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Zweite Chance für Klopp

Klopp setzt mit Liverpool zum Sprung auf Europas Thron an und hofft fünf Jahre nach seinem ersten Finale auf ein Happy End.

Jürgen Klopp (Mitte) hat beim Abschlusstraining vor dem großen Finale beste Laune

Jürgen Klopp (Mitte) hat beim Abschlusstraining vor dem großen Finale beste Laune

Foto: GLEB GARANICH / REUTERS

Kiew.  Jürgen Klopp verfügt über die Macht kleiner Gesten. Als der Trainer des FC Liverpool am Mannschaftshotel in Kiew aus dem Teambus steigt, gut gelaunt und im gewohnten Look aus Trainingsanzug, Rucksack, weißen Turnschuhen, warten vor dem Eingangsbereich der Fünf-Sterne-Unterkunft „Intercontinental“ zahlreiche Fans, die den Deutschen zu sich rufen. Klopp geht gern auf die Liverpool-Anhänger zu. Ein weiblicher Fan übertreibt es mit der Zuneigung und versucht den LFC-Trainer zu küssen. Klopp weicht dem Versuch elegant aus, nimmt die blonde Frau dennoch in den Arm. Die Dame ist auch ohne Kuss zufrieden.

Gesten wie diese haben den ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund in Liverpool zu einem Publikumsliebling gemacht. Dazu hat freilich auch der sportliche Erfolg seiner Mannschaft beigetragen. Klopp hat den Verein aus dem Norden Englands erstmals seit elf Jahren wieder in das Finale der Champions League geführt. Dort treffen die „Reds“ am Sonnabend im Olympiastadion der ukrainischen Hauptstadt auf Real Madrid.

Das Star-Ensemble um Weltfußballer Cristiano Ronaldo steht zum dritten Mal in Folge im Endspiel der Königsklasse und kann einen historischen Titel-Hattrick feiern. Die Spanier gehen als Favorit ins Spiel. Klopps Mannschaft bleibt in diesem Endspiel nur die Rolle des Underdogs. Eine Konstellation, die für den 50 Jahre alten Fußball-Lehrer nicht neu ist. Vor fünf Jahren stürmte er mit dem BVB ins Finale. Damals unterlag er Bayern München im Wembley-Stadion mit 1:2. Jetzt erhält Klopp seine zweite Chance.

Real-Coach Zidane lobt Klopp

Der LFC-Trainer hat seiner Mannschaft damit etwas voraus. Keiner seiner Spieler stand jemals in einem Champions-League-Finale. Nun wartet die wohl erfahrenste Mannschaft Europas, gespickt mit Welt- und Europameistern. Doch am Tag vor dem Spiel strotzte Klopp vor Selbstvertrauen: „Erfahrung ist ein Vorteil, der vor dem Anstoß ein Gefühl der Stärke verleiht. Mit dem Anpfiff spielt das keine Rolle. Real Madrid hat eine großartige Mannschaft. Aber sie kennen uns noch nicht. Wir sind Liverpool. Dieser Verein hat die DNA, große Dinge zu erreichen.“

Der gebürtige Stuttgarter greift nach seinem ersten Titel mit Liverpool. Im Oktober 2015 hatte Klopp das Amt beim englischen Traditionsverein vom glücklosen Brandon Rodgers übernommen. Sein Auftrag: Er sollte den ruhmreichen Verein aus dem Mittelfeld der englischen Premier League wieder nach oben führen. Dazu gehört auch, dass die „Reds“, fünf Mal Sieger in der Königsklasse, wieder Trophäen sammeln. Erfüllt hat Klopp diesen Auftrag noch nicht. In seinem ersten Jahr an der Anfield Road stand er im Finale des englischen Ligapokals und der Europa League. Beide Spiele wurden verloren.

Seinem Ansehen und seiner Beliebtheit hat dies nicht geschadet. Mit seiner Emotionalität und seinem Charisma hat sich „The Normal One“, wie er sich bei seinem Amtsantritt in Anlehnung an José „The Special One“ Mourinho bezeichnete, einen Platz in den Herzen der Menschen in Liverpool verschafft. „Er ist sehr authentisch, und deshalb will sich auch jeder Spieler für ihn auf dem Platz zerreißen“, beschrieb Liverpools deutscher Torwart Loris Karius das Phänomen Klopp. Sogar Zinédine Zidane, Reals Trainer, lobte Klopp in höchsten Tönen. „Ich war wahrscheinlich ein etwas besserer Spieler als er“, sagte der dreimalige Weltfußballer, aber vor Klopp habe er „großen Respekt. Er macht einen fantastischen Job, er ist phänomenal.“

Sturmlauf ins Endspiel mit Tor-Rekord

Den dynamischen Offensivstil, den Klopp spielen lässt, nennen sie auf der Insel „Heavy-Metal-Football“. „Wir versuchen immer, Chancen zu erspielen, zum Torabschluss zu kommen“, sagte Klopp über den Spielstil seines Teams, das wie ein Wirbelsturm durch die diesjährige Champions-League-Saison fegte.

Mit unglaublichen 46 Toren gelang es dem Tabellenvierten der Premier League, den ewigen Rekord des FC Barcelona (45) aus der Saison 1999/2000 zu brechen. 31 davon erzielte seine gefürchtete Sturmreihe um den Ex-Hoffenheimer Roberto Firmino, Sadio Mané und Mohamed Salah.

Klopps Tormaschine fehlt noch ein Sieg zur Vollendung. Eine Ausnahme-Leistung gegen die beste Mannschaft der Welt muss dazu her. Sollte das gegen Real Madrid gelingen, wäre das auch der größte Erfolg von Jürgen Klopp. „Wir wollen für uns gewinnen, aber vor allem für den Verein und die Fans. Es ist machbar.“