Champions-League-Finale

Hier geht es um viel mehr als um Europas Krone

Beim Endspiel in der Königsklasse treffen sich Real und Atlético Madrid zum finalen Derby. Die Teams haben verschiedene Motivationen.

Real Madrids Cristiano Ronaldo (M) setzt sich gegen Mario Suarez (r.) and Koke von Atletico Madrid durch

Real Madrids Cristiano Ronaldo (M) setzt sich gegen Mario Suarez (r.) and Koke von Atletico Madrid durch

Foto: Alberto Martin / dpa

Madrid.  Es gibt wenige Spieler, die in ihrer Karriere so viel gewonnen haben wie Fernando Torres (32). Weltmeister. Europameister. Champions League. Gestern jedoch meinte man, seine Augen flackern zu sehen, die Stimme schien belegt.

„Ohne jeden Zweifel das wichtigste, speziellste, schönste Spiel meines Lebens“, sagte der Mittelstürmer von Atlético Madrid über das Duell in Mailand mit Real Madrid am Sonnabend (20.45 Uhr, ZDF und Sky). „Mit dem Klub zu gewinnen, dessen Fan ich schon mit fünf war und immer noch bin, würde alles in den Schatten stellen, was ich erlebt habe.“

Champions-League-Finale. Madrilenisches Derby. Für die übrige Welt vielleicht nicht die spannendste Konstellation, aber das ist vor allem Atlético egal. Diese Mannschaft ist auf einer Mission.

„Das Spiel unseres Lebens“

Dieser Klub will sich mit seiner Geschichte versöhnen. „A lo civil o a lo criminal“ („gesetzlich oder kriminell“), also egal auf welche Weise, gelte es zu siegen, sagte Präsident Enrique Cerezo.

Er zitierte damit einen Ausspruch des Klubheiligen Luis Aragonés, dessen Freistoßtor vor 42 Jahren nicht zum Titel reichte, weil Bayerns „Katsche“ Schwarzenbeck es in der letzten Minute der Verlängerung egalisierte. Vor zwei Jahren in Lissabon war es dann Real Madrids Sergio Ramos, der in der dritten Minute der Nachspielzeit noch Atléticos Führung ausglich.

„Das Spiel unseres Lebens“ – das sagen auch die anderen bei Atlético. Es gilt die Aufsteigergeschichte der letzten Jahre zu krönen. Profis wie Abwehrchef Diego Godín, Führungstorschütze in Lissabon, oder der junge Koke schlugen mehrfach besserdotierte Angebote anderer Vereine aus.

Simeone überzeugte sie mit der Aussicht, den Titelgewinn nachzuholen, die ersten Atlético-Champions im wichtigsten Europapokal zu werden, sich unsterblich zu machen. Heute ist der Abend.

Trainer Simeone setzt auf viel Hokuspokus zur Einstimmung

Bei so viel Pathos wird eine Menge auf das Emotionsmanagement ankommen. Simeone weiß das und verordnete positives Denken: „Im Leben gibt es keine Revanche, nur zweite Chancen.“ Außerdem organisierte er jedes Detail in den Vorbereitungen genau andersherum als vor zwei Jahren.

Damals kam die Mannschaft einen Tag vor dem Spiel, diesmal zwei. Damals flog sie ohne Familie und Freunde, diesmal mit. Etcetera. Weil es Glück gebracht hatte, erschienen wie schon gegen Barcelona und Bayern der Kapitän Gabi und Torres zur Abschlusspressekonferenz mit dem Trainer, der mystische Neigungen verärgert dementierte: „Sie unterschätzen die Arbeit von Profis“.

Im Vergleich dazu kommt Real routiniert daher. Ein Sieg würde ja keine alten Geister beerdigen, sondern nur den nächsten Titel in die Vitrine holen, den elften. Andererseits: was heißt schon „nur“ bei einem Klub, der sich seit jeher über den Europapokal definiert.

Angst vor zweitem titellosen Jahr in Folge

Zudem würde eine Niederlage das zweite titellose Jahr in Folge bedeuten und grundsätzliche Debatten befördern wie jene, warum Spaniens einstiger Vorzeigeklub bloß eine der letzten acht Meisterschaften gewinnen konnte. Im Hintergrund wabern schon wieder die Gerüchte, selbst hinsichtlich der Zukunft desjenigen, der für die ganze Malaise am wenigsten kann.

Zinédine Zidane hat den besten Start hingelegt, seit es Real-Trainer gibt. In der Liga holte er als Nachfolger des im Januar geschassten Rafael Benítez stolze 53 von 60 Punkten und jagte zuletzt mit einer Serie von zwölf Siegen den FC Barcelona bis an die Ziellinie.

Die Mannschaft schwärmt von ihm, die Fans verehren ihn, das vorher so aufgeheizte Ambiente ist befriedet. Doch der Verein hat jede Gelegenheit verstreichen zu lassen, ihn noch vor dem Finale für die nächste Saison zu bestätigen. Stattdessen soll der auch in Italien umworbene Sevilla-Trainer Unai Emery angewiesen worden sein, sich für alle Fälle bereitzuhalten.

Bei 18 Auftritten in San Siro hat Real noch nie gewonnen

„Ich weiß nicht, ob ich mir eine Weiterbeschäftigung verdient habe“, sagte Zidane selbst vor ein paar Tagen, „mir fehlt noch jede Menge, um ein großer Trainer zu werden.“ Tatsächlich wurde er beim letzten Aufeinandertreffen mit Atlético in der Liga von Simeone locker ausgecoacht.

Aus der 0:1-Heimniederlage zog Zidane systematische Schlüsse. Er beförderte den Zerstörer Casemiro auf die zentrale Position vor der Abwehr und verordnete dem Team einen kontrollierten, für Real-Verhältnisse defensiven Stil – eher in der Tradition der französischen Schule, unter der er einst Weltmeister wurde.

Angriffsspektakel ist also nicht zu erwarten: Simeones Kontrollmanie gegen Zidanes Tiefenentspanntheit. Für Atlético spricht immerhin der Ort. Während es erst vor gut zwei Jahren im San Siro siegte, hat Real bei 14 Auftritten in Mailand noch nie gewonnen.