WM-Qualifikation

Darum spielt das DFB-Team endlich wieder weltmeisterlich

Drei Spiele, drei Siege, kein Gegentor: Der Nationalelf ist ein fulminanter Neustart gelungen. Und es warten auch noch frische Kräfte.

 Selbst Bundestrainer Joachim Löw zeigt in dieser Länderspielwoche Fußballkunst und versetzt die Ersatzbank dadurch in Erstaunen

Selbst Bundestrainer Joachim Löw zeigt in dieser Länderspielwoche Fußballkunst und versetzt die Ersatzbank dadurch in Erstaunen

Foto: imago sportfotodienst / imago/ActionPictures

Hannover.  In den nächsten Wochen wird Joachim Löw viel im Ausland weilen. Er wird sich beim FC Arsenal umschauen. Er wird die Bundesliga mal links liegen lassen und mit Oliver Bierhoff nach Russland rüberfliegen. Dort wird nächstes Jahr der Confed Cup ausgespielt und einen Sommer später auch die WM, um die sich schon seine Gedanken drehen. Der Bundestrainer will den Blick nach draußen richten.

Dienstagnacht in einem weißen Zelt neben der Hannoveraner Arena richtete ein anderer den Blick von draußen nach drinnen auf den momentanen Zustand der deutschen Nationalmannschaft. Und was er zu berichten hatte, klang eindrucksvoll: „Ich bezweifle, dass es weltweit eine Mannschaft gibt, die die Deutschen aufhalten kann“, sagte Michael O’Neill.

Der Trainer und seine nordirische Nationalelf konnten nicht verhindern, dass der DFB-Auswahl stramme erste 30 Minuten genügten, um in Hannover 2:0 zu gewinnen. „Es ist extrem schwer, gegen die deutsche Übermacht etwas auszurichten“, sagte O’Neill.

„Fakt ist, dass wir mittlerweile eine unglaubliche Dominanz im Spiel erreicht haben“

Als Löw davon berichtet wurde, zuckte sein Mundwinkel kurz nach oben, und er rieb sich die Hände. Natürlich wusste der 56-Jährige, dass er es hier nicht mit einem ebenbürtigen Gegner zu tun hatte. Er wusste, dass der Blick von außen keiner auf Augenhöhe war.

Und dennoch machte sich ein wohliges Gefühl in ihm breit: „Fakt ist, dass wir mittlerweile eine unglaubliche Dominanz im Spiel erreicht haben. Dass wir in der Lage sind, den Gegner so zu bespielen, wie wir ihn am Ende brauchen“, sagte Löw. Mittlerweile, sagte er.

Und er meinte nicht die Transformation seiner Elf von einer reagierenden Kontermannschaft zu einer agierenden Ballbesitztruppe von der WM 2010 bis zur WM 2014. Er meinte die Entwicklung von der schwachen EM-Qualifikation und dem unbefriedigenden Turnier in Frankreich, bei dem mit einer ebenso strammen Haltung der Titel möglich gewesen wäre, bis heute.

Vor Frankreich war die Dominanz abhanden gekommen. Der Weltmeister hatte das Weltmeisterliche verloren, und konnte es dann im Turnier, als es im Halbfinale darauf ankam, nicht wiederfinden.

Khedira: „Wir spielen sehr konsequent und sehr zielstrebig“

Nun, drei Pflichtspiele später, hat es den Eindruck, als sei es zurückgekehrt. Drei Siege, null Gegentore nach drei Spielen. Dass es sich bei den Gegnern „nur“ um Norwegen (3:0), Tschechien (3:0) und Nordirland (2:0) handelte, kann kein Argument sein.

Dazu muss man sich lediglich die vergangenen zwei Jahre anschauen, in denen Löws Mannschaft gegen die Slowakei (1:3), Irland (0:1) und die USA (1:2) verlor, sich darüber hinaus auch gegen Leichtgewichte wie Australien, Schottland und Georgien schwer tat.

„Wir spielen hier nicht mit 40 Prozent, sondern sehr konsequent und sehr zielstrebig“, sagte Sami Khedira. Und das ist der Unterschied. „Die Mannschaft soll diese Quali gnadenlos durchziehen. Das gibt uns im Vorfeld eines Turniers dann auch das Gefühl der Sicherheit“, sagte Löw. Es ist ein Neustart, der hier gelungen ist – ein Neustart ohne viele Neuerungen.

Im Moment hat Löw wohl die beste Elf der Welt

Deutschland hat es nach der EM geschafft, die eigenen Probleme vorläufig zu beheben: Die mangelnde Spannung? Passé. Das eingefahrene Ballgeschiebe? Passé. Die Suche nach kompetenten Außenverteidigern? Mit Jonas Hector und dem erstaunlichen Joshua Kimmich ebenfalls passé.

Und selbst auf die Torjägerdebatte wurde eine neue Antwort gefunden: Die acht Treffer der WM-Qualifikation bisher stammen von fünf verschiedenen Spielern (Müller, Kroos, Kimmich, Khedira und Draxler).

Es gibt jetzt Direktheit zum Tor, es gibt unterschiedliche Pläne für unterschiedlich agierende Gegner, und es gibt endlich wieder zufriedene Zuschauer. Wer den Blick nach draußen wirft und sieht, wie schwer sich England (nur 0:0 gegen Slowenien), Italien (quälte sich beim 3:2 gegen Mazedonien), Frankreich (unlängst nur 0:0 gegen Weißrussland) und Argentinien (0:1 gegen Paraguay) tun, der kann O’Neill ein bisschen verstehen: Im Moment unterhält Löw wahrscheinlich wirklich die beste Elf der Welt. In Europa startete nur Belgien ebenfalls mit drei Siegen und ohne Gegentor (13:0) in die WM-Qualifikation.

Im November will Löw junge Spieler integrieren

Doch im Moment ist nun einmal noch nicht WM. „Was das alles wert ist, werden wir erst in anderthalb Jahren sehen“, sagte Innenverteidiger Mats Hummels, und er hatte natürlich recht. Doch es gibt weitere Gründe für Zuversicht: Nächste Woche wird sich Löw mit Stefan Kuntz treffen. Der neue U21-Coach, dessen Elf am Dienstag gegen Österreich (4:1) den zehnten Sieg in der EM-Qualifikation geschafft hatte, soll von all den Talenten berichten, die im Unterbau schlummern.

Von den Süles, Tahs, Meyers, Sanés, Dahouds, die alle längst dauerhaft bei Löw spielen könnten. Ihnen wird der Bundestrainer im November gegen San Marino (11.11.) und beim Test gegen Italien (15.11.) sowie beim Confed Cup mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn er etablierte Kräfte schonen möchte.

„Wir müssen beides schaffen“, sagte Löw. „Dass die Mannschaft stabil bleibt und rigoros die Quali durchzieht, und andererseits junge Spieler integrieren.“ Das sei die Herausforderung bis zur WM in Russland. Und zwar eine, auf die man sich nun durchaus freuen kann.