Testgegner

Ungarn trifft heute auf sein großes Vorbild

Hertha-Trainer Dardai kennt den Gegner des DFB-Teams bei der Generalprobe für die EM bestens. Er war dort selbst der Chef.

Pal Dardai war vor dem Engegement bei Hertha Ungarns Nationaltrainer

Pal Dardai war vor dem Engegement bei Hertha Ungarns Nationaltrainer

Foto: Torsten Silz / dpa

Berlin.  Spiele gegen Ungarn waren in der Geschichte des deutschen Fußballs oft richtungsweisend: Zum Beispiel das WM-Finale von Bern 1954, Fritz-Walter-Wetter, Rahn müsste schießen. Deutschland war plötzlich ganz oben. Aber dann gab es da auch noch den Test vor fast genau zwölf Jahren: Ein gewisser Lothar Matthäus führte Ungarn als Nationaltrainer zum 2:0 gegen Deutschland. Es war die Generalprobe des DFB-Teams vor der EM 2004, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski gaben ihre Länderspieldebüts, und Teamchef Rudi Völler ahnte, welch Debakel in Portugal folgen würde: Deutschland flog in der Vorrunde raus und war ganz unten.

An diesem Sonnabend gibt es wieder ein Testspiel gegen Ungarn, in Gelsenkirchen (18 Uhr/ZDF) ist es wieder die Generalprobe vor einer EM. Aber Pal Dardai glaubt nicht, dass damit erneut die Fahrtrichtung des deutschen Fußballs vorbestimmt wird. „Es ist nur ein gutes Anschwitzen für die EM“, sagt der Trainer von Hertha BSC der Morgenpost. Unter anderen Umständen säße der 39-Jährige dabei nicht vor dem Fernseher, sondern auf der ungarischen Trainerbank.

Erste EM seit 44 Jahren

Doch weil der 61-fache Nationalspieler 2015 zum Cheftrainer bei Hertha aufrückte und die Doppelbelastung irgendwann nicht mehr zuträglich war, trat Dardai als Nationalcoach zurück. Bis dahin hatte er sein Land dicht herangeführt an die EM-Qualifikation – eine historische für Ungarn, denn es sollte das erste Turnier seit der WM 1986 werden, die erste EM seit 44 Jahren. Bernd Storck (53), jahrelanger Co-Trainer von Jürgen Röber bei Hertha, führte das Werk zu Ende. Ungarn qualifizierte sich in der Relegation, und Dardai sagt: „In Frankreich können wir überraschen, doch das wird schwierig. Es gibt keine Spieler aus Topmannschaften.“

Die bekanntesten sind Ex-Hertha-Torwart Gabor Kiraly, der als 40-Jähriger der älteste EM-Spieler aller Zeiten sein wird, und Balazs Dzsudzsak, der mal als größtes Talent galt. Aus der ersten und zweiten Bundesliga sind mit Peter Gulasci (Leipzig), Lazlo Kleinheisler (Bremen), Zoltan Stieber (Nürnberg) und Adam Szalai (Hannover) vier Spieler im Kader.

Germanisierung des ungarischen Fußballs

Lange Jahre stand die Generation von 1954, die „goldene Elf“ um Ferenc Puskas, an der Seitenlinie, wenn Ungarn spielte. Sie war die Vergleichsgröße, an welche jede neue Generation herangehalten wurden. „Als ich kam, habe ich das sofort zu ändern versucht“, erzählt Dardai. Ungarn war längst zu einem Fußball-Entwicklungsland geschrumpft. Um dies zu korrigieren, gilt jetzt Deutschland als Vorbild: Wie Deutschland nach den EM-Enttäuschungen von 2000 und 2004 baut Ungarn an Nachwuchsleistungszentren und fördert junge Spieler. Eine Klausel belohnt Teams in der ungarischen Liga, die U20-Spieler einsetzen. Überhaupt nur fünf Ausländer dürfen pro Verein im Kader stehen.

Eine regelrechte Germanisierung des ungarischen Fußballs hat eingesetzt: Storck holte Welt- und Europameister Andreas Möller als Co-Trainer, den in Berlin geborenen Ex-Bundesligakeeper Holger Gehrke als Torwarttrainer.

Schwere Gruppe für den Underdog

Dazu ist Thomas Doll gerade als Trainer mit Ferencváros Budapest Meister und Pokalsieger geworden. Dardai hat ihn damals empfohlen. Dazu hat Ex-HSV-Coach Michael Oenning beim Stadtrivalen Vasas Budapest übernommen. „Deutsche Trainer sind gerade Mode. Ich habe immer gesagt: Die Deutschen haben Siegeswillen“, so Dardai.

Bei der EM trifft Ungarn zunächst auf Österreich, Island und Portugal. Eine schwere Gruppe, aber Dardai traut Ungarn eine Überraschung zu. Doch das soll nur das Nahziel sein: „Ich wünsche mir, dass die Basis für die WM-Qualifikation gelegt wird. In Ungarn entsteht wieder etwas, und das soll so bleiben“, sagt Dardai. Während der EM-Vorrunde wird er als Experte für das ungarische Fernsehen in Frankreich dabei sein.