Fussball

Drummer Martin Grubinger: „Sportler uns um Jahre voraus“

Er ist der Messi unter den Schlagzeugern – und ein Fan! Martin Grubinger über die besonderen Parallelen zwischen Fußball und Musik.

Schlagzeuger Martin Gruber zählt zu den besten Drummern der Welt

Schlagzeuger Martin Gruber zählt zu den besten Drummern der Welt

Foto: dpa Picture-Alliance / Olaf Malzahn / picture alliance / dpa

Berlin.  Martin Grubinger gilt als der beste (und schnellste!) Schlagzeuger der Welt. Der Multiperkussionist ist – obwohl Österreicher – großer Anhänger des FC Bayern. Während des Gastspiels beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin kurz vor EM-Beginn sprach der 33-Jährige über die Begeisterung vieler klassischer Musiker für Fußball.

Wie wird ein Österreicher zum Bayern-Fan?

Martin Grubinger: Ich bin ja Salzburger, und da gibt es schon einen sehr starken sprachlichen, aber auch inhaltlichen Konnex mit den Bayern – anders als bei den Wienern oder den Österreichern im Osten unseres Landes. Und in Salzburg ist der nächste größere Fußballklub, mit dem man mitfiebert, der FC Bayern: Mein erstes Trikot habe ich als Vierjähriger bekommen und besitze inzwischen über 40 Bayern-Trikots.

Klingt also nach einem richtigen Fußball-Fan – und der wechselt bekanntlich ja auch ein Fan-Leben lang nicht den Verein.

Niemals! Ja, da wird bei mir jegliche Ratio ausgeschaltet, und ich werde zum Verrückten – auch im Stadion: Ich schäme mich dann immer ein bisschen, denn manchmal ist meine Frau mit dabei oder mein Sohn, und ich bin dann so emotional: Natürlich ist der Schiedsrichter immer an allem schuld! (lacht)

Es überrascht, dass viele klassische Musiker sich für Fußball begeistern …

Ja, das stimmt – ob das nun Julian Rachlin ist, Clemens Hagen oder Daniel Müller-Schott, der sogar mit Philipp Lahm befreundet ist, oder auch diverse Dirigenten wie Paavo Järvi oder Riccardo Chailly, der AC Mailand-Fan ist.

Woher rührt diese Faszination, denn auf den ersten Blick scheinen das ja zwei sehr gegensätzliche Welten?

Der Fußball hat etwas, das uns Künstler fasziniert. Da ist diese Kreativität, ständig entstehen neue Situationen. Dann gibt es Leute wie Zidane, die bewegen sich wie Balletttänzer: Das hat eine Ästhetik und ein künstlerisches Gesamtverhalten auf dem Platz, dem man sich als Musiker verbunden fühlt. Oder jemand wie Messi, der aus jeder Situation etwas Überraschendes macht: Auch wir Musiker wollen dieses Überraschungsmoment, wollen am Konzertabend etwas Neues kreieren und präsentieren.

„Auch wir Musiker sind ja sozusagen eins mit unserem Instrument“

Aber ein solches Überraschungsmoment gibt es auch in anderen Ballsportarten!

Dazu kommt die Verliebtheit mit einem Spielgerät, die wir als Musiker ebenfalls kennen – auch wir sind ja sozusagen eins mit unserem Instrument. Und wenn man bei den Fußballern diese Symbiose mit dem Ball beobachtet, wie sie etwa beim Einspielen mit dem Ball jonglieren, ohne dass der auch nur einmal auf den Boden fällt, wie sie sich diesen zuspielen und eins werden mit ihrem Spielgerät: Das ist schon faszinierend.

Und welches fußballerische Moment begeistert Sie als Schlagzeuger am meisten?

Das Timing – dass sich quasi eine rhythmische Situation aus einem Spiel herauslesen lässt. Oft ist ja etwa bei einem Konter zu hören, das Timing für den richtigen Pass habe gefehlt – und genau das ist das Faszinierende, dass man über eine Spielsituation diverse Rhythmen herauslesen und -sehen kann. Wenn man die Dortmunder in ihren guten Zeiten bei einer Kontersituation verfolgt hat, hatte man immer das Gefühl, da ist purer Rhythmus.

Das klingt ja fast, als stecke in jedem Fußballer insgeheim auch ein Musiker.

Ich würde ja sehr gern mal ein Team trainieren, wo man eine große Anlage auf dem Fußballplatz aufstellt und dann sagt: So, liebe Profifußballer, jetzt müsst‘s ihr im Walzerrhythmus einen Konter über fünf Stationen trainieren – um-ta-ta, um-ta-ta. Immer auf der eins – und das trainieren wir 50 Mal, bis sich das im Unterbewusstsein verinnerlicht.

Und dann?

Dann nehmen wir Samba (schlägt den Rhythmus): Immer auf der Drei – ein, zwei, Pass – eins, zwei, Pass. Dann Montuno-Groove, Salsa (schlägt erneut den Rhythmus), und so trainiert man unterschiedliche Spielgeschwindigkeiten.

Und welches Ergebnis erhoffen Sie sich?

Wenn die Spieler diese Rhythmen hunderte Male wiederholt und im Unterbewusstsein dann diesen Groove, dieses gemeinsame Timing verinnerlicht haben, kann dies helfen, Missverständnisse bei Laufwegen zu vermeiden, wenn etwa ein Pass in den freien Raum gespielt wird oder eine Mannschaft plötzlich in Ballbesitz kommt. Ich habe diesen Gedanken schon mal in der Sportreportage vorgeschlagen, und Jürgen Klopp hat sich sogar damit beschäftigt…

„Da haben wir Musiker noch viel Nachholbedarf“

…mit welchem Ergebnis?

Es war ihm dann doch zu wirr und zu komisch. Aber ich würde das zu gern mal testen und halte nach wie vor nach einer Profimannschaft Ausschau, die sagt: Das probieren wir aus. Denn ich glaube fest, dass mit diesem System ein Fortschritt zu erzielen wäre.

Sie haben jetzt skizziert, was Fußballer von Musikern lernen können – wie sieht es denn umgekehrt aus?

Professionelles Verhalten – da sind uns Spitzensportler grundsätzlich weit voraus. Spitzensportler haben Physiotherapeuten, Psychologen, abgestimmte Ernährungspläne: Da haben wir Musiker noch viel Nachholbedarf. Wir glauben, es gehe nur um das Instrument, und wenn wir genug übten, reiche das auch.

Tut es aber nicht, sagen Sie?

Nein. Es geht um Regenerationsphasen, um Fragen der Art: Wie ernähre ich mich richtig? Wie kann ich meine Muskulatur und meine Gelenke, wie kann ich Schnellkraft und Ausdauer trainieren? Wie kann ich Verletzungen vorbeugen und Fehlhaltungen vermeiden? Als Musiker müssten wir viel gesamtheitlicher denken, was die Spitzensportler längst machen.

Was lässt sich für Künstler noch von Fußballern lernen?

Nehmen Sie die psychologische und mentale Betreuung: Die Sportler sind uns da um Jahre voraus. Meiner Meinung nach müsste jedes Orchester sagen, wir stellen einen Psychologen, einen Sportmediziner und einen Ernährungsberater ein – eben einen Stab, wie diesen auch Fußballmannschaften haben – und unsere Musiker sollen dann von deren Erkenntnissen partizipieren. Ich bin sicher, dass sich dann sowohl inhaltlich als auch in puncto des Wohlbefindens der einzelnen Musiker viel zum Besseren verändern würde.