Interview

Schulze-Marmeling: „Vielleicht hat es deshalb so geknallt“

Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling über die Affäre Özil, den politischen Stimmungswandel und dessen Auswirkungen auf den Fußball.

Fußball-Buch-Autor Dietrich Schulze-Marmeling

Fußball-Buch-Autor Dietrich Schulze-Marmeling

Foto: Privat

Berlin.  Der deutsche Fußball ist gerade dabei, sich wieder aufzubauen. Doch der schlimme Sommer mit der WM und der Erdogan-Affäre ist noch überall zu spüren. Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling hat ein Buch darüber geschrieben. In „Der Fall Özil“ analysiert der 61-Jährige die Motive und Mechanismen hinter der Causa um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, an welcher der Deutsche Fußball-Bund (DFB) fast auseinanderfiel. Schulze-Marmeling, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und Autor von zahlreichen Fußballbüchern (über die Geschichte der WM bis hin zur jüdischen Vergangenheit des FC Bayern), ist ein kritischer Beobachter. Von Bundestrainer Joachim Löw ist er überzeugt.

Herr Schulze-Marmeling, wie beurteilen Sie den ersten Auftritt der deutschen Nationalelf beim 0:0 gegen Frankreich?

Dietrich Schulze-Marmeling: In der Anfangsformation standen elf Spieler, die in Russland dabei waren. Das war offensichtlich auch in Ordnung. Was in Russland passiert ist, wurde ja hinsichtlich seiner Bedeutung manchmal gnadenlos überhöht. Noch wenige Minuten vor dem Frankreich-Spiel sagte mir jemand: Wo bleiben die neuen Gesichter? Als ich fragte: Welche dürfen es denn sein?, verstummte die Person. Die im Übrigen auch die Hoffnung äußerte, dass Deutschland verliert und Löw geht. Wenn Mats Hummels sagt, die Forderungen nach radikalen personellen Änderungen seien ein „natürlicher Reflex von Leuten mit etwas wenig Ahnung“, hat er recht. Man hat gegen den Weltmeister vorsichtiger gespielt, was ich verstehen kann. Die letzten 20 Minuten waren sehr ansehnlich. Das Ergebnis war gleich in zweierlei Hinsicht gut. Im Falle eines Sieges wäre wieder gerufen worden: Mit dieser Mannschaft, die fast die alte war, muss Löw Europameister werden. Und im Falle eine Niederlage hätte man geschrien: Jetzt muss Löws Kopf rollen!

Es gab aber viele Leute, die sich einen größeren personellen Umbruch gewünscht hätten.

Es war klar, dass Löw keinen radikalen personellen Umbruch einleitet. Es geht allein deshalb nicht, weil aufgrund der neuen Nations League gleich wieder Pflichtspiele gegen Frankreich und die Niederlande anstehen, bei denen er unter einem extremen Ergebnisdruck steht. Liefert er da nicht, steht er vor dem Aus.

„Ich traue Löw den Neuanfang zu“

Hätte Löw also gar nicht den großen Jugendstil ausrufen können?

Doch, aber das hätte erst einmal viel Risiko bedeutet. Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps hat zur WM 2018 14 Spieler mitgenommen, die er bei der EM 2016 nicht dabei hatte. Aber er verfügt eben auch über ein viel größeres Arsenal an exzellenten Spielern als der Bundestrainer. Er hätte mit gleich zwei bärenstarken Teams nach Russland reisen können. Löw hätte die Sache nur anders angehen können, wenn man ihm zugestanden hätte: Die nächsten Spiele sind uns vom Ergebnis her egal. Experimentiere, baue eine neue Mannschaft auf! Wichtig sind die EM 2020 und WM 2022. Aber diese Freiheit hat er nicht.

Glauben Sie, dass der Neuanfang mit Löw gelingen kann?

Ich traue es ihm im Prinzip zu. Aber am Ende hängt der Erfolg der Nationalelf nicht nur vom Bundestrainer ab, sondern auch von der Bundesliga. Wenn dort viele Mannschaften gegen den Ball spielen, primär auf Zerstörung des gegnerischen Spiels aus sind, wie soll Löw dann Spieler zusammen bekommen, die den Ballbesitzfußball so perfektionieren, dass er risikoarm und erfolgreich ist? Die Ausbildung bei den Bundesligavereinen trägt mit zu dem bei, was in der Nationalelf gespielt wird. Und da krankt es. Löw und vor allem der ehemalige DFB-Sportdirektor Hansi Flick haben schon vor Jahren auf einige Defizite hingewiesen – beispielsweise dass Deutschland Eins-gegen-Eins-Spieler fehlen. Hier muss sich auch etwas in der Herangehensweise der Profiklubs ändern.

Die Nationalmannschaft galt seit 2010 als Symbol für ein weltoffenes, erfolgreiches Deutschland. Haben der WM-Sommer und die Özil-Affäre dies ad absurdum geführt?

Ich glaube, dass die Nationalmannschaft so, wie sie vermarktet wurde, als multikulturelle Mannschaft, der Gesellschaft etwas voraus war. Auch 2010 und 2014 gab es Menschen, denen das nicht behagte, dass da eine Mannschaft mit verschiedenen Herkünften stand. Das kam vereinzelt auf, als es um das Mitsingen der Nationalhymne ging. Aber im Erfolg von 2014 waren diese Stimmen leise. Insofern ist das Debakel 2018 nicht aus heiterem Himmel gekommen. Als der Erfolg ausblieb, kamen alte, ablehnende Muster wieder nach oben.

„Rechte Stimmen färben auf den Fußball ab“

Zwischen dem WM-Sommer 2010, als die Rede von der „Inte­grationsmannschaft“ war, bis zu diesem Sommer 2018, wo es um „Kanaken und Kartoffeln“ geht, gab es einen Paradigmenwechsel. Hat das nur mit dem Ausbleiben des sportlichen Erfolgs in Russland zu tun, oder hat sich in diesen Jahren die gesellschaftliche Situation in Deutschland so verändert, dass sie auch den Sport betrifft?

Die gesellschaftliche Situation hat sich rapide verändert. Nach der Flüchtlingsthematik 2015 sind rechte Stimmen in unserem Land lauter geworden. Das färbt dann auch irgendwann auf den Fußball ab.

Ilkay Gündogan wurde gegen Frankreich allerdings kaum noch vom eigenen Publikum ausgepfiffen. Glauben Sie trotzdem, dass die Erdogan-Affäre den deutschen Fußball weiter beschäftigen wird?

Wer jetzt noch gegen Gündogan pfeift, dem geht es nicht mehr um das Foto mit Erdogan. Der will keine Deutsch-Türken in der Nationalelf haben. Das Thema wird den DFB weiter beschäftigen, denn Integration bleibt ein ständiger Prozess.

Der DFB hat nicht unbedingt dazu beigetragen, dass die Affäre vernünftig aufgearbeitet wurde. Spieler wie Kroos, Müller und Neuer haben ebenso den Vorwurf von Rassismus innerhalb der Nationalelf zurückgewiesen wie Löw und Bierhoff. Dabei hat Özil das nie behauptet.

Was den DFB anbetrifft, war es eine Strategie: Ich dementiere etwas, was gar nicht behauptet wurde. Dann muss ich auch nicht über das sprechen, was wirklich in der Erklärung steht. Und ich mobilisiere Solidarität gegenüber „unqualifizierten Angriffen“. Vielleicht will man sich als DFB auch mit einem Teil der Fans nicht anlegen. Man steht bei ihnen ja ohnehin in der Kritik. Da will man keine weitere Front aufmachen. Was die Spieler anbelangt, so haben einige die Erklärung vielleicht gar nicht richtig gelesen oder sind verunsichert. Was ich auch für möglich halte: Man befürchtet, dass dieser Vorwurf noch kommen könnte. Und dementiert präventiv.

„Unsouverän und armselig“

Hätten sich der DFB und auch Löw nicht deutlicher gegen Rassismus stellen müssen, als Özil angefeindet wurde?

Auf jeden Fall. DFB-Präsident Reinhard Grindel hat das mit arger Verspätung ein bisschen getan, als er neulich zugab, dass man Özil nicht genügend geschützt habe. Aber die Strategie des DFB ist primär, Dinge zu dementieren, die gar nicht behauptet wurden, um sich inhaltlich mit der Kritik nicht auseinandersetzen zu müssen. Das ist absolut unsouverän und armselig. Beispielsweise wenn Özil kritisiert, dass mit zweierlei Maßstäben gemessen würde. Anscheinend war es völlig okay, dass sich Lothar Matthäus, Ehrenspielführer der Nationalelf, mit Leuten wie Putin, Orban und Kadyrow trifft. Da reicht es, wenn Matthäus versichert: Mit Politik hatte das nichts zu tun, wir haben nur über Fußball geredet. Bei Özil wurde dies nicht akzeptiert. Hier wurde erstmals in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Fußballs von einem Spieler ein politisches Statement gefordert.

Inwiefern spiegelt sich in einer Nationalmannschaft auch die eigene Gesellschaft?

Das ist schwierig zu beantworten. Bei der Özil-Causa gab es sicher eine starke Verquickung von Fußball und Gesellschaft. Als die Debatte darüber begann, gab es ja auch die große Verwerfung in der Regierung zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer. Vielleicht war ein Problem der Nationalelf, dass sie in gewisser Weise noch die „alte“, weltoffene Gesellschaft symbolisierte, während draußen ein Teil der Bürger auf Distanz zu dieser ging. Vielleicht hat es auch deshalb so geknallt. Die AfD hat das deutsche Ausscheiden ja regelrecht bejubelt – so wie den Mord von Chemnitz. Für MdB Norbert Kleinwächter repräsentierte die Löw-Elf „das kaputte Deutschland von Angela Merkel“. In einem Video breitete er akribisch die Stammbäume der Spieler aus. Und der rechtsextreme Publizist und Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer sah den Grund für das Scheitern darin, dass „kein nationales Kollektiv mehr zu sehen war“. Elsässer wollte dann noch Löw in einen Steinbruch nach Sibirien schicken und Özil und Gündogan in Anatolien entsorgen – so wie Alexander Gauland zuvor die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz.

„Özil ein Integrationsmaskottchen wider Willen“

Wird die Özil-Causa Auswirkungen darauf haben, dass sich junge Spieler mit Migrationshintergrund zukünftig vielleicht nicht für Deutschland, sondern für das Land ihrer Vorfahren entscheiden?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich türkischstämmige Spieler zukünftig wieder eher für die türkische Nationalelf entscheiden. Das wäre dann eine Rückkehr zu alten Mustern. Bevor sich Mesut Özil für Deutschland entschieden hat, war das nämlich eher unüblich. Türkischstämmige Deutsche spielten meist für die Türkei, wie 2002, als man WM-Dritter mit vier sogenannten Deutschtürken wurde. Özil hat den Weg erst geebnet, es war fast revolutionär, dass er sich für Deutschland entschied. Nun, da die jungen Deutschtürken gesehen haben, was mit ihm passiert ist, könnte wieder ein Umdenken einsetzen.

Was glauben Sie, wer Özil in der Nationalelf ersetzen kann – nicht sportlich, sondern als Figur für Integration?

Man muss festhalten, dass Özil immer ein Integrationsmaskottchen wider Willen war. Die Instrumentalisierung seiner Person hat ja nicht nur von Erdogans Seite aus stattgefunden, sondern auch vonseiten der Bundeskanzlerin. Ich erinnere an das Foto von Özil und Angela Merkel in der deutschen Kabine nach einem Spiel gegen die Türkei, in dem Özil von den türkischen Fans massiv ausgepfiffen wurde. Özil wurde in eine Rolle gesteckt, mit der er überfordert war. Merkels Augenmerk galt Özil, weil die „deutschtürkische“ Community größer als andere mit Migrationsgeschichte ist und hier schon sehr lange lebt. Aber es standen und stehen auch andere Spieler für eine weltoffene Nationalelf – wie Jerome Boateng, der sich auch schon Angriffen von rechts ausgesetzt sah. Doch man muss vorsichtig sein und darf Spieler damit nicht überfordern.

„Modernisierer sind nicht unbedingt populär“

Bundestrainer Löw war ein Modernisierer des deutschen Fußballs, aber auch immer eine Reizfigur. Warum ist das bei ihm so?

Es war immer so, dass Modernisierer nicht unbedingt populär waren im deutschen Fußball. Auch der Bundestrainer Helmut Schön, der Weltmeister und Europameister wurde, wurde viel kritisiert. So ist es bei Löw auch. Selbst im Erfolg gab es Leute, die ihn sehr kritisch sahen. Seine Art, das Spiel auch unter ästhetischen Maßstäben zu sehen, nicht nur erfolgreichen, sondern auch guten Fußball zu spielen, war nicht überall populär. Manchmal war von einem „schwulen Fußball“ die Rede. Von einem „undeutschen“, „zu weichen“. Und da wären wir wieder bei Özil. Auch ihm wurde dieses Schöne, Weiche vorgeworfen – eben eine „undeutsche“ Spielweise. Konsequenterweise war Özil immer Löws Schlüsselspieler. Beide waren Reizfiguren für manche Fans.

Herr Schulze-Marmeling, glauben Sie, dass sich der deutsche Fußball von diesem Sommer erholen wird?

Ich glaube schon. Man darf nur nicht erwarten, dass das sehr schnell gehen wird.

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