Champions League

Der FC Bayern und das "Wer wir sind"

Der FC Bayern braucht gegen Paris am Dienstag einen Sieg in der Champions League, um sich seiner selbst zu vergewissern.

Foto: Sebastian Widmann / Bongarts/Getty Images

München.  Klar können die Bayern noch Erster werden, Gruppensieger. Dafür müsste ein Erfolg mit vier Toren Unterschied gegen die Weltauswahl von Paris St. Germain gelingen. Jenes 0:3 vom zweiten Champions-League-Vorrundenspieltag Ende September in Paris aufzuholen und umzudrehen, klingt nach einer gewaltigen Aufgabe. Ist es auch. Und zugleich die größtmögliche Herausforderung gegen die Stars um Neymar, Mbappé & Co.

Eine Sache hat der FC Bayern jedoch schon vor Anpfiff am Dienstag in der Allianz Arena (20.45 Uhr/Sky) verpasst. Die Entzauberung von PSG. Denn Aufsteiger Racing Straßburg verpasste am Wochenende dem milliardenschweren Hauptstadtklub die erste Pflichtspiel-Pleite der Saison (1:2). Bleibt die Chance auf deren erste Abreibung in Europa. Bei Bayern zieht man Motivation aus der Schmach vom Prinzenpark. Das 0:3 im ersten Vergleich bedeutete eine Zeitenwende, noch in der Nacht war Carlo Ancelotti entlassen worden. Kurz darauf rief Präsident Uli Hoeneß bei Jupp Heynckes an. Ancelotti übrigens rechtfertigte sich am Sonntagabend in der italienischen TV-Sendung "Domenica Sportiva" gegen Vorwürfe, er habe zu lasch trainieren lassen: "Ich habe eine Art zu arbeiten, die ich nicht ändere. Es ist besser, an seinen Plänen festzuhalten und unterzugehen, als sie sich von anderen aufzwingen zu lassen. Wenn der Verein dich nicht schützt, bist du tot."

Für Trainer Heynckes ist es der erste echte Prüfstein

Im Hier und Jetzt geht es am Dienstag gegen Paris "ums Prestige", betonte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. Weil PSG die heißeste Adresse dieses Fußball-Jahres darstellt. Man reibt sich an den von Katar bezuschussten Franzosen. Der Marktwert der Mannschaft um Superstar Neymar liegt bei 648,4 Millionen Euro. Allein im Transferfenster des letzten Sommers gab man 238 Millionen aus, für Neymar zahlte man 222 Millionen. Sturm-Talent Kylian Mbappé (18) wurde vom AS Monaco ausgeliehen, beim bereits vereinbarten Kauf sind 180 Millionen fällig. Der Flügelstürmer sei "überwältigend", sagte Heynckes, "wirklich Extraklasse". Die Bayern, deren Kader-Marktwert auch stattliche 599,1 Millionen Euro beträgt, sind nach vier Siegen aus den übrigen vier Duellen mit Celtic Glasgow und Anderlecht bereits sicher für das Achtelfinale qualifiziert. Dennoch hat dieses Spiel gegen Paris einen übergeordnet hohen Wert: Man will sich selbst beweisen, dass man stark ist. "Unsere Spieler sind sehr motiviert zu zeigen, dass das Hinspiel ein Ausrutscher war", so Rummenigge.

Die Spieler überraschten mit markigen Worten, so etwa Joshua Kimmich: "Es geht darum, die Niederlage wiedergutzumachen und zu zeigen, dass wir der FC Bayern sind." Oder Sebastian Rudy: "Das lässt man nicht so einfach auf sich sitzen. Wir wollen ein ganz anderes Gesicht zeigen." Letztlich fand Arturo Vidal: "Das 0:3 war sehr schmerzhaft, so deutlich hatten wir noch nie verloren. Deswegen wollen wir die Revanche." Weil man ein Ausrufezeichen an die Konkurrenz senden möchte. Auf die Partie werde "ganz Europa blicken", so Rummenigge. Ein Erfolg soll laut dem Franzosen Kingsley Coman "eine Botschaft an ganz Europa sein, dass der FC Bayern die Champions League gewinnen möchte. Wir möchten zeigen, dass wir noch da sind." Eben weil man nicht mehr zu den Vereinen gehört, die zu den absoluten Top-Favoriten gezählt werden: Titelverteidiger Real Madrid, Manchester City mit Trainer Pep Guardiola - und eben PSG. Auf solche Kaliber könnte man in den K.o.-Runden ab dem Achtelfinale im Februar treffen. Wenn es, wie Mats Hummels anmerkte, "richtig relevant" wird.

Für Platz eins in der Gruppe müsste ein 4:0 gelingen

Zwei Monate ist Jupp Heynckes nun im Amt. Auf nationaler Ebene dominierte Bayern gegen Dortmund (3:1) und Leipzig (2:0), im Pokal musste man gegen RB ins Elfmeterschießen, verlor in Gladbach (1:2). Was die europäische Bühne betrifft, wird PSG im Gegensatz zu Celtic und Anderlecht zum ersten richtigen Prüfstein in Heynckes' vierter München-Ära. Seine Philosophie und Spielidee ist bei der Mannschaft angekommen, dennoch braucht es noch Zeit, um all seine Überlegungen umzusetzen. So wird die Partie gegen PSG zur willkommenen Generalprobe.

Obwohl Heynckes dafür nicht verantwortlich war, sagte der 72-Jährige am Montag nach dem Abschlusstraining: "Wir wollen das Spiel von Paris vergessen machen." Für das Unternehmen Revanche hat der Trainer denselben Kader wie beim 3:1 gegen Hannover zur Verfügung. Es fehlen weiter Torwart Manuel Neuer, Arjen Robben, Juan Bernat und Thiago.

Und wenn am Ende doch ein 4:0 in Reichweite ist? "Nur wenn es überragend gut läuft", so Realist Hummels, der ein hübsches Bonmot schuf: Der Gruppensieg sei ein "unwahrscheinlicher Wunschtraum".

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