Rassismus

Boateng: „Dafür darf kein Platz sein in der Gesellschaft“

Nationalspieler Jérôme Boateng spricht über AfD-Politiker Gauland und die mögliche Ernennung zum deutschen EM-Kapitän.

Innenverteidiger Jerome Boateng zählt zu den wichtigsten Stützen im deutschen Weltmeisterteam

Innenverteidiger Jerome Boateng zählt zu den wichtigsten Stützen im deutschen Weltmeisterteam

Foto: dpa Picture-Alliance / Stefan Matzke / sampics / picture alliance / sampics / Ste

Ascona.  Der Fußball zieht bei großen Turnieren die Nation stets in seinen Bann, seit dem Sommermärchen 2006 hat er sogar den Patriotismus im Land und auch die internationale Wahrnehmung Deutschlands stark verändert.

In diesem Jahr löste er bereits vor dem ersten Europameisterschafts-Spiel in Frankreich (ab 10. Juni) ungewohnt heftige innenpolitische Diskussionen aus. Ungewollt mittendrin steckt dabei Weltmeister Jérôme Boateng (27) von Bayern München. Im Interview spricht der gebürtige Berliner nun darüber.

Berliner Morgenpost : Herr Boateng, Alexander Gauland scheint einen wie Sie nicht als Nachbarn haben zu wollen. Wie haben Sie die öffentlichen Diskussionen um das Zitat des AfD-Vizes Gauland zu Ihrer Person erlebt?

Jérôme Boateng: Das hat mich nicht so sehr belastet. Ich habe es zur Kenntnis genommen. Das war es eigentlich auch schon.

Es hat aber doch wahnsinnig viele Reaktionen gegeben, im Augsburger Stadion und auch in den sozialen Netzwerken. Eine Welle der Solidarität schlägt Ihnen entgegen. Selbst Ihre ehemaligen Nachbarn in Berlin haben Sie als klasse Nachbarn bezeichnet.

Ja, das habe ich auch gehört. Aber sehen Sie: Ich bin jetzt hier bei der Nationalmannschaft und bereite mich mit Deutschland auf die Europameisterschaft vor. Das Thema ist für mich jetzt gegessen. Beim Spiel am Sonntag in Augsburg gab es viele sehr positive Bekundungen in meine Richtung, das hat mich gefreut. Was Gauland angeht: Ich finde es natürlich traurig, dass man sich so etwas heutzutage überhaupt noch anhören muss.

Haben Sie grundsätzlich das Gefühl, dass der alltägliche Rassismus weniger geworden ist in den vergangenen Jahren?

Ich denke schon, aber er ist längst noch nicht weg, das zeigt nicht nur dieses aktuelle Beispiel. Es ist traurig, dass man da wieder etwas zurückgefallen ist. Ich hatte gehofft, das wäre überwunden.

Ihr ebenfalls in Berlin aufgewachsener Halbbruder Kevin-Prince hat vor drei Jahren eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten und darauf hingewiesen, dass es der größte Fehler wäre, den Rassismus einfach zu ignorieren, wenn man ihn bekämpfen wolle.

Ich will das Thema auch nicht ignorieren. Aber ich möchte auch nicht, dass solche Leute über mich Aufmerksamkeit und eine große Plattform bekommen. Und ich möchte ebenfalls nicht, dass ich im Vergleich zu meinen Mannschaftskollegen zu viel Aufmerksamkeit bekomme. Wir haben ja auch noch einige andere Spieler, die in anderen Ländern ihre Wurzeln haben. Ich sehe mich da nur stellvertretend angegriffen.

„Ich habe die meisten Deutschen als sehr offen erlebt“

Würden Sie sich mit Herrn Gauland an einen Tisch setzen und das mit ihm diskutieren?

Ich bin sehr offen in Deutschland aufgewachsen und habe auch die allermeisten Deutschen als sehr offen erlebt.

Glauben Sie, dass diese Debatte der AfD am Ende sogar nutzt?

Man hat in den vergangenen Tagen gesehen, dass es sehr positiv in die andere Richtung gegangen ist. Viele Leute haben gesagt, dass dafür kein Platz sein darf in unserer Gesellschaft.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ganz sicher nicht. Wenn ich in vielen Diskussionen nicht die Details kenne, erlaube ich mir auch kein Urteil. Aber was dieses Thema angeht, kann ich schon sehr deutlich sagen, dass ich das in Deutschland nicht haben möchte.

Sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich zu Wort gemeldet und die Aussagen von Gauland als „niederträchtig“ bezeichnet.

Das hat mich natürlich gefreut. Vor allem, weil sie sich so klar und deutlich geäußert hat, was, glaube ich, auch wichtig ist. Nicht nur für mich, sondern auch für unser Land.

Haben Sie als Kind, das in Berlin aufgewachsen ist, Rassismus erlebt?

Den habe ich durchaus erlebt, aber das ist schon länger her.

Sie sind jetzt ein Fußballstar, der von der Gesellschaft geschützt wird.

Ja, da haben Sie recht. Aber das wünsche ich mir natürlich auch für meine Kinder und für alle Kinder, die in Deutschland leben und weniger geschützt werden als ich.

„Es war eine schlimme Nacht, vor allem für viele Menschen in Paris“

Auch bei den Anschlägen in Paris wurden Sie als deutscher Nationalspieler gemeinsam mit ihren Teamkollegen besonders geschützt. Sie haben kurz nach der Nacht vom 13. November gesagt, dass es das bislang schlimmste Erlebnis in Ihrem Leben gewesen ist. Wie haben Sie die Erlebnisse inzwischen verarbeitet?

Ich glaube, ganz gut. Es ist ja auch inzwischen eine Zeit lang her. Ich habe Abstand gefunden, aber es bleibt dabei: Es war eine schlimme Nacht, vor allem für viele Menschen in Paris, eine Nacht, die niemand ähnlich wiedererleben will. Ich hoffe sehr, dass nichts passiert bei der EM. Und nicht nur dort.

Machen Sie sich Sorgen oder können Sie die wegschieben?

Ganz wegschieben kann ich es sicherlich nicht.

Es fällt ein bisschen schwer, jetzt zum Thema Fußball zu wechseln. Aber wenn wir gerade beim Thema Sorgen sind, dann müssen wir wohl auch über die Defensive sprechen.

Wir wissen genau, an welchen Details wir noch arbeiten müssen. Die Defensivarbeit fängt vorne an, das war auch eine unserer großen Stärken bei der WM in Brasilien, und so ist es auch bei den Bayern: Da arbeiten wir als ganze Mannschaft defensiv. Wenn das nicht der Fall ist, können hinten die besten Abwehrspieler stehen und sehen trotzdem schlecht aus.

Ist es ein Problem für Deutschland, wenn Ihr Abwehrkollege Mats Hummels wegen einer Verletzung die ersten Vorrundenspiele verpasst?

Wichtig ist, dass wir den jungen Spielern vertrauen, die dann für Mats auflaufen würden. Und dann wären natürlich auch die Führungsspieler gefragt, die dann etwas mehr Verantwortung übernehmen müssen.

„Besonders für Marco tut es mir leid“

Einer, der Verantwortung übernehmen wollte, ist Marco Reus…

Das stimmt. Sein Ausfall ist sehr bitter. Ich habe das auch erst heute Morgen vom Bundestrainer erfahren. Besonders für Marco tut es mir leid. Aber auch für uns als Mannschaft ist es ein großer Verlust. Seine Qualitäten können wir nicht so einfach ersetzen. Und trotzdem: Nun müssen eben einige junge Spieler ihre Chance suchen, zum Beispiel Leroy Sané.

Wie hat sich Ihre Rolle innerhalb der Mannschaft verändert?

Ich bin seit der WM 2010 immer mehr in eine Führungsrolle reingewachsen. Mit Per Mertesacker, Philipp Lahm und Miroslav Klose sind drei Leistungsträger nach der WM 2014 weggefallen – und ich bin einer derjenigen, der jetzt mehr Verantwortung übernehmen muss.

Können Sie nach der EM in Frankreich überhaupt noch verhindern, Kapitän zu werden?

Ach, das habe ich ja auch schon öfter gesagt. Natürlich ist das ein tolles Amt, eine Ehre, gerade für mich mit der Hautfarbe und dem Hintergrund. Aber ganz ehrlich: Ich brauche diese Bestätigung durch die Binde auch nicht. Für mich ist es Ehre genug, wenn ich für Deutschland spiele. Das merke ich jedes Mal, wenn die Nationalhymne ertönt. Das ist immer ein besonderes Gefühl.

Entschuldigen Sie die Frage: Aber was haben Sie mit der Binde vom Wochenende aus dem Spiel gegen die Slowakei gemacht?

Die habe ich bei meiner Auswechslung Benedikt Höwedes gegeben (lacht). Danach habe ich die nicht mehr gesehen.

Nach dem Länderspiel am Sonnabend gegen Ungarn haben Sie noch zwei Tage frei. Was machen Sie?

Ich fahre nach Hause nach München, verbringe ein bisschen Zeit mit meiner Familie – und sage den Nachbarn mal freundlich hallo.