DFB-Pokalfinale

BVB-Kapitän Hummels braucht den Pott

Im Pokalfinale gegen Bayern sind die Augen vor allem auf Dortmunds Kapitän Mats Hummels und sein letztes Spiel für den BVB gerichtet.

Mats Hummels feiert den Pokalsieg 2012 nach dem Sieg gegen die Bayern

Mats Hummels feiert den Pokalsieg 2012 nach dem Sieg gegen die Bayern

Foto: imago/Bernd König / IMAGO

Berlin.  Mit beiden Händen legte er den Ball auf den Punkt. In den nächsten zehn Schritten zurück wird ihm vieles durch den Kopf gegangen sein. Der bevorstehende Wechsel zum FC Bayern zum Beispiel. Gedanken, die er mit einer zackigen Drehung in Richtung Tor abzuschütteln erhoffte. Dann ein kurzes Trippeln, ein kraftvoller Anlauf, vier Schritte – und ein Schuss in Frankfurts Abendhimmel, der fortan als Synonym für jenen Verrat gilt, den Fans im Wechsel eines Spielers von „ihrem“ Klub zum Erzrivalen sehen. Fans, die den Fußball mit Vokabeln wie Liebe oder Treue überfrachten.

Natürlich weiß Mats Hummels um das Orwell’sche Jahr 1984, um „Lothar Matthäus vor seinem Wechsel von Mönchengladbach nach München“ und um die Millionen Augen, die den künftigen Rekordnationalspieler wie der „Große Bruder“ im Roman des britischen Schriftstellers beobachteten. Bei jedem Pass, bei jedem Zweikampf – und natürlich auch bei dem Elfmeter, durch den Gladbach das Pokalfinale verlor. „Da liegen 20 Tonnen auf den Schultern“, ist sich Hummels sicher. Dass später auch noch Klaus Augenthaler für die Bayern und Norbert Ringels für Gladbach nicht trafen – geschenkt. Matthäus war der Schuldige.

Ob Hummels, der Innenverteidiger von Borussia Dortmund, in einer vergleichbaren Situation diesen Weg zum ominösen Punkt gehen wird, am Sonnabendabend im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern im ausverkauften Olympiastadion? Der Nationalspieler antwortet ohne zu zögern mit einem „Puh, mal sehen“. Er müsste es, weil er der Kapitän des BVB ist, Nationalspieler obendrein. Und weil er mit einem Treffer zu einer Legende der Borussia werden könnte. Auch wenn ihm viele den Status wegen des Wechsels zu den Bayern, ausgerechnet zu den Roten, längst abgesprochen haben.

Mit 27 Jahren hat er nahezu alles erreicht

Keine Personalie in diesem Sommer birgt mehr Brisanz als Hummels’ Rückkehr nach München. In der Landeshauptstadt bekam er das Rüstzeug, in Dortmund reifte er zu jenem Fußballprofi, der mit seinen 27 Jahren nahezu alles erreicht hat. Deutscher Meister 2011 und 2012, DFB-Pokalsieger 2012, Champions-League-Finalist 2013 und natürlich Weltmeister 2014. Beim Triumph in Brasilien manifestierte sich Hummels’ Bild von einem Verteidiger von Weltklasseformat, auch wegen seiner beiden Kopfballtore gegen Portugal in der Vorrunde (4:0) und Frankreich im Viertelfinale (1:0).

Dank ihm erreichte der BVB seit 2012 immer ein Finale. Einige werden sagen: trotz Hummels. Denn bei aller spielerischen Klasse bleibt auch festzuhalten, dass Hummels keineswegs fehlerfrei agiert. Er selbst sagt von sich: „Ich erwarte bei jedem Spiel von mir, dass ich keine Fehler mache. Das hat noch nie geklappt.“ Weder bei ihm noch bei irgendeinem anderen Profi.

Am Sonnabend aber müsste es klappen in Berlin. Das weiß Hummels. „Jeder Fehler, den ich mache, wird endlos seziert werden. Am besten spiele ich perfekt. 100 Prozent Passquote, 100 Prozent gewonnene Zweikämpfe“, skizziert er seinen letzten BVB-Auftritt.

Weltklasseverteidiger, aber keine Marke

Und selbst dann würde es für einen Teil der BVB-Anhänger wohl nur für artigen Applaus reichen. Jene, die auch künftig für Dortmund spielen, würden sicher lautstärker gefeiert. Dass es Hummels wäre, der als Kapitän den Pott als Erster in den Händen halten würde, sorgt für eine nicht unwesentliche Pikanterie am Rande. Und für das i-Tüpfelchen in der Causa Hummels/Bayern in einer Zeit, in der die viel zitierte Vereinstreue nur eine Erinnerung ist an Zeiten, da die Unterhaltungsbranche Profifußball keine Milliarden Euro schwer gewesen ist und ein Spieler noch keine Marke war.

Es ehrt Hummels (und befeuert all jene Fußballromantiker), wenn er sich auf seiner Internetseite zitieren lässt mit: „Ich möchte keine Marke sein, lieber ein Weltklasseverteidiger und eine starke Persönlichkeit.“ Doch genau aus diesem Grund zog er in den vergangenen Wochen die Enttäuschung vieler Sympathisanten auf sich. Weil er einst den Wechsel von Mario Götze nach München scharf kritisierte – und nun den gleichen Weg wählt. Weil er lieber einen Titel mit Dortmund als fünf mit den Bayern holen wolle.

Hummels will mit dem Pokal ins Bett

Damit wird er auch im von Pep Guardiola geprägten und von Carlo Ancelotti fortgeführten Bayern-Kosmos ab Sommer umgehen müssen. Ebenso wie mit dem Vorwurf der Heuchelei, mit dem er aus der Masse der enttäuschten BVB-Schar seit Bekanntwerden seines Seitenwechsels im April konfrontiert wird.

Nur ein Pokalfinale, das keine Fragen offen lässt, kann Hummels’ achteinhalb Jahre beim BVB zu einem versöhnlichen Abschluss bringen. Hummels braucht den Pott, so wie er die Unterstützung aus dem Pott, aus Dortmund, in all den Jahren gebraucht hat, um zu jenem Weltklassespieler zu werden, der es auf den Wunschzettel der Bayern schafft.

Lothar Matthäus übrigens sieht in jenem Fehlschuss vom Mai 1984 „einen Moment, den ich gern aus meiner Karriere löschen möchte“. Hummels möchte „den Pokal mit in mein Bett nehmen, wenn wir gewinnen“. Daran würde sicher auch ein verschossener Elfmeter nichts ändern.