Nationalmannschaft

Reisegruppe Löw auf den Spuren der Gladiatoren

Die deutsche Nationalmannschaft erkundet Rom vor dem Klassiker gegen Italien. Höhepunkt ist der Besuch bei Papst Franziskus am Montag.

Die Nationalmannschaft besucht das Colosseum in Rom

Die Nationalmannschaft besucht das Colosseum in Rom

Foto: Die Mannschaft via Twitter / x

Rom/Mailand.  Eine Klassenfahrt? Wobei man sich dann fragen müsste, ob da nicht einige bärtige Burschen auf dem Foto ein paar Extrarunden gedreht haben. Aufgereiht stehen sie zum Mannschaftsbild und sehen aus wie normale, junge Männer.

Serge Gnabry vielleicht nicht. Der Drei-Tore-Debütant von San Marino hockt links und wirkt in seiner Kapuze über den goldblonden Locken wie ein Halbstarker, der gerade ein Graffito an die Wand gesprüht hat. Aber das käme hier im Colosseum zu Rom nicht so gut an, wo früher die Gladiatoren kämpften und am Sonntag die Sightseeing-Tour der deutschen Nationalelf begann.

Es sollte ein heiterer Tag werden – genau ein Jahr nach dem dunkelsten im von Anschlägen erschütterten Pariser Stade de France. Es sollte mal nicht um Fußball gehen, denn darum geht es zu oft für die Nationalspieler, die sich wegen der vielen Partien zu beansprucht fühlen und sich wie Thomas Müller fragen, ob Spiele gegen San Marino sein müssen.

„Mannequin Challenge“ beim Italiener

Bei einer Sightseeing-Tour durch seine Karriere werde das 8:0 vom Freitag später jedenfalls nicht auftauchen, hatte der Münchner gesagt. Er und seine Kollegen, die Gladiatoren von heute, sollten am Wochenende in Rom mal abschalten, bevor es am Dienstag im Test- und letzten Länderspiel des Jahres in Mailand gegen Italien geht.

„Das ist gut für den Teamgeist“, sagte Joachim Löw – auf dem Bild rechts mit Sonnenbrille wie ein cooler, italienischer Herbergsvater. Der ewige Bundestrainer in der „ewigen Stadt“. Am Sonnabend hatte es ein Mannschaftsabend in einem vom neuen Trainer-Trainee und Ex-Römer Miroslav Klose ausgesuchten Restaurant gegeben. Eine „Mannequin Challenge“, bei der alle wie auf einem Foto für Augenblicke stillhalten mussten, war zur Belustigung auch dabei. Wein stand auf den Tischen.

„Italien ist erst morgen wieder wichtig“, sagte Löw am Sonntag auf dem Weg zum Colosseum. Mal Dolce Vita beim Deutschen Fußball-Bund. Mal ein kurzes Stillhalten in der sonstigen Rasanz des Geschäfts.

Papstbesuch für Löw eine „außergewöhnliche Sache“

Der Höhepunkt des Ausflugs aber folgt am Montag um 9 Uhr. Dann wird Papst Franziskus I. Löws Mannschaft im Apostolischen Palast der Vatikanstadt zu einer Privat-Audienz empfangen und ein von allen Spielern signiertes Deutschland-Trikot bekommen. Ob das beim Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche so gut ankommt, weiß man nicht. Der Heilige Vater ist Argentinier.

Und daher sagte Mario Götze, der die Südamerikaner im WM-Finale 2014 aus ihren Titelträumen schubste, vorsorglich: „Hoffentlich reißt er mir nicht den Kopf ab.“ Kleiner Witz. Der Empfang beim Papst sei „etwas Besonderes“, auch wenn Götze schon mal mit den Bayern dort gastierte. Das war drei Monate nach seinem Finaltor. Der Kopf blieb dran.

Löws Auswahl reiht sich ein in die Riege deutscher Sportstars, denen das Privileg zuteil wurde, bei einem Papst vorstellig zu werden: Steffi Graf, Michael Schumacher und die Weltmeisterelf von 1954, deren Besuch 1956 sich Papst Pius XII. zu seinem Geburtstag gewünscht haben soll. Für den gläubigen Katholiken Löw, der ein Kreuz am Hals trägt, ist das eine „außergewöhnliche Sache“: „Ich war vor einigen Jahren im Vatikan. Das hat mir sehr imponiert. Was da für eine Geschichte dahintersteckt, was für eine Schönheit auch“, so der 56-Jährige.

Gegen Italien am Dienstag ist ein Novum möglich

Und im Moment gibt es ebenso bei der Nationalelf schöne Aussichten: Am Dienstag bietet sich Löw die Chance, den Gegner, der ihn mehrfach Unschönes erleben ließ, zum dritten Mal in diesem Jahr zu bezwingen.

Nach dem 4:1 in München im März und dem Viertelfinalsieg im Elfmeterschießen bei der EM im Juli wäre ein dritter Erfolg in Serie gegen die „Squadra Azzurra“ auch ein Novum in dann 35 Partien gegen die Italiener seit 1923.

„Ein Sieg wäre wünschenswert“, sagte Löw, kündigte aber personelle Experimente an: „Es geht mir darum, den einen oder anderen Spieler noch einmal zu sehen, wenn er richtig gefordert wird.“ Flügelspieler Gnabry dürfte gemeint sein, vielleicht auch Yannick Gerhardt aus Wolfsburg, der im defensiven Mittelfeld ebenso spielen kann wie als Linksverteidiger und der 86. Debütant unter Löw werden könnte.

Müller nimmt Torflaute gelassen

Thomas Müller war auf dem Teamfoto im Colosseum der einzige ohne Freizeitkleidung. Der Angreifer stand in DFB-Trainingsjacke da. Im Nationalelfgewand geht es dem 27-Jährigen gerade besser als im Alltag bei den Bayern, wo er seit April kein Tor in der Bundesliga erzielt hat.

Nachdem er in den ersten beiden WM-Qualifikationsspielen vier Mal traf, gab es gegen San Marino die Absonderlichkeit eines 8:0 ohne Müller-Treffer. Natürlich wurde er gefragt, ob er jetzt auch bei Löw Dreck am Schuh habe, wie er zuletzt bei den Münchnern sagte. „Den habe ich geputzt“, antwortete Müller knapp. Nicht auch noch hier Diskussionen!

Zwei Treffer hatte er gegen San Marino zumindest vorbereitet. Und wenn es da doch eine Tor-Unpässlichkeit geben sollte, dann könnte sich Müller für das Spiel gegen Italien Beistand von oben bei Franziskus erbitten. In seinem Heimatort Pähl war er mal Messdiener.