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Cacau: „Brasilien will das kollektive Trauma überwinden“

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Jörn Meyn
Nationalspieler Cacau wurde in Brasilien geboren

Nationalspieler Cacau wurde in Brasilien geboren

Foto: pa

Deutscher Nationalspieler mit brasilianischem Blut: Cacau über das legendäre 1:7 im WM-Halbfinale und das Wiedersehen in Berlin.

Berlin/Düsseldorf. Am Freitagabend saß Cacau (36) mit seinem Sohn im Düsseldorfer Stadion und schaute sich das 1:1 der deutschen Nationalelf gegen Spanien an. Das hatte Vorrang. Da musste Brasilien, das kurz zuvor 3:0 gegen den WM-Gastgeber Russland gewann, hinten anstehen. Der ehemalige deutsche Nationalspieler (23 Spiele/sechs Tore) verfolgt ansonsten die Entwicklung in seinem Geburtsland aber immer noch intensiv. Vor dem Testspiel gegen Brasilien am Dienstag in Berlin (20.45 Uhr/ZDF) spricht Cacau darüber, wie Brasilien das 1:7-Debakel im Halbfinale der WM 2014 überwindet, die neue Fülle an Stürmern und seine Arbeit als Integrationsbeauftragter beim DFB.

Es gab eine Zeit, da musste man sich Sorgen machen um den brasilianischen Fußball. Wie steht es heute um ihn?

Cacau: Es geht ihm gut. Ich bin positiv überrascht, wie schnell der neue Trainer Tite eine Mannschaft geformt hat. Obwohl noch einige Spieler dabei sind, die 1:7 gegen Deutschland verloren haben, ist das heute ein ganz anderes Team.

Was hat Tite denn genau verändert?

Brasilien war immer bekannt für seine Individualisten. Aber darauf hat man sich Jahre lang ausgeruht. Taktik, mannschaftliche Geschlossenheit, das war nie wirklich ein Thema. Tite nun kombiniert die starken Einzelspieler, die Brasilien weiterhin hat, mit einer gesamtmannschaftlichen Strategie. Bevor er den neuen Job als Nationaltrainer 2016 antrat, hat er in Europa bei Topklubs wie bei Real Madrid und in England hospitiert. Er ist inspiriert von Pep Guardiolas Manchester City. Tite hat Brasilien so das moderne Spiel gelehrt. Heute arbeiten sogar die Stürmer mit nach hinten. Das ist für Brasilien nicht selbstverständlich.

Wenn man sich den Kader anschaut, sind da neben dem verletzten Neymar gute Namen dabei: Coutinho, Casemiro, Jesus…

Ja. Vor allem Jesus von ManCity. Zum ersten Mal seit Ronaldo 2002 hat Brasilien wieder einen Topstürmer. Auch Coutinho vom FC Barcelona ist ein Ausnahmespieler. Aber in Tites Taktik spielen vor allem Casemiro von Real Madrid und Paulinho von Barca eine wichtige Rolle. Sie sind die Türsteher vor der Abwehr. Das erwartet man in der Selecao ja eigentlich nicht. Aber sie geben der Mannschaft Stabilität.

Wie sehr steckt das 1:7 im WM-Halbfinale 2014 noch in den Köpfen?

Es ist ein kollektives Trauma. Über dieses Desaster wird man in Brasilien noch in 20, 30 Jahren reden, wie über das verlorene WM-Finale 1950. Tite war es deshalb wichtig, vor der WM 2018 noch mal gegen Deutschland zu spielen, um das Trauma zu überwinden. Das 1:7 soll aus den Köpfen. Brasilien will zeigen, dass es doch mithalten kann gegen Deutschland.

Wie wichtig ist Neymar, der nun in Berlin verletzt fehlen wird?

Fußballerisch ist er unantastbar. Ich sage, auch wenn das verrückt klingt, aber von seinem Können her ist er diese enorm hohe Ablösesumme von 222 Millionen Euro wert. Seinen Wert hat man gesehen, als er im Champions-League-Rückspiel von Paris gegen Real Madrid fehlte. Ohne ihn ging nichts. In der Selecao ist er auch enorm wichtig. Obwohl Brasilien heute weniger abhängig von Neymar ist als noch 2014. Wenn er seine Qualitäten in diesen neuen Teamverbund einbringt, dann traue ich Brasilien auch den WM-Titel zu. Die Selecao ist auferstanden. Sie sind nicht der Topfavorit, aber ein Anwärter.

Wer noch?

Deutschland natürlich. Ich bin gespannt auf Spanien, die ja auch in Düsseldorf überzeugt haben und die eine wichtige Rolle spielen können. Und dann setze ich noch auf Frankreich.

In Deutschland waren Brasilianer lange prägend. 2010 spielten noch 25 in der Bundesliga, heute ist es weniger als die Hälfte. Was ist da passiert?

Das hat mit den sehr hohen Ablösesummen zu tun, die mittlerweile für Brasilianer verlangt werden. Auch liegt es daran, dass brasilianische Spieler oft drei, vier Berater haben und die Rechtelage unübersichtlich ist. Das schreckt ab.

Melden sich eigentlich immer noch Brasilianer bei Ihnen, die in Deutschland ihr Glück versuchen, es aber nicht in die ersten beiden Ligen schaffen?

Ja, das kommt noch vor. Manchmal wurden sie von dubiosen Beratern betrogen, die ihnen versprochen haben, in Deutschland einen Verein für sie zu finden. Ich versuche dann zu helfen.

Nach der WM 2014 gab es einen Korruptionsskandal in Brasilien. Es kam raus, dass sich Politiker an den Stadien bereichert haben. Hat Sie das überrascht?

Das gehört leider zu Brasilien. Von der WM hätte das Land nachhaltig profitieren sollen. Es kam anders. Heute bezahlt das Volk den Preis. das stimmt traurig.

In Deutschland wird derzeit oft behauptet, Bundestrainer Joachim Löw habe den besten Kader seit vielen Jahren. Stimmen Sie dem zu?

Er hat zumindest eine größere Auswahl an gleich guten Spielern als früher. Aber die beste Mannschaft, das würde ich noch nicht behaupten. Deutschland hatte immer große Spieler. Richtig ist, dass Löw heute über eine tolle Mannschaft verfügt, mit der man etwas erreichen kann.

Löw hat erstmals seit langem auch wieder eine üppige Auswahl an Stürmern. Timo Werner, Lars Stindl. Mario Gomez und Sandro Wagner. Von den beiden Letztgenannten wird wohl nur einer mitfahren können. Wen würden Sie bevorzugen?

Das ist natürlich gemein (lacht). Für Mario würde ich mich sehr freuen. Wir haben zusammen in Stuttgart gespielt und er ist derzeit wieder in Topform. Aber auch Wagner ist gut. Es hat sich jedenfalls herausgestellt, dass man Strafraumstürmer wieder braucht. Und das gefällt mir.

Sie arbeiten seit anderthalb Jahren als Integrationsbeauftragter des DFB. Am Montag wird in Berlin der Integrationspreis verliehen. Warum ist so etwas wichtig?

Das ist enorm wichtig. In der sogenannten Flüchtlingskrise haben die Fußballvereine in Deutschland ein unheimliches Engagement gezeigt. Rund 3500 Vereine in Deutschland haben Flüchtlinge zum Fußballspielen eingeladen, oft werden auch noch Sprachkurse angeboten oder bei der Jobsuche geholfen. Die DFB-Stiftung Egidius Braun macht hier viel, aber auch viele Leute in den Vereinen arbeiten hart dafür. Aber oft wird ihre Arbeit nicht ausreichend gesehen. Es wird immer nur auf Probleme hingewiesen, doch es wird nicht gezeigt, wie viele Leute sich für gute Lösungen einsetzen. Mit dem Integrationspreis wollen wir ein Zeichen der Dankbarkeit setzen und Wertschätzung ausdrücken. Wir geben denen die Bühne, die es verdient haben mit ihrer wichtigen Arbeit. Aus Berlin ist das die Bolzplatzliga „buntkicktgut“.

Was ist im Moment das größte Problem in Ihrer Arbeit als Integrationsbeauftragter?

Wir benötigen dringend mehr Ehrenamtler. Und es ist wichtig, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund für das Ehrenamt gewinnen. Stellen Sie sich ein türkisches Mädchen vor, das gerne Fußball spielen will, es aber aus bestimmten Gründen nicht darf. In so einem Fall kann jemand besser vermitteln, der denselben Hintergrund hat.