Confed Cup

Mexiko ist heiß auf das erste Mal

Noch nie gewann Mexiko bei einem Turnier gegen ein deutsches Team. Das soll sich im Confed-Cup-Halbfinale ändern, hofft Trainer Osorio.

Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio, eine Mischung aus Klassenlehrer und Parteifunktionär

Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio, eine Mischung aus Klassenlehrer und Parteifunktionär

Foto: Marius Becker / dpa

Kazan.  "Profe" nennen sie Juan Carlos Osorio in Mexiko, und man muss schon sagen: der Spitzname könnte ihm nicht besser stehen. Mit gestrengem Blick hinter der randlosen Brille schaut er in den Saal, ordnet noch ein paar Zettel mit Statistiken und erklärt dann in einer Mischung aus Klassenlehrer und Parteifunktionär den Fußball.

Profe, schon wieder in Rückstand geraten, schon wieder ein Spiel gedreht – was sagt das über Mexiko, lautete nach dem jüngsten 2:1 gegen Russland eine Frage. Da nahm Osorio die Brille ab und dozierte wunderbar überheblich: "Widerstandsfähigkeit, Kampfgeist, Vehemenz. Wie in jedem Spiel unter unserer Leitung Manifest. Ein sehr wichtiger Triumph für den mexikanischen Fußball."

Und dank dieses Triumphes darf seine Auswahl heute also in Sotschi versuchen, was einer mexikanischen Nationalelf noch nie bei einem Turnier gelungen ist: die Deutschen zu schlagen (20 Uhr, ARD), ein Team, das bei Osorio höchste Wertschätzung genießt: "Alle bewundern die deutsche Mannschaft. Sie kann ein Vorbild für uns sein. Man darf nicht vergessen: Alle diese Spieler haben bereits Einsätze in der Bundesliga oder in der Champions League gehabt. Das sind keine unerfahrenen Spieler, auch wenn sie jung sind. Jede Auswahl, die sich taktisch neu aufstellen möchte, kann von dieser Mannschaft lernen."

Internationalisierung als Heilmittel

Halbfinale im Confed-Cup, ein Championat, das in Mexiko hohe Wertschätzung genießt, weil die Vergleichsmöglichkeiten mit der Weltelite für ein Land aus der überwiegend zweitklassigen Nord-/Mittelamerikazone geringer sind als anderswo. Der Turniersieg 1999 gilt neben dem Olympiasieg 2012 als größter Erfolg der Geschichte.

Bei der WM wurde ja noch nie ein Achtelfinale überstanden, es ist der ewige Komplex, und nach Jahren der relativen Abgeschiedenheit soll nun Internationalisierung das Heilmittel sein. Nach Russland kam "El Tri" erstmals mit einem Kader, aus dem mehr Profis im Ausland spielen als in der heimischen Liga. Profis wie Leverkusens Chicharito, mit 28 Jahren und 48 Toren bereits Rekordtorschütze des Landes. Und doch ist die schillerndste Figur mal wieder der Trainer.

Das hat in Mexiko spätestens seit dem charismatischen Weltenbummler Bora Milutinovic ein gewisse Tradition. Der kettenrauchende Ricardo Lavolpe von der WM 2006 ist so unvergessen wie rothaarige Derwisch "Piojo" Herrera von der WM 2014. Ein Jahr später wurde Herrera gefeuert, nicht aus Erfolglosigkeit: Er hatte vor laufender Kamera einen Journalisten vermöbelt. Für die meisten Landsleute überraschend kamen die Verbandsscouts daraufhin mit dem Kolumbianer Osorio um die Ecke.

Vom Tellerwäscher zum Nationaltrainer

Für den 55-Jährigen ist es der bisherige Höhepunkt einer Laufbahn, die ihn sprichwörtlich vom Tellerwäscher nach oben spülte. In New York jobbte er als Kellner und Handwerker, um sich sein College-Studium der Sportwissenschaften zu finanzieren. Von 2001 bis 2005 arbeitete er unter Kevin Keegan als Konditionstrainer bei Manchester City, danach kultivierte er seine Faszination für den FC Liverpool.

Eine Familie dort bearbeitete er so lange, bis sie ihm den zweiten Stock ihres Hauses vermietete – es gestattete einen Blick direkt auf den Trainingsplatz. So will es die Legende, und jedenfalls halfen die spionierten Eindrücke, bei der Rückkehr nach Amerika und ersten kleineren Stationen schließlich Spitzenklubs wie Atlético Nacional (Kolumbien) oder São Paulo (Brasilien) zu übernehmen.

Auf den Platz geht er nie ohne zwei Kugelschreiber, die er bisweilen sogar im Strumpf stecken hat. Mit dem blauen notiert er die guten Sachen, mit dem roten die Fehler. Die Ergebnisse hat er schon in einem Buch veröffentlicht ("Osorios Hefte – mein Führungsmodell"), und man kann nur erahnen, wie geschockt ein so akribischer Typ gewesen sein muss, als Mexiko einmal eben nicht vehement und widerstandsfähig war, vorigen Sommer bei der Copa América, beim 0:7 im Viertelfinale gegen Chile. 0:7, die höchste Pleite der mexikanischen Pflichtspielgeschichte.

Die Rotation als größter Fetisch

Seit diesem Kollaps beschäftigt sich Osorio noch intensiver mit Themen wie der "Rolle des reptilischen Gehirns und des limbischen Systems in der Gefühlswelt eines Spielers". Sein größter Fetisch bleiben allerdings die Rotationen, die er zur Wissenschaft erhoben hat. Auch deshalb ist der Fußball von Osorios Elf oft nicht so harmonisch wie von Mexikanern gewohnt.

"Er lässt trainieren und spielen, als ob sie Kolumbianer wären", lästert Legende Hugo Sánchez. Mit Ausnahme des infamen 0:7 gegen Chile stimmen aber die Ergebnisse. So ist Osorio auch gegen Deutschland überzeugt: "Wir haben alles, um dem Weltmeister würdig zu begegnen – und ihn vielleicht zu schlagen."

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.