FC Bayern gegen RB Leipzig

Die Bullen fordern die Platzhirsche

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Jörn Meyn
Trainer Ralph Hasenhüttl (l.) und Sportdirektor Ralf Rangnick sind die Väter des Leipziger Höhenfluges

Trainer Ralph Hasenhüttl (l.) und Sportdirektor Ralf Rangnick sind die Väter des Leipziger Höhenfluges

Foto: Jan Woitas / dpa

Mit atemberaubenden Tempo hat es RB Leipzig bis an die Spitze geschafft und trifft nun auf Branchenprimus FC Bayern. Ein Ortsbesuch.

Leipzig.  Die Bullen rennen auf dich zu. Und es gibt kein Entkommen – hier im neuen Trainingszentrum von RB Leipzig. Schaut man nach links, drohen ihre weißen Hörner von den Wänden. Dreht man sich um und will nach rechts, blickt man dort, wo eben noch Bullenschwänze waren, wieder auf behörnte, rote Schädel. Nie laufen die Bullen mit dir – außer du bist selbst einer.

Ortsbesuch bei RB Leipzig. Kein Aufsteiger in der 53 Jahre langen Bundesliga-Geschichte war je besser. 36 Punkte nach 15 Spielen. Nun kommt es – dramaturgisch hübsch – am letzten Spieltag des Jahres zum Showdown mit dem FC Bayern in München (20 Uhr, Sky), der ebenfalls 36 Punkte hat.

Emporkömmling gegen Branchenprimus, Bullen gegen Platzhirsche. Und mittendrin die Frage: Wie ist es möglich, dass ein Klub, der vor vier Jahren noch in der vierten Liga spielte und nun in seiner allersten Bundesligasaison das jüngste Team im Wettbewerb stellt, die Bayern wirklich herausfordern kann?

Spruchbänder und viel Symbolik

Symbolkraft. Das ist eine Antwort. Und da wären wir zunächst wieder bei den Bullen vom Anfang. Sie sind eine optische Spielerei an einer Wand, die zum Fußballplatz rausführt und so entworfen ist, dass die Bullen dem Betrachter, egal, welche Perspektive er einnimmt, stets entgegentrampeln. Aber nur im Spielergang der gegnerischen Teams, die vorbeigehen bevor sie auf RB-Mannschaften von der U15 bis zur U23 treffen.

Im Gang der Leipziger Teams eine Tür weiter rennt das Wappentier der Sachsen mit den Spielern. Viel Symbolik ist hier zu finden in dem rund 35 Millionen Euro teuren Nachwuchs- und Trainingszentrum von RB – dem modernsten Deutschlands.

Da sind zum Beispiel noch die Spruchbänder am Trainingsplatz der ersten Elf. Der heutige Sportdirektor Ralf Rangnick hat sie anbringen lassen, als er letzte Saison in der Zweiten Liga auch Trainer bei RB war. „MAN-N SCHAFFT ALLES“ steht da. Oder: „Man darf sich keine Grenzen setzen. Nichts ist unmöglich.“

250 Millionen Euro verleihen Flügel

Motivationsästhetik. Sie passt prächtig zum Image der Firma, die Rasenball-Sport Leipzig 2009 als Marketingmaßnahme gegründet und in den vergangenen sieben Jahren geschätzt 250 Millionen Euro in das Projekt gesteckt hat: der österreichische Brausehersteller Red Bull. Keine Grenzen, Flügel verleihen.

Und im Moment passt auch die sportliche Performance der Mannschaft von Trainer Ralph Hasenhüttl derart gut dazu, dass die bundesweite Anerkennung über die Leistung nunmehr lauter zu vernehmen ist, als die Kritik am Konstrukt. „Das ist der beste Gegner, gegen den wir bisher in der Saison gespielt haben“, sagte etwa Herthas Trainer Pal Dardai, als seine Mannschaft beim 0:2 am Sonnabend von Leipzig förmlich überrannt wurde.

Im Keller des RB-Trainingszentrums gibt es den sogenannten „Indoor Laufschlauch“. 60 Meter lang, alle fünf Meter eine Lichtschranke, welche die Geschwindigkeit der Spieler misst. Tempo ist das Markenzeichen von Hasenhüttls junger Elf. Und im Eiltempo hat sie es damit bis an die Tabellenspitze geschafft. Nun geht es gegen die Bayern, ein Spiel, von dem der Österreicher nicht zu Unrecht sagt: „Es elektrisiert das ganze Land.“

Verteidiger Compper hat das schon mit Hoffenheim erlebt

Marvin Compper scheint nicht elektrisiert, als er zum Gespräch in einem Konferenzraum erscheint. Der heute 31 Jahre alte Innenverteidiger von RB kennt das ja schon. Ein mit viel Geld am Reißbrett entworfener Aufstieg bis nach ganz oben, heftige Kritik von Fußballtraditionalisten – und auch wie es sich anfühlt, wenn man als frecher Emporkömmling kurz vor Jahresende zum Spitzenspiel beim FC Bayern vorstellig wird.

In der Saison 2008/09 hat Compper die gleiche Geschichte mit der TSG Hoffenheim erlebt. Der Aufsteiger fuhr damals im Dezember 2008 am vorletzten Spieltag der Hinrunde als Tabellenführer nach München, der heutige RB-Sportdirektor Rangnick war Trainer, und auch damals elektrisierte diese Partie die Republik.

„Das ist ein Moment, den man genießen muss“, sagt Compper nun, da er mit Leipzig wieder als Herausforderer nach München reist. Diesmal ist er verletzt und kann nicht mitwirken, will aber dabei sein und seiner Mannschaft wichtige Tipps geben. 2008 sei der Druck der Bayern im Spiel so groß geworden, „dass uns irgendwann die Kompaktheit verloren ging. Der Angriff wollte weiter vorn drauf gehen, die Defensive eher das Ergebnis halten“, sagt Compper. Hoffenheim verlor trotz eigener Führung durch ein spätes Tor von Luca Toni noch 1:2 – wurde aber dennoch Herbstmeister.

Die zweitbeste Abwehr der Liga mit zwölf Gegentoren

Compper glaubt, dass Leipzig das diesmal nicht passieren wird. „Wir sind deutlich stabiler, als es Hoffenheim war“, sagt er. Vor allem in der Defensive: Während die TSG damals neben einem furiosen Angriffsfußball auch 20 Gegentore nach 15 Spielen kassiert hatte, steht RB aktuell bei nur zwölf und hat damit hinter den Bayern (neun) die zweitbeste Abwehr der Liga.

Compper hatte es vor der Saison nicht für möglich gehalten, dass sich eine ähnliche Erfolgsstory wie die von Hoffenheim 2008 wiederholen ließe. „Wir haben uns selber ja auch verblüfft“, sagt er. Nun sei sogar etwas drin in München. Und wenn nicht, dann sei die Erfahrung für die junge Mannschaft ebenso wertvoll wie die Punkte.

Vor Saisonbeginn hatte Hasenhüttl seiner Elf einen Leitspruch mit auf den Weg gegeben, der nun besonders für das Duell am Mittwoch passt: „Für uns gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir gewinnen, oder wir lernen.“