Fussball

Dieser Geflüchtete ist angekommen in Bremen

Der aus Gambia geflohene Ousman Manneh und sein Förderer Alexander Nouri erwecken den SV Werder beim 2:1 über Leverkusen.

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Berlin/Bremen.  Irgendwann wird das vielleicht nicht mehr so sensationell sein. Irgendwann werden Geflüchtete in Deutschland auch im Profifußball in größerer Zahl ankommen, werden Tore schießen, oder Tore verhindern. Irgendwann wird das ganz normal sein.

Und man wird davon sprechen, dass sie diesen Sport bereichern – in der Breite der unteren Ligen wie in der Spitze. Doch heute ist die Geschichte des Ousman Manneh noch so neu und faszinierend, dass man sie ein Märchen nennt. Für Werder Bremen ist sie sogar eines von zweien.

Ousman Manneh flüchtete aus Gambia, wo der Diktator Yahya Jammeh, Willkür und Verfolgung herrschen. Er ließ seine Mutter und seine Schwester zurück in einem der ärmsten Länder der Erde und kam allein in einem Flüchtlingsheim in Bremen Lesum an. Das ist zwei Jahre her.

„Ist das wirklich wahr. Habe ich ein Tor geschossen?“

Am Sonnabend war Manneh nicht mehr allein. Der Stürmer stieg vom Rasen herüber zu den singenden Fans des SV Werder und machte Fotos. Er musste jedem Reporter im Stadion Rede und Antwort stehen. Und dabei schien ihn das alles zu überwältigen: „Ist das wirklich wahr. Habe ich ein Tor geschossen“, fragte der 19-Jährige.

Ja, so war es. Mit seinem allerersten Bundesligatreffer sorgte Manneh für das überraschende 2:1 gegen Bayer Leverkusen und den 750. Bundesligasieg der Bremer überhaupt. „Das ist der größte Moment meines Lebens“, sagte Manneh.

Ohne Alexander Nouri hätte es diesen Moment so schnell nicht gegeben. Es sind zwei Märchen, die parallel verlaufen und sich gegenseitig bedingen: Nouri übernahm Werder im September von Viktor Skripnik. Der U23-Trainer rückte erst als Aushilfslösung und dann als fester Cheftrainer nach, und er nahm einen jungen Mann mit nach oben, von dem er seit A-Jugendzeiten beeindruckt war: Manneh.

„Es ist, als würde ich träumen“

Der Gambier hatte sich nach seiner Flucht dem Nordbremer Regionalligisten Blumenthaler SV angeboten, der einen guten Ruf bei der Integration von Flüchtlingen hat. Dort schoss er in elf Spielen 15 Tore, Bundesligaklubs wie Schalke, Wolfsburg und dem HSV fiel er auf, doch er entschied sich im März 2015 für Werder. Nouri wollte ihn unbedingt für die U23 in der 3. Liga.

„Wir haben ihn mit Fantasie geholt“, sagte Nouri – Fantasie und dem Wissen, dass er vor allem etwas Zeit braucht. Nun ist diese Zeit ein wenig Auto gefahren und rasanter verstrichen als gedacht: Mit Nouris Aufstieg zu den Profis kam auch Mannehs. In allen vier Spielen unter dem neuen Trainer stand der Angreifer nicht zuletzt wegen der Ausfälle von Claudio Pizarro und Max Kruse in der Startelf.

Nachdem er neulich in Darmstadt schon einen Treffer vorbereitet hatte, kamen nun gegen Leverkusen ein Tor und ein weiterer Assist dazu. „Es ist, als würde ich träumen“, sagte Manneh, „ich muss dem Trainer danken, dass er mir diese Chance gibt.“ Welche Bedeutung Nouri für sein Märchen hat, ließ er nicht offen: „Dass ich hier bin, habe ich nur ihm zu verdanken.“

Der neue Trainer startet so gut wie einst Otto Rehhagel

Nouri, 37 Jahre alt, iranische Wurzeln, hat es geschafft, Manneh und Werder zu erwecken. Punktlos und Tabellenletzter waren die Bremer, als er von Skripnik übernahm. Nun hat Nouri in vier Spielen sieben Punkte gesammelt, was ihm schon den Vergleich mit Otto Rehhagel einbrachte, der 1981 ebenfalls mit zwei Siegen und einem Remis aus vier Partien bei Werder startete. Bremen hat vorerst den Weg aus dem Tabellenkeller gefunden und wieder Hoffnung, dass es diesmal nicht wieder eng im Abstiegskampf wird. Das hat auch mit Nouris Mut zutun.

Denn den unerfahrenen Manneh in die Startelf zu beordern, hätte sich vielleicht nicht jeder getraut. Skripnik testete ihn im Sommer 2015 gegen den Landesligisten Wilhelmshaven, als der Stürmer in 15 Minuten vier Tore erzielte. In der Bundesliga spielen aber ließ er ihn nie.

Nouri jedoch wusste aus der U23 um die Laufstärke seines Zöglings. Dazu habe Manneh Konstanz in seine Leistungen gebracht. „Das war für uns der Grund, ihm das Vertrauen zu schenken. Er hat sich das erarbeitet. Gezaubert habe ich da nicht“, sagte Nouri neulich dem „Weser-Kurier“.

Über seine Flucht will der 19-Jährige nicht sprechen

Er habe nie daran geglaubt, in der Bundesliga spielen und sogar treffen zu können, sagte Manneh am Sonnabend nach seinem Tor. Nur über die Umstände seiner Flucht will er nicht sprechen: „Ich muss nicht immer wieder danach gefragt werden, denn dann erinnere ich mich an das, was passiert ist. Und dann kommt alles wieder hoch“, sagte der Afrikaner vor ein paar Wochen. Es sei eine „tiefgreifende, berührende Geschichte“, erzählte nun Nouri. Manneh telefoniert täglich mit seiner Mutter in Gambia. Er will sie und seine Schwester nachholen.

Werder hat ihm einen Vertrag bis 2018 gegeben, obwohl es auch bei Manneh Bedenken um die Richtigkeit seines Alters gab wie schon bei Bakery Jatta vom HSV – einem ebenfalls aus Gambia Geflüchteten, der noch auf seinen Profieinsatz wartet.

Werders Sportdirektor Frank Baumann widersprach dem. So oder so bleibt es eine inspirierende Geschichte: 470.000 Menschen haben 2015 einen Asylantrag in Deutschland gestellt – so viele wie niemals zuvor. Ousman Manneh ist es gelungen, in Bremen anzukommen.