Rücktritt des Anführers

Schweinsteiger macht Feierabend

Weltmeister Bastian Schweinsteiger beendet nach 120 Länderspielen in zwölf Jahren seine Karriere in der deutschen Nationalmannschaft.

Bastian Schweinsteiger feiert in Rio seinen größten Triumph: den Gewinn des WM-Titels

Bastian Schweinsteiger feiert in Rio seinen größten Triumph: den Gewinn des WM-Titels

Foto: Getty Images / FIFA/Getty Images

Berlin.  Ob es Venedig gewesen ist, jene Lagunenstadt voller Mythen, die ihm den entscheidenden Moment der Erkenntnis brachte? Vielleicht als er Ana Ivanovic vor den Traualtar führte? Es ist gut möglich, dass die Hochzeit mit der Serbin vor zwei Wochen ihren Teil zu der Entscheidung beigetragen hat, die Bastian Schweinsteiger wohl schon länger in sich reifen spürte. Und die er nun öffentlich machte: seinen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Nach zwölf Jahren beendete der 31-Jährige seine Karriere im DFB-Trikot. Der Kapitän des Weltmeisters geht von Bord.

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Am Freitagvormittag habe er Bundestrainer Joachim Löw „gebeten, mich in Zukunft bei der Nominierung für die Nationalmannschaft nicht mehr zu berücksichtigen. Mit dem Gewinn des Weltmeistertitels 2014 ist uns historisch und auch emotional etwas gelungen, was sich in meiner Karriere nicht mehr wiederholen lässt“, teilte Schweinsteiger mit – per Twitter, Facebook und Instagram. So wie sich die heutige Generation eben mitteilt.

Der junge Schweinsteiger hätte an den sozialen Medien seine helle Freude gehabt, damals, als er im Jahr 2004 für die DFB-Auswahl debütierte und auch gleich mit zur Europameisterschaft nach Portugal fuhr. Zu einer Zeit, da Smartphones immer noch Science Fiction gewesen sind. „Schweini“ – ein Spitzname, der ihm nie gefallen hat – galt als der Hoffnungsträger für ein am Boden siechendes Nationalteam. Die Hoffnungen, die ganz Fußball-Deutschland in ihn gesetzt hatte, hat er erfüllt – bis sein Körper ihm immer mehr Signale sendete, die seine Rücktrittsgedanken forciert haben dürften.

Mit einem Cut unter dem Auge zum Triumph in Rio

Es ist ein Rücktritt, der keinen Augenblick zu spät kommt, wenngleich seine Kritiker ihm eher ein „gerade noch rechtzeitig“ attestieren werden. Er tritt in einem Moment ab, da er die Figur des „emotional Leader“, zu dem ihn Löw einst gekürt hatte, bei der EM in Frankreich noch einmal auffrischen konnte, ohne sie zu karikieren.

Sein Einsatz im Viertelfinale gegen Italien (1:1 n.V., 6:5 i.E.) war ebenso bemerkenswert wie seine Führungsqualitäten im Halbfinale gegen Frankreich (0:2). Dass sein verschossener Elfmeter gegen die „Azzurri“ das Zittern vor dem Aus nicht beendete und sein Handspiel gegen den EM-Gastgeber einen greifbaren Finaleinzug zunichte machte, belegen aber auch, dass der Zenit überschritten ist.

Das Bild des Kämpfers, des größten Comebackers im Fußball, hat es nicht angekratzt. Des Anführers, der sich im WM-Finale von Rio 2014 für seine Mitspieler aufopfernd in jeden Zweikampf wirft, den auch ein Cut unter dem Auge nicht stoppt. Des Torjägers, der acht Jahre vor Rio dem Sommermärchen 2006 mit dem Sieg gegen Portugal zu einem Happyend verhalf. Des Führungsspielers, der spätestens 2008 wusste, dass er „die Mannschaft auch in gewissen Drang- und Drucksituationen mitreißen“ können muss.

Mit Bundeskanzlerin Merkel auf der Tribüne

Schweinsteiger stand, zusammen mit seinem Kumpel Lukas Podolski, für den neuen Stil der Nationalmannschaft. Frischer und offener als je zuvor. Die Szenen mit Angela Merkel auf der Tribüne des Wiener Ernst-Happel-Stadions, als sich der Rot-gesperrte Schweinsteiger mit der Bundeskanzlerin vor und während des letzten EM-Gruppenspiels 2008 gegen Gastgeber Österreich (1:0) über Fußball und den Auftritt der Nationalmannschaft unterhielt – so etwas hatte es vorher noch nicht gegeben. Schweinsteiger als „elder statesman“.

Wer die Entwicklung des Profis in den vergangenen Monaten verfolgt hat, muss unweigerlich zu dem Ergebnis gekommen sein, dass Schweinsteiger nun, im Sommer 2016 genau diesen Status erreicht hat. Die grauen Schläfen, das zuletzt bei der EM in Frankreich fortwährende Kokettieren mit seinem Alter – Schweinsteiger wirkte zuletzt wie der 40-jährigste 30-Jährige im Profigeschäft. Ein Alter, bei dem man vor zehn, zwölf Jahren noch gern vom besten Fußballer-Alter sprach.

Doch die Zeiten haben sich geändert, wie nicht nur Twitter und Co. beweisen. Auch deshalb sah Schweinsteiger es als „richtig und vernünftig“ an, „nun Schluss zu machen und der Mannschaft für die Qualifikation und die WM 2018 das Allerbeste zu wünschen“. Die DFB-Elf sei ihm „immer eine wertvolle Familie“ gewesen.

Bei Manchester United vor dem Aus

Das sportliche Glück hat er längst gefunden, das private Glück scheint mit Ana Ivanovic nahtlos daran anzuknüpfen zu einem Zeitpunkt, in der er bei seinem Klub Manchester United vor dem Aus steht. Insofern ist sein Rücktritt vom Nationalteam vor allem eines: richtig.