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Horst Hrubesch: „Ich brachte Mesut Özil das Laufen bei“

Horst Hrubesch (65) wurde vom DFB vor dem WM-Qualifikationsspiels gegen Tschechien verabschiedet. Rentner will er aber noch nicht sein.

Horst Hrubesch (Mitte) im Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw (r.)

Horst Hrubesch (Mitte) im Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw (r.)

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

Hamburg.  In seinem ehemaligen „Wohnzimmer“ Volksparkstadion ist Horst Hrubesch als DFB-Trainer verabschiedet worden. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bedankte sich am Sonnabend kurz vor dem Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels für 16 Jahre, die der 65 Jahre alte Hrubesch für den Verband gearbeitet hat. An ein Renterdasein denkt er jedoch längst noch nicht.

Herr Hrubesch, ...

Horst Hrubesch: ... ich weiß schon, was Sie jetzt fragen wollen. Wie meine Zukunft aussieht, werde ich bis Jahresende entscheiden. Auf dem Sofa hocken und Däumchen drehen ist jedenfalls keine Option.

Sie bleiben also dem Fußball erhalten.

Ja sicher. Seit dem sechsten Lebensjahr spiele ich Fußball und bewege mich seit mehr als 40 Jahren im Profigeschäft. Ich bin für alles offen.

Ist auch der Job des Vereinstrainers eine Option?

Warum denn nicht?

Würde Sie nicht auch Ihr Ex-Klub HSV reizen als Karrierestation?

Das ist aktuell kein Thema. Und weil mein Name zuletzt häufiger genannt wurde: In den vergangenen zwei Jahren hat auch keiner mit mir darüber gesprochen.

Sie scheinen ein besonderes Händchen für junge Spieler zu haben. Europameister 2008 mit der U19 und 2009 mit der U21, EM-Halbfinale mit der U21 2015, Silber bei Olympia 2016 ...

Ich hatte einen Traumjob. Mir standen immer die besten Spieler des Landes zur Verfügung. Wenn die Leute aber sagen, dass das alles nur mit Hrubesch zu tun hat, dann ist das Quatsch. Natürlich brauchst du jemanden an der Spitze, der alles lenkt. Aber das Entscheidende war immer die Teamarbeit. Ich hatte immer Leute, die mir geholfen haben, wie die Co-Trainer Michael Oenning und zuletzt Thomas Nörenberg, Klaus Thomforde oder bei Olympia Marcus Sorg.

"Nicht weglaufen oder herumschleichen!"

Trotzdem: Bei Opa Horst haben die Jungs zugehört. Wie haben Sie das hingekriegt?

Es ist in Wahrheit ganz einfach: Hingehen, ansprechen und klären. So weiß ich immer, woran ich bin. So lässt es sich leicht arbeiten. Das versuche ich auch den Spielern zu vermitteln: Nicht weglaufen oder herumschleichen! Du hast eine Verantwortung gegenüber dem Verein, den Mitspielern, dem Trainer. Aber das ist keine Einbahnstraße.

Inwiefern?

Den Jungs sage ich immer: Ich habe keine Lust, euch hinterherzulaufen. Ihr müsst mich auch mal fragen, warum ich Dinge so oder so einschätze. Dann erkläre ich es euch. Wenn ihr in einem Punkt anderer Meinung seid, müsst ihr mir das begründen. Egal, ob früher bei meinen Vereinsstationen in Essen, Innsbruck, Rostock, Dresden, Wien, Samsunspor oder beim DFB: Bei mir entscheiden die Spieler, das war noch nie anders. Sie sind es auch, die auf dem Platz die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Ich kann ihnen helfen und aufzeigen, welchen Weg ich für den besten halte. Aber sie sind es, die am Ende überzeugt sein müssen. Bei mir wissen die Spieler immer zwei Tage vor einer Partie, ob sie auflaufen oder nicht.

"Talent ist nur die Grundlage, vielleicht 50 Prozent"

Stichwort Eigenverantwortung: Warum halten Sie nichts von Geldstrafen, zum Beispiel fürs Zuspätkommen?

Mir war und ist viel wichtiger, dass Spieler mir erklären, was sie mit ihrem Talent anfangen wollen. Wenn einer als Fußballer nur gut sein will, ist das der verkehrte Job für ihn. Ist er sehr gut, kann er was gewinnen. Talent ist nur die Grundlage, vielleicht 50 Prozent. Der Rest sind Charaktereigenschaften. Sie müssen das Rad nicht täglich neu erfinden. Am Ende geht es nur ums Arbeiten.

Ist es heute schwerer, die Jungprofis zu packen, weil sie so schnell mit Millionen zugeschüttet werden?

Das hat mit Geld nichts zu tun. Für mich ist es egal, ob er zwei oder vier Millionen Euro verdient. Wenn der Junge nicht mit Spaß Fußball spielt, wird er nie richtig gut sein. Und billige Kopien kann ich auch nicht leiden. Ich habe mir mal einen geschnappt und ihn gefragt: Erkläre mir doch mal, warum du Tattoos hast. Ihr ahmt etwas nach. Warum?

Wer Millionen Follower bei Facebook, Twitter oder sonst wo hat, könnte vorzeitig glauben, er hätte was erreicht. Ist da die Gefahr abzuheben nicht groß?

So etwas kannst du regeln. Das Team muss funktionieren. Ganz einfach.

"Positiv Verrückte sind das Salz in der Suppe"

Können Sie heute auch noch positiv Verrückte gebrauchen?

Die sind doch das Salz in der Suppe. Wenn mir einer dreimal pro Spiel was Geniales produziert, müsste ich ja doof sein, auf ihn zu verzichten. Ihn in ein Team zu integrieren, das ist die Kunst. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie ich an einen Spieler herankomme. Bei Mesut Özil beispielsweise hat es bei der U21 über Tischtennis funktioniert, weil wir im Doppel alles gewonnen haben.

Woran mussten Sie bei ihm arbeiten?

Ich habe ihm mal gesagt: Mesut, wie wäre es, wenn du auch mal für die anderen läufst?

Und?

Ein Schlüsselerlebnis war ein Testspiel vor der EM 2009 in Barsinghausen gegen Osnabrück II. Kurz vor Schluss grätscht Jerome Boateng im eigenen Strafraum, nimmt den Ball und zieht einen Sprint an. Am ersten Mittelfeldspieler vorbei. Spielt quer, bekommt den Ball zurück. Überläuft die Innenverteidiger, geht rechts am Torwart vorbei und legt dann quer auf Mesut, der ihn nur noch ins leere Tor zu schieben braucht.

Was passierte dann?

Jerome drehte sich um und lief zur Mitte, alle Spieler gratulierten Mesut. Ich ging direkt zu unserem Videoanalysten: Diese Szene will ich 20-mal hintereinander geschnitten haben. Nach dem Essen habe ich eine Besprechung angesetzt, den Film kommentarlos erst einige Male laufen lassen und dann gefragt: Fällt euch irgendetwas auf? Ihr habt sie doch nicht mehr alle, das ist genau das, was ich nicht will.

"Gegenüber den anderen Nationen haben wir einen kleinen Vorsprung"

Und zu Mesut ...

… habe ich gesagt: Die arbeiten für dich, die machen alles, geben dir die Freiheit. Dann zahl das auch zurück!

Jetzt sind Özil & Co. Weltmeister, das Niveau ist auch bei den jüngeren Spielern bisher auffällig hoch. Was muss der DFB tun, um oben zu bleiben?

Gegenüber den anderen Nationen haben wir einen kleinen Vorsprung. Seit 2008 bis heute kommen immer wieder neue Talente, und das wird so weitergehen. Was wir uns im Elitebereich fragen müssen: Warum haben so viele junge Spieler, die schon mit 18 Topniveau erreichen, schlimme Verletzungen? Was müssen wir verändern? Wie hoch darf die Belastung für die jungen Spieler sein, die zu 90 Prozent auch noch ihr Abitur bestehen müssen? Hier müssen wir dranbleiben.