Europapokal

Dreimal Viertelfinal-Aus: Ein Riss im Liga-Etikett

Die Bundesliga wird um ihre Rahmenbedingungen beneidet. Nun stellt die Liga des Weltmeisters erstmals seit 2005 keinen Halbfinalisten.

Ein Sieg und doch kein Sieg: Nach dem 3:2 müssen Joahnnes Geis und seine Schalker Ajax Amsterdam ins Halbfinale der Europa League lassen

Ein Sieg und doch kein Sieg: Nach dem 3:2 müssen Joahnnes Geis und seine Schalker Ajax Amsterdam ins Halbfinale der Europa League lassen

Foto: Maja Hitij / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Wer heute um die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs rätselt, hat gestern nicht richtig hingehört. "Druck, Angst, Nervosität", beklagte Nationalspieler Mario Gomez kürzlich als Koordinaten der Bundesliga, die vor allem "mehr Gemurkse als sonst was" sei. Dieser bittere Befund ist sicher subjektiv, vielleicht auch überzogen, wird mit dieser Woche aber argumentativ gestützt. Erst schied Dortmund aus, dann der FC Bayern und nun auch der FC Schalke : Zum ersten Mal seit der Saison 2004/05 steht kein Bundesligist in einem europäischen Halbfinale.

Zugegeben: Das Scheitern aller drei diesjährigen Viertelfinalisten war auf eigene Art dramatisch. Die Dortmunder hatten nach dem verwundenen Anschlag auf ihren Teambus ganz andere Sorgen als Fußball und werden sich hüten, das sportliche Aus gegen Monaco übermäßig hochzuhängen. Den sehr tapferen "Alten Herren" des FC Bayern kommt die Leistung ihres ungarischen Schiedsrichters beim Ausscheiden in Madrid nicht ungelegen, um ihre hügelige Perspektive vorerst nicht thematisieren zu müssen. Der verbliebene Bundesligist Schalke 04 seufzte Donnerstag ob der Brutalität des Europa-League-Abtritts gegen Amsterdam zu Recht laut auf: In der Verlängerung führte Schalke bereits 3:0. Da war Ajax schon in Unterzahl, traf trotzdem irgendwie zweimal, steht im Halbfinale der Europa League.

Der global denkenden Bundesliga fehlt es sportlich oft an Nuancen

Die gilt hierzulande als Wettbewerb zweiter Güte. Allerdings bemühten sich im vergangenen Jahr die Dortmunder und in diesem, dem 20. seit dem Uefa-Cup-Sieg der "Eurofighter", ebenjene Schalker halbwegs emsig um den Pokal. Für die groß, ja global denkende Bundesliga sind die jüngsten Resultate also ein Riss im Etikett, auf das so mancher gern "Weltmeisterliga" oder "attraktivste Liga der Welt" gedruckt sähe.

Akute Sorgen sind das gleichwohl nicht: In der von Spanien dominierten Fünfjahreswertung bleibt die Bundesliga Zweite. Obwohl England und Italien in dieser Saison noch Punkte gut machen können, muss sie vorerst nicht um Startplätze bangen – und sollte trotzdem tunlichst vermeiden, diese Saison als Ausrutscher abzutun. Europaweit wird die Bundesliga um ihre Wirtschaftlichkeit, Stadionauslastung und Nachwuchsarbeit beneidet. Nur fehlen ihren Vertretern in K.o.-Spielen in guter Regelmäßigkeit sportlich die letzten Nuancen.

Ob diese den designierten Europa-Debütanten Leipzig und Hoffenheim in der kommenden Saison bereits zuzutrauen sind, ist fragwürdig. 2005, als die Bayern mit dem Aus im Champions-League-Viertelfinal gegen den frisch neureichen FC Chelsea die letzte Saison ohne deutschen Halbfinalisten besiegelten, war RB Leipzig noch nicht mal ein Funkeln in den Augen von Dietrich Mateschitz; die TSG Hoffenheim bereitete sich gerade auf das Spiel in der Regionalliga Süd vor. Gemurkst wurde gegen einen jungen Mann im Sturm der Stuttgarter U23: Mario Gomez.

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