Kommentar

Lehmanns Götze-Kritik ist nur Profilierungssucht

Der RTL-Experte tritt auf wie ein Scharfrichter. Das schadet Mario Götze und wird ihm nicht gerecht, meint Jörn Meyn.

Der Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann ist heute TV-Experte bei RTL und sorgt mit kuriosen Auftritten für Kopfschütteln

Der Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann ist heute TV-Experte bei RTL und sorgt mit kuriosen Auftritten für Kopfschütteln

Foto: firo Sportphoto / picture alliance / augenklick/fi

Es lohnt sich auch hier, darauf zu achten, was Manuel Neuer tut. Beim Aufwärmen vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen am Sonntagabend war ein Ball vom Kapitän der Nationalelf in Richtung des RTL-Experten Jens Lehmann geflogen. Der warf ihn zurück an Neuer vorbei ins Feld, wo ihn keiner fangen konnte. Neuer hob fragend die Arme: Was soll denn das, Jens?

Zwei Stunden später, als das Spiel 3:0 gewonnen war, fragte sich das nicht mehr nur Neuer. Warum nörgelte Lehmann wie ein Pedant über alles, was er gerade gesehen hatte, warf er Bundestrainer Joachim Löw vor, nicht mehr als den WM-Titel gewonnen zu haben, befand er den Torschützen und Rechtsverteidiger Joshua Kimmich als Rückpassmaschine? Um dann das derzeit beliebteste Tänzchen aller hiesigen TV-Experten aufzuführen: das Götze-Mobbing.

Expertentum als Marktschreierprinzip

Beim Dortmund-Rückkehrer Mario Götze habe er immer das Gefühl, er würde gar nichts machen, sagte Lehmann. „Irgendwann muss er sich mal die Frage stellen, ob es auch an ihm liegt“, fand der ehemalige Nationaltorhüter. Löw stand neben ihm, würdigte Lehmann aber keines Blickes.

Der Bundestrainer kennt das ja schon: Lehmann zerriss vor einem Jahr auch das 3:1 gegen Polen, das einzige souveräne Spiel des Weltmeisters in der EM-Qualifikation. Man bekam damals schon das Gefühl, hier verfolge einer seine eigene Agenda. Das TV-Expertentum ist ein lukratives Geschäft geworden, und es funktioniert nach dem alten Marktschreierprinzip: Wer am lautesten brüllt, wird gehört.

Über den wird geredet, was scheinbar als Qualitätsmerkmal gilt, selbst wenn das Geredete lächerlich weit an der Realität vorbeifliegt wie Lehmanns zurückgeworfener Ball an Neuers Armen. Effekthascherei.

Scholl agierte nach demselben Muster bei Gomez

Aber TV-Experten haben mittlerweile leider auch die Kraft, Spielern richtig zu schaden. So spottete der manchmal durchaus putzige ARD-Mann Mehmet Scholl über den sich „wund liegenden“ Mario Gomez, dass dessen Image sich davon lange nicht erholen sollte.

Scholl stichelte auch gegen Götze, er trainiere zu wenig, als dieser in München aussortiert werden sollte. Manche Ex-Profis mit vermeintlicher Expertise treten auf wie Scharfrichter.

Diese Art der Profilierungssucht, wie sie Jens Lehmann nun wieder vorgeführt hat, mag den Zuschauer vielleicht amüsieren und den TV-Expertenvertrag verlängern. Sie wird dem Spieler aber – ob Gomez oder Götze – nicht gerecht.