Regionalliga

Schmerzhafter Aderlass bei Viktoria

Untergangsstimmung in Lichterfelde: Immer mehr Spieler suchen sich lieber einen neuen Verein.

Karim Benyamina wechselte von Viktoria zu Tennis Borussia.

Karim Benyamina wechselte von Viktoria zu Tennis Borussia.

Foto: Ralph Goldmann / picture alliance / R. Goldmann

Berlin.  Am 4. Januar ist Trainingsauftakt bei Fußball-Regionalligist Viktoria 89. Aber wer wird alles fehlen? Karim Benyamina sorgte mit dem Wechsel zu Oberligist Tennis Borussia für eine Überraschung zum Fest. Inzwischen haben auch noch Thomas Franke (ebenfalls zu TeBe) und Christian Skoda (Altglienicke) ihre Verträge vorzeitig aufgelöst. Was ist los bei den Himmelblauen? Mittelfristig sollte doch Drittliga-Fußball ins Stadion Lichterfelde kommen.

Doch davon scheinen Viktoria nicht nur die 20 Punkte auf Spitzenreiter Cottbus zu trennen. Präsident und Hauptsponsor Christoph Schulte-Kaubrügger soll sein Engagement zurückfahren wollen. Den Spielern soll gesagt worden sein, dass sie sich neue Vereine suchen können. Anders ist es wohl kaum zu erklären, wenn zuerst ein Top-Stürmer wie Benyamina (30 Tore in 62 Spielen ) geht. Sportdirektor Rocco Teichmann hält sich bedeckt: „Die aktuelle Situation ist schwierig und nicht schön. Wir führen derzeit viele Gespräche. Aber alle Fragen können wir leider noch nicht beantworten.“

Im Schnitt kamen nur 642 Fans ins Stadion

Das klingt nicht gut. Es scheint eher so, dass der deutsche Meister von 1884, 1908 und 1911 den Traum vom Profi-Fußball erst einmal abgeschrieben hat. Rang vier in der vergangenen Saison weckte Hoffnungen. Dagegen tat die Niederlage gegen den BFC (1:3 n.V.) im Berliner Pokalfinale mächtig weh. Der Einzug in den DFB-Pokal hätte nicht nur rund 100.000 Euro an Antrittsgage, sondern auch das Image poliert. Teichmann: „Ohne eine gewisse überregionale Plattform ist es ganz schwer, externe wirtschaftliche Partner zu gewinnen.“ Und ein Regionalliga-Verein ist nicht aus der Portokasse zu bezahlen. Für höhere Ziele muss der Etat gut eine Million Euro betragen. Doch TV-Gelder haben in der 4. Liga eher Trinkgeld-Charakter. Letzte Saison soll es pro Verein für die Übertragungsrechte für „Sport im Osten“ beim MDR nur rund 10.000 Euro gegeben haben.

Die Zuschauer lassen bei der größten Fußball-Abteilung Deutschlands (rund 1400 aktive Mitglieder in 70 Teams) die Kassen auch nicht klingeln. Vergangene Saison verbuchte Viktoria einen Durchschnitt von 642 Fans im rund 4300 Zuschauer fassenden Stadion, in dieser sind es bislang nur 511.

Es mangelt an Professionalität

Auch sonst wünscht sich Teichmann mehr Unterstützung. Manchmal sei vor wichtigen Spielen nicht mal ein Abschlusstraining möglich gewesen, weil Absprachen nicht eingehalten wurden. „Eigentlich sollten wir ja auch ein Aushängeschild für unseren Bezirk sein. Aber beim Amt haben wir ganz gewiss keine Freunde. Von professionellen Bedingungen sind wir weit entfernt“, ärgert sich Teichmann. Da der DFB für die 3. Liga eine Zuschauerkapazität von 10.000 Plätzen, Rasenheizung und eine Flutlichtanlage mit mindestens 800 Lux vorschreibt, ist man auf Hilfe der Stadt aber dringend angewiesen.

Als Thomas Herbst vor einem halben Jahr als Trainer zurückkehrte, war die Euphorie noch riesengroß. „Thomas wird feststellen, dass sich der Verein in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt hat und mittlerweile ambitionierter denn je in den Startlöchern steht“, freute sich Präsident Schulte-Kaubrügger damals auf den Trainer und die neue Saison. Jetzt muss Ex-Profi Herbst (u.a. Bayern, Gladbach) wohl erst einmal sehen, ob er zum Rückrundenstart Anfang Februar noch ein schlagkräftiges Team auf den Platz bekommt und wie er das noch motivieren kann.

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