Fußball

Einblicke in den Stuttgarter Scherbenhaufen

Nach der Niederlage gegen Mainz und dem Platzsturm haben die Schwaben den Abstieg vor Augen. VfB-Manager Dutt appelliert an die Ehre.

Foto: Matthias Hangst / Bongarts/Getty Images

Stuttgart.  Schon am Tag nach dem chaotischen Platzsturm herrschte beim VfB Stuttgart wieder triste Normalität. Knapp 50 Anhänger verfolgten bei strahlendem Sonnenschein das Auslaufen ihrer Mannschaft, die kurz vor dem Abstieg in die Zweite Liga steht.

Anstelle von wütenden Protesten gab es am Sonntag Wünsche nach Selfies und Autogrammen, niemand mochte sich anscheinend mehr über den sportlichen Absturz aufregen. Die Szene spiegelte das Bild eines Klubs wider, in dem wohl nur noch die größten Optimisten an den theoretisch noch möglichen Klassenverbleib glauben.

„Das ist alles nicht spurlos an uns vorbeigegangen“, beteuerte Sportvorstand Robin Dutt mit Blick auf die Szenen nach dem 1:3 gegen Mainz. Hunderte wütende Anhänger hatten sich auf dem Rasen versammelt und den Dialog mit der Mannschaft gefordert. Dutt war der Einzige, der am Tag danach öffentlich sprechen wollte.

„Auf worst case sehr gut vorbereitet“

Der für gewöhnlich redselige Manager sprach mit leiser Stimme und gesenktem Kopf. „Dass Wut und Enttäuschung der Fans groß sind, kann man verstehen“, meinte der 51-Jährige. „Es geht jetzt nicht nur um die theoretische Chance, es geht auch um Anstand und Ehre.“ Dutt versicherte, dass der Klub „auf den möglichen worst case sehr gut vorbereitet“ sei.

Am Vortag hatten sich VfB-Urgestein Christian Gentner und der von den Anhängern verehrte Kevin Großkreutz mutig den wütenden Fans gestellt. Der Kapitän und der erst im Winter verpflichtete Hoffnungsträger versuchten die auf den Platz gestürmten Anhänger zu beruhigen, die vor der Haupttribüne und dem Spielertunnel für Aufruhr und Chaos sorgten. Vereinspräsident Bernd Wahler sprach mit belegter Stimme von einer „teilweise bedrohlichen Situation“.

Leicht hätte die Lage sogar noch stärker eskalieren können. Aber Großkreutz und Gentner trugen mit ihren couragierten Auftritten mitten unter den brodelnden Anhängern entscheidend zur Beruhigung bei. Wie sehr der hautnahe Kontakt den beiden Profis an die Nieren ging, zeigten auch Großkreutz’ Tränen. „Ich kann die Fans verstehen“, sagte der Verteidiger. „Wir sind dafür verantwortlich.“

Kramny bliebt Trainer

Auch Trainer Jürgen Kramny äußerte sichtlich betroffen ein gewisses Verständnis für die Reaktionen: „Die Leute sind enttäuscht.“ Der Frust habe dazu geführt, dass einige Anhänger „auf uns losgegangen sind. Das müssen wir erst mal zusammen verarbeiten“.

Dutt versicherte, dass Kramny auch beim Saisonfinale auf der Bank sitzen wird: „Es ist wichtig, dass wir nach den Geschehnissen des Spieltags als Einheit gemeinsam mit Jürgen diesen Schritt gehen.“ In die Partie beim VfL Wolfsburg am Sonnabend setzen Trainer, Mannschaft und Vereinsspitze nun ihre letzten Hoffnungen. „Aufgeben gibt es nicht“, beteuerte Kramny nach dieser „brutalen Geschichte. So lange rechnerisch noch was möglich ist, muss man es versuchen.“

Der als einziger Stuttgarter überzeugende Torhüter Mitch Langerak sagte: „Es wird unglaublich schwer, aber es ist möglich.“ Der Australier verhinderte bei seiner Bundesliga-Premiere für den VfB in fünf Eins-gegen-Eins-Situationen ein Debakel. So blieb es bei den Mainzer Treffern durch Yunus Malli (37.), Jhon Cordoba (53.) und Karim Onisiwo (77.). Der FSV steht damit als Europa-League-Teilnehmer fest. Gentner hatte zunächst große Hoffnungen beim VfB geschürt (6.).

Aber nach der fünften Niederlage in Serie ist selbst Relegationsplatz 16 fast außer Reichweite. Nur bei einem Sieg in Wolfsburg und einer Heimniederlage von Bremen gegen Frankfurt schafft es der VfB auf Platz 16 – oder wenn er bei einem Bremer Sieg sechs Tore auf die Frankfurter gutmacht.