Confed Cup

Mustafi: „Sonst wäre ich vielleicht Polizist geworden“

| Lesedauer: 6 Minuten
Thomas Gassmann
Shkodran Mustafi von Arsenal aus London

Shkodran Mustafi von Arsenal aus London

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Gilliar / picture alliance / GES/Markus Gi

Shkodran Mustafi sieht sich nicht als Star seiner Familie. Beim Confed Cup setzt der Moslem trotz Ramadan mit dem Fasten aus.

Sotschi.  Shkodran Mustafi (25) sagte einmal: „Keiner weiß, was für ein Mensch ich bin.“ Das macht neugierig. Vor dem Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft beim Confed Cup am Montag gegen Australien (17 Uhr/ZDF) gibt der Abwehrchef, der seit 2016 das Trikot des FC Arsenal trägt, Einblicke in seine Welt. Im Interview spricht der Sohn albanischer Eltern, die ursprünglich aus Mazedonien stammen, offen über seinen Glauben, den Verzicht auf Alkohol und darüber, was verhindert, dass er als Fußballstar die Bodenhaftung verlieren könnte.

Herr Mustafi, Sie haben gesagt: Egal was passiert, du hast immer dein Zimmer zu Hause, und eswird immer dein Zimmer bleiben. Was meinten Sie damit?

Shkodran Mustafi: Das hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben, als ich mit 14 zum Hamburger SV gewechselt bin. Der Satz hat mir den Druck genommen, als ich aus unserer Kleinstadt Bebra ins große Hamburg gezogen bin. Meine Eltern haben gesagt: Du bist nicht verpflichtet, das durchzuziehen. Wenn du nicht mehr magst, kommst du zurück nach Hause. Es war schön, das im Hinterkopf zu haben, aber es kam nicht in Frage. Ich wollte meinen Traum, Fußballprofi zu werden, wahr machen.

Und wenn es als Profi nicht gereicht hätte?

Wäre ich vielleicht Polizist geworden.

Warum?

Weil ich sehr viel Respekt vor Polizisten habe. Die haben einen riskanten Job, mit dem sie sehr viel Gutes tun, auch wenn das nicht immer und in jeder Situation von jedem geschätzt wird. Ich finde, in dem Beruf brauchst du einen starken Charakter. Denn selbst dann, wenn du jemandem etwas wirklich Gutes tust, kann es passieren, dass du von dem beleidigt und beschimpft wirst. Da muss ein Polizist cool bleiben.

Das russische Frühstück ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wie geht es Ihnen hier in Sotschi als praktizierender Moslem im Fastenmonat Ramadan?

Den Ramadan kann ich momentan nicht einhalten. Das ist wegen der Trainingseinheiten und Spiele nicht möglich. In den freien Tagen, ehe ich zur Nationalmannschaft gereist bin, habe ich mich an den Ramadan gehalten. Aber jetzt gilt es aufzupassen, dass man dem Körper angesichts der Belastungen keinen Schaden zufügt. Was das Essen grundsätzlich angeht: Wir haben ja unseren eigenen Koch dabei. Der weiß, worauf wir Jungs beim Frühstück stehen.

Ramadan ist anstrengend

Wie wäre es mit Brötchen und Nutella?

Ich esse morgens gern Omelette. Das reicht mir in der Regel.

Der Ramadan hört dieses Jahr am 25. Juni auf. Da werden die Tage ziemlich lang.

Das stimmt, und deshalb ist es auch sehr anstrengend, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang weder etwas zu essen noch zu trinken. Aber dabei geht es auch um den Willen. Für mich ist es eine schöne Sache, weil es mich wieder zurück auf den Boden holt. Es zeigt mir, dass ich ein Mensch bin wie alle anderen auch. Ganz egal, wie viel man hat und wie viel man fürs Essen ausgeben kann – in dem Monat ist man begrenzt. Das ist für mich wichtig, weil es meine Religion von mir verlangt.

Benötigt man dieses zu Boden kommen als Fußballprofi, als der man ja in einer Traumwelt lebt?

Bei mir ist es so: Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Familie. Nicht nur zu meinen Eltern, sondern auch zu meinem Bruder, zu Cousins, Onkels und Tanten. Deshalb habe ich nie gedacht, ich sei etwas ganz Besonderes. Ich fühle mich nicht als Star der Familie.

Sie können ordentlich feiern, das hat man nach dem WM-Titel und auch jetzt nach dem gewonnenen FA-Cup-Finale mit Arsenal London gesehen. Stemmen Sie nie, wie das in England auch unter Fußballprofis üblich ist, mal ein paar Bier im Pub weg?

Ich habe noch nie Alkohol getrunken. Dabei wird es auch bleiben. Das hat mit meinem Glauben zu tun, aber auch mit der Überzeugung, dass es für mich nicht gut ist. Ich habe Alkohol nie gebraucht und kann auch so den Moment leben.

Nicht nur auf Berater verlassen

Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, sagt, Sie seien ihm schon als 17-Jähriger durch eine besonders reife Ausstrahlung aufgefallen.

Damals sind wir Europameister geworden in Magdeburg. Ich habe es schon öfter zu hören bekommen, dass ich reifer rüberkomme, als man es bei meinem Alter erwartet. Das liegt wohl daran, dass ich mit 14 schon von zu Hause weg bin. Beim HSV musste ich für vieles selbst sorgen. Da wurde man nicht direkt, wie manchmal üblich im Profifußball, in Watte gepackt. Ich musste also Wäsche waschen, bügeln und putzen. Ich bin im Nachhinein dankbar dafür.

Sie waren in Everton, Genua, beim FC Valencia und sind nun beim FC Arsenal. Und Sie haben dabei viel selbst organisiert?

Ich finde das wichtig, nicht alles seinem Berater zu überlassen und nur zu unterschreiben. Auch mit Blick auf die Zeit nach der Karriere. Sonst ist man ein hilfloser Fall und verblödet geradezu.

Bei Arsenal gehören auch Per Mertesacker und Mesut Özil zu Ihrer Mannschaft, zwei Spieler, mit denen Sie gemeinsam 2014 Weltmeister geworden sind. Gibt es Freundschaften im Profifußball?

Sicher gehen wir ab und zu mal gemeinsam essen. Ich bin eher der Typ, der nicht sofort sagt: Das ist mein Freund. Für mich sind Mitspieler erst einmal Mannschaftskollegen. Wenn man sich irgendwann über Privates austauscht, dann entwickelt sich eine Freundschaft. Ich finde, das Wort Freundschaft wird mitunter etwas überstrapaziert.

Was erwarten Sie von sich und der Mannschaft hier in Russland beim Confed Cup?

Jeder von uns hat Bock auf den Confed Cup. Das spüre ich, und das hat man schon gesehen: Gegen San Marino haben wir top-seriös bis zu Ende gespielt. Das zeigt den Charakter der Mannschaft. Wir ziehen hier das Ding durch bis zur letzten Minute.