sagte Löw. Kai Havertz ist ein Spieler, der sich gern eigene sucht.

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